Humarkt – Auf der Suche nach einer nachhaltigen und menschlicheren Wirtschaftsordnung

Verfasst 6. Februar 2008 von schaefer12345
Kategorien: Betrachtungen

Als der Zweite Weltkrieg im Mai 1945 zu Ende ging, schien der Kapitalismus als Wirtschaftsordnung keine Zukunft mehr zu haben.[1] Denn Adam Smiths Votum für das Vertrauen in die unsichtbare Hand hatte eben keine friedlichen Verhältnisse gebracht, sondern eine sich schnell wandelnde und zerrissene Gesellschaft erzeugt, in der Arbeitskampf und Konflikt an die Stelle von Wertschätzung von Arbeit und Verantwortung von Seiten der Eliten getreten waren.[2] Man streikte, schloss aus, kolonialisierte die Welt und führte Krieg.

Insbesondere der deutsche Sonderweg, der in der gezielten Entwicklung von Wissenschaft, Schwerindustrie bestand, hatte dazu geführt, dass nahezu mittelalterlich denkende Machthaber auf einmal über die produktivste und modernste Wirtschaft auf der Welt verfügten. Offensichtlich waren Demokratisierung und wirtschaftliche Entwicklung nicht zwangsläufig miteinander verbunden.[3]

Aber auch in anderen Ländern hatte das geradezu abergläubische Vertrauen in den „freien Markt“ dazu geführt, dass wichtige menschliche Bedürfnisse in Zeiten der Not nicht beachtet wurden. Erst mit der Weltwirtschaftskrise wurde klar, dass in einer von großen Industrieunternehmen dominierten Wirtschaftslandschaft wirtschaftliche Entwicklung und Stabilität, eben entscheidend vom Investitionsverhalten dieser wenigen und mächtigen Entscheidungsträger abhängen und dass man deren Dominanz und Einfluss auf irgendeine Art und Weise beschneiden sollte.[4] 

Aber der Kapitalismus hatte natürlich nicht nur Konflikt, sondern auch erhöhten Wohlstand gebracht. Die Suche nach fähigen Managern und Wissenschaftlern hatte eine bisher ungekannte soziale Mobilität in Gang gesetzt, die sich räumlich im raschen Wachstum der Städte ablesen ließ. Und diese Städte bestanden eben nicht nur aus Quartieren des Proletariats, sondern ermöglichten die freie Interaktion der Menschen in ganz unterschiedlichen Situationen. Das Individuum hatte auf einmal die Möglichkeiten aus den bisherigen festgefügten Standeszugehörigkeiten auszubrechen und sich selbst neu zu definieren.

Man begab sich in Vereine, Debattierklubs, Tanzsäle, kurzum entdeckte und bestaunte das Neue.[5] Dieses zaghafte Loslösen von den festgefügten Identitäten einer monarchischen und militaristisch geprägten Ständekultur möchte ich als ersten Freiheitsschub bezeichnen.

Allerdings hatten die neuen Freiheiten auch einen verunsichernden Charakter. Jeder war nun seines Glückes Schmied, und wer sich nicht integrieren konnte, hatte schnell mit einem Problem zu kämpfen, das von Durkheim als Anomie bezeichnet wurde, dem Alleinsein, der Ausgegrenztheit. Und in gewisser Weise kann man das nationalsozialistische Experiment auch als einen Versuch betrachten, zu einer Gesellschaft zurückzukehren, die den einzelnen einen konkreten Platz zuweist und ihnen dabei hilft, normale Lebensziele zu erreichen, was natürlich die Freiheit des Einzelnen sehr stark einschränkte.[6]

Die Nachkriegsordnung war ein gezielter Versuch, einen guten Kompromiss zwischen Dynamik und Stabilität, bzw. zwischen Freiheit und gefestigten Identitäten zu finden. Man versuchte die Konfliktpartner nicht nur international (UNO, EG), sondern auch national an den Verhandlungstisch zu holen. In den Industriestaaten entwickelte sich die Trias Staat – Unternehmen – Gewerkschaften, die im Grunde genommen eine Neuauflage des Ständesystems bedeutete.

Doch schon sehr bald zeigten sich die Grenzen eines solchen Systems.[7] Das Wachstum der Nachkriegsjahre erzeugte einen bisher ungekannten Wohlstand für breite Schichten der Bevölkerung und setzte einen zweiten Freiheitsschub in Gang – die kulturelle Revolution von 1968. Man wollte aus den engen Normen der bürgerlichen Gesellschaft ausbrechen und eine Welt schaffen, in der Klassenunterschiede weniger wichtig waren und in welcher der Einzelne sich selbst verwirklichen konnte, anstatt sich in ein Wirtschaftsystem mit vorgegebenen Lebensläufen einzufügen.

Diese neue Vielfalt wurde aber zunehmend durch eine Entwicklung in Frage gestellt, mit der in dieser extremen Form kaum jemand gerechnet hatte: Die Entwertung des Faktors Arbeit durch den technischen Fortschritt. Wo der Übergang von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft zunächst noch Entlastung und zusätzliche Freiheit bedeutet hatte, zeichnete sich jetzt immer mehr ab, dass auch Dienstleistungsjobs wegrationalisiert und verlagert werden können. Der neuen Freiheit fehlte zunehmend die materielle Grundlage, was bedeutete, dass zwar alle die gleichen Rockkonzerte hören konnten, sich die effektiven Verwirklichungschancen für viele jedoch verringerten. Dies ist gleichbedeutend mit einer Machtverschiebung weg von den Gewerkschaften hin zu den Unternehmen, welche die Arrangements aus der Nachkriegszeit zunehmend in Frage stellen.[8] 

Wir sind also in einer Situation, in der ökonomische Sachzwänge zunehmend das Leben der Menschen bestimmen und in dieses empfindlich eingreifen. Die neue Flexibilität[9] verhindert nicht nur die Konstruktion starker Identitäten (Stichworte: Weltflucht und Drogenkonsum), sondern bedroht z.B. auch die Stabilität von Familien (Stichworte: Singlehaushalte, Fernbeziehungen und niedrige Geburtenrate).  

Das ist gleichbedeutend mit der Aussage, dass ein möglicher dritter Freiheitsschub, der durch eine mehr auf menschliche Bedürfnisse ausgerichtete humane Marktordnung – Humarkt – ausgelöst werden könnte, durch Tendenzen wie die Bündelung von Wirtschaftsmacht in wenigen Unternehmen und an wenigen Orten und die Verringerung der Handlungsspielräume der nationalen und internationalen Politik verhindert wird. Denn nach der graduellen Loslösung von staatlichen Zwängen (Befehl) und wirtschaftlichen Sachzwängen (Anreiz), hatte sich eine Verlagerung der Koordination des praktischen Lebens in Richtung Kooperation abgezeichnet (Partizipation).

Doch wie genau sollte eine solche humane Marktordnung aussehen? Nun, die Menschen sollten in der Lage sein, selbstständig (Frage nach dem Wie?) die ihnen wichtigen Ziele zu verwirklichen (Frage nach dem Was?).

Es geht also um Selbstorganisation, um partizipative Verfahren und um Konsensfindung anstatt der autoritären Durchsetzung von Zielen. Und diese Ziele sollten die Menschen zunehmend aus sich heraus finden, anstatt gesellschaftliche Moden zu übernehmen, die meist einer kleinen Elite dienen. Konkret denke ich da etwa an Reformen des Geldsystems, dass neben strikt materiellen Komponenten, die dem Wirtschaftsprozess dienen, auch immaterielle Komponenten belohnen sollte, die für den weiter gefassten Sozialprozess wichtig sind. Wenn etwa Erziehungsarbeit, Vereinsarbeit oder politische Arbeit über Wertschätzer Anerkennung findet, haben die Bürger auch wieder die Möglichkeit sich über mehrere Zugehörigkeiten zu definieren, was insgesamt die Stabilität und Nachhaltigkeit der Gesellschaft erhöht. Durch solche Maßnahmen könnte auch die abnehmende Wichtigkeit der Erwerbsarbeit im sozialen Gefüge kompensiert werden.[10]

Ein weiterer Ansatz besteht in der bewussten Lokalisierung von Wertschöpfung, gemäß dem Motto – Effizienz nur da, wo sie wirklich Sinn macht! Denn all die Wirtschaftsbereiche, die nicht direkt auf dem Weltmarkt konkurrieren müssen, bzw. deren Beitrag zur Gesamtproduktivität und damit zum Wohlstand eher gering ist, können nach Kriterien organisiert werden, die der menschlichen Natur mit ihrer Fragilität, Langsamkeit und Kreativität eher entsprechen.[11]

Es gilt also nach der Kulturkritik nun auch die Sozialkritik an der Moderne umzusetzen[12] und Institutionen zu schaffen, die ein größeres Bedürfnisspektrum als die bisherigen thematisieren. Ziel solcher Reformen sollte es sein, erstens größere soziale Konflikte zu vermeiden, zweitens, nicht in die Enge klassischer korporativistischer Strukturen zurückzufallen und drittens, eine Gesellschaft zu ermöglichen, die meritokratisch ist (hohe soziale Mobilität) und so vielen Menschen wie möglich erlaubt, an ihr als vollwertiges Mitglied teilzuhaben.

 


[1] Selbst Joseph Schumpeter hatte in „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ (1944) wenig Vertrauen in die Zukunft des Kapitalismus.

[2] Verglichen mit den Verwerfungen des 19. und 20. Jahrhunderts, kann man das 18. Jahrhundert durchaus als ein eher friedliches und harmonisches Zeitalter betrachten, in dem sich das aufstrebende Bürgertum viele Rechte erkämpfen konnte.

[3] Vgl. Max Webers Gedanken zur Monopolisierung und dem Machtüberhang der Großunternehmen in Wirtschaft und Gesellschaft (1922), Kap. VI Die Marktvergesellschaftung (Fragment).

[4] Hieraus erwuchsen zwei Strömungen: Die der Stabilisierung mit Hilfe von Fiskal- und Geldpolitik und die der Machtbegrenzung durch Kartellbehörden. Siehe auch Walter Euckens Schriften zu Macht und Markt.

[5] Vgl. Georg Simmel „Die Großstädte und das Geistesleben“ (1903).

[6] Bedeutende Soziologen wie Sombart, Durkheim und Weber waren sich dieses Problems bewusst. Durkheim und Sombart plädierten zu Beginn des 20. Jahrhunderts für eine korporativistiche Gesellschaftsordnung und Weber implizit wohl auch, obwohl er der neuen Bürokratie misstrauisch gegenüber stand, da er die Freiheit des Individuums gefährdet sah.

[7] Auf die Umweltproblematik, also auf die berühmten biologischen „Grenzen des Wachstums“ will ich hier nicht weiter eingehen, obwohl ich mir ihrer Wichtigkeit sehr bewusst bin.

[8] Die Reallöhne stagnieren seit etwa 20 Jahren und die Produktivitätssteigerungen kommen fast ausschließlich den Kapitaleignern und dem Management zugute.

[9] Vgl. Richard Sennett „Der flexible Mensch“ und „Die Kultur des neuen Kapitalismus“. Interessant sind auch die Überlegungen zur Brasilianisierung der Arbeitswelt und Zygmunt Baumans Gedanken zur Gesellschaft der Unsicherheit. Ein gutes Begriffspaar zur Beschreibung von sozialer Ausgrenzung ist die Unterteilung in Citizens und Denizens, also in Menschen, die erfolgreich an der Gesellschaft teilnehmen können und solche, die nicht dazu in der Lage sind.

[10] Auch die Eigentumsstruktur der Betriebe kann und sollte im Hinblick auf mehr Teilhabe der Mitarbeiter hin überdacht werden.

[11] Vgl. Richard Sennetts neues Buch „Handwerk“ (2008) .

[12] Vgl. Boltanski, L. / Chiapello, E. „Der neue Geist des Kapitalismus“ (2006)

 

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Erinnerungen an Genua

Verfasst 4. Juni 2007 von schaefer12345
Kategorien: Betrachtungen

Auf das Treffen der G8 in Genua im Jahr 2001 war ganz Italien gespannt. In vielen Orten diskutierten die Menschen über die Probleme der Globalisierung und die anzustrebenden Veränderungen. Damals war z.B. das Buch „No Logo“ von Naomi Klein in aller Munde.

Der Tenor des Widerspruchs war friedlich, auch wenn etwas Unheimliches in der Luft lag. Viele wollten nach Genua pilgern, manche sogar barfuß und ganz in weiß gekleidet.

In Genua geschah dann dass, was wir alle wissen. Zu den friedlichen Demonstranten gesellten sich wenige hundert vom „Black Bloc“ und lieferten sich heftige Straßenschlachten mit der Polizei. Die italienische Polizei reagierte äußerst heftig und bei den Auseinandersetzungen kam der Italiener Carlo Giuliani zu Tode.

Das problematische an der Sache war, dass die italienische Gesellschaft nicht die regelmäßigen Konflikte zwischen den Autonomen und der Polizei kennt, wie das für Deutschland üblich ist. Es schien, als ob diese extra aus Nordeuropa angereist waren.

Später kursierten dann ähnliche Gerüchte wie heute, die vermuteten, dass sie extra von der Polizei, bzw. von G8-Sympathisanten angeheuert worden waren, um die friedlichen Proteste zu delegitimieren.

Über Gerüchte kann man bekanntlich ewig spekulieren – Fakt ist, dass Berlusconi in den Medien versucht hat, die Sache für sich auszuschlachten, was zum Teil sehr groteske Züge annahm und auch dem Letzten klar machte, wie groß sein Einfluß auf die italienischen Medien ist.

Zurück blieb ein ohnehin sehr skeptisches Volk, denn man hatte ja von sehr vielen Bekannten gehört, wie die Dinge wirklich abgelaufen waren.

Irgendwie habe ich dass Gefühl, dass etwas ähnliches in Deutschland im Gange ist. Denn auch in unserer Gesellschaft wird die Berichterstattung zunehmend einseitiger. Und dabei ist es völlig egal, ob die Autonomen nun eigenmächtig den Konflikt mit der Polizei herbeiführen, oder ob unter Ihnen jemand für die Krawalle bezahlt wird.

Es bleibt das Gefühl, dass die Show wichtig gemacht wird, um die mehr als wichtigen Anliegen der Demonstrierenden (vgl. Joseph Stiglitz „Die Chancen der Globalisierung„), in den Hintergrund zu drängen.

2001 haben noch viele Journalisten leicht abfällig über die Zustände in Italien berichtet. Ich frage mich nur ob wir 2007 etwas viel besseres erleben werden.

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Von der Kurzsichtigkeit der Mächtigen, von Ausgrenzung und von der Notwendigkeit des Dialogs

Verfasst 7. Mai 2007 von schaefer12345
Kategorien: Betrachtungen

Die vor kurzem durch geführte Protestaktion ‚Geld oder Leben‘, deren Erklärung übrigens sehr lesenswert ist, macht mehr als deutlich, dass etwas faul ist. Und das nicht nur im Staate Dänemark, und auch nicht nur in Deutschland, sondern in weiten Teilen Europas, wenn nicht gar der Welt.

Das große Thema heißt Ausgrenzung. Wir leben in einer Gesellschaft, in der auf der einen Seite einige wenige Reiche offensichtlich nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen (siehe Gumball 3000), auf der anderen Seite aber immer mehr Menschen Schwierigkeiten haben, ein Auskommen zu finden. Und mittlerweile scheinen wir an einem Punkt angekommen zu sein, in dem selbst krasse ‚Lebenslaufoptimierung‘, also die Ausrichtung von Ausrichtung von Studien- und Lehrzeit an den Anforderungen der Wirtschaft, nicht mehr unbedingt zum Ziel führt.

Die Folge sind Proteste, Apathie und Vereinzelung (hier sei nur der Begriff von der negativen Individualisierung erwähnt) und eine ansteigende Unzufriedenheit mit der derzeitigen Ordnung.

All diese Phänomene sind nicht neu, denn ein kurzer Blick auf die Geschichte zeigt, dass sowohl die wirtschaftlichen Veränderungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts (Weberaufstände, krasse Arbeitsbedingungen der ersten Industriearbeiter), als auch die Ursachen und Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zum Muster von Ausgrenzung – Unzufriedenheit – Reaktion führten. Im Zuge der ersten Welle entstand der Marxismus und im Zuge der zweiten Welle der Faschismus – bedenklich, oder?

Allerdings ist etwas neu an der heutigen Situation und das könnte man mit der Schwachheit der Mächtigen beschreiben. Denn wir haben heute weder einen herrschgewohnten Adel, noch ein rücksichtslos aufstrebendes Großbürgertum. An die Stelle von Unterdrückung und Ausbeutung (19. Jh.) und Diffamierung und politischer Verfolgung (20. Jh.) ist die stille Manipulation, die Verstrickung im System getreten.

Und manchmal kann man von den Mächtigen fast meinen: „…und sie wissen nicht was sie tun. “ Wie anders kann man sich den Rückzieher bei der Rallye Gumball 3000 erklären? Man missbraucht und missachtet Strukturen und Gesetze, kann dann aber mit den Folgen der eigenen Handlungen nicht wirklich umgehen.

Diese Überlegung läßt sich auch auf die Manipulation der Politik übertragen. Das blinde Vertreten des Eigeninteresses, oft halbseiden gerechtfertigt durch eine für heutige Zeiten zu einfach gestrickte Ideologie ruft Wirkungen hervor, die man nicht wahrhaben will, zu denen man nicht den Mumm hat, offen zu stehen. Man streitet ab, verliert sich in Statistiken oder wechselt einfach zum nächsten Punkt der Tagesordnung. So verwundert es vielleicht auch nicht, dass die Partei, welche die Interessen der Wirtschaft am vehementesten vertritt – die FDP – den Beinamen ‚Spaßpartei‘ trägt.

Nun ist es aber nicht leicht zu sagen, ob diese Schwäche eher positiv oder negativ zu bewerten ist. Fakt ist, dass sie Folge sowohl eines tieferen Verständnisses der menschlichen Natur, als auch einer Kultur des Dialogs ist, welche sich zumindest in manchen Bereichen unserer Gesellschaft etablieren konnte. Der Wohlstand hat die Härte vermindert und der Dialog zwischen den Ethnien und das Wegbrechen altehrwürdiger Wahrheiten haben dazu geführt, dass man heutzutage nicht mehr mit dem Selbstverständnis eines preußschen Generals durch die Welt stolzieren kann. Dazu ist zuviel passiert. Die Linie von Gut und Böse lässt sich nur verschwommen zeichnen.

Das Wegbrechen des Absoluten, die Befreiung also von simplen Ideologien ist übrigens schon von Michel Foucault thematisiert worden, der empfahl nicht zu polemisieren, sondern zu problematiseren. Denn Polemik ist die Verteidigung einer Ideologie durch sprachliche Mittel wie Diffamierung oder Leugnung. Beim Problematiseren erkannt man hingegen implizit an, das es keinen Sinn hat, die Welt in das Korsett einer Ideologie pressen zu wollen, dass es nun einmal Grauzonen gibt, das Perfektion in menschlichen Gesellschaften ein Ideal bleiben wird.

Und im Grunde ist dieser Übergang von der Polemik zum Problematisieren ein gewaltiger zivilisatorischer Fortschritt, denn an die Stelle von Aggression tritt zunehmend Empathie und Verständnis. Denn als Diskursstrategie impliziert das Problematisieren pragmatische Lösungen im Gegensatz zu ungesundem Aktionismus, welcher der Strategie der Polemik eigen ist.

Man kann nur hoffen, dass wir die anstehenden Probleme in diesem Sinne lösen, uns also für die Strategie des Dialogs anstatt der Polemik entscheiden werden. Denn was auf der Agenda steht, ist alles andere als einfach – und hier sei nur das Wegbrechen von Arbeitsplätzen in allen drei Sektoren, in der Landwirtschaft, der Industrie und bei den Dienstleistungen erwähnt, welches eben zum wiederholten Male zum Problem der Ausgrenzung führt.

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Entwicklung und die vier Möglichkeiten, die menschliche Zusammenarbeit zu organisieren

Verfasst 1. Mai 2007 von schaefer12345
Kategorien: Wirtschaftspolitik

Manchmal bringen einen gute Gespräche wirklich weiter. Neulich habe ich mit einem Freund zusammengesessen und wir haben darüber diskutiert, wie wirtschaftliche Entwicklung langfristig möglich wird. Und abgesehen von den üblichen Schlagworten wie Bildung, Kapitalakkumulation und Technologietransfer sind uns einige Zusammenhänge aufgefallen, die ich hier kurz darstellen möchte.

Offensichtlich setzt eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung einige kulturelle Errungenschaften voraus. Und dazu lohnt sich ein kleiner Exkurs zu den vier Möglichkeiten, die menschliche Zusammenarbeit zu organisieren.

Die vier Möglichkeiten der Organisation

Es gibt vier Möglichkeiten Entscheidungen im zwischenmenschlichen Bereich zu treffen: Befehl, Tausch, Partizipation und Liebe. Und alle vier sind mehr oder weniger im Laufe der Geschichte eingesetzt worden.

Da wäre zunächst der Befehl. Arbeit ist oft befohlen worden, sei es in Form von Zwangsarbeit, Sklaverei oder in abgeschwächter Form auch in Planwirtschaften. Hinter dem Befehl stand dabei die Androhung von Strafen unterschiedlicher Form.

Die zweite Form ist der Tausch. Menschen bieten ihre Arbeitskraft auf Märkten an und tauschen Arbeitsleistungen gegen das Tauschmittel Geld. Offensichtlich erlaubt diese Form der Koordination eine größere Flexibilität, Effizienz und Dezentralität beim Wirtschaften, weshalb eine Tauschwirtschaft die Bedürfnisse der Individuen besser abdeckt als eine Zwangswirtschaft. Das Problem einer auf Tausch basierenden Wirtschaft ist aber der Umstand, dass ein Tausch unfair sein und der an sich freiwillige Tausch Zwangscharakter annehmen kann, wenn einer „seine Haut zu Markte tragen“ muss.

Die dritte Form ist die Partizipation. Diese Art der Entscheidungsfindung ist oft recht aufwendig, ist aber langfristig am ehesten geeignet, nachhaltige Resultate hervorzubringen. Wenn alle mit im Boot sitzen, ist es wahrscheinlich, das keiner ausgegrenzt wird und einmal getroffene Entscheidungen auch mitgetragen werden.

Die vierte Form ist die Liebe. Die Bedürfnisse der anderen und sich selbst kennend, tut man einfach was gut und wichtig für die anderen ist und trägt somit zum Wohle der Gemeinschaft bei. Der Nachteil dieser Koordinationsform ist, dass sie wohl immer auf wenige besondere Individuen und Gruppen begrenzt sein wird. Allerdings betonen alle großen Religionen die Wichtigkeit dieser Koordinationsform.

Wirtschaftliche Komplexität und die vier Formen

Mal abgesehen von der From der Liebe, die als Ideal immer wieder auftaucht, aber eben eher ideelle Bedeutung besitzt, hat die technisch-organisatorische Entwicklung der letzten einhundert Jahre einiges zur Verbreitung von Partezipation und damit von Demokratie beigetragen.

Denn es liegt ja auf der Hand: Feldarbeit und einfache handwerkliche Tätigkeiten kann man gegen das Vertrauen der Menschen unter Androhung von Strafe durchsetzen. Und die meisten Formen der bäuerlichen Abhängigkeit von einer sie ausbeutenden, sie gelichzeitig aber auch beschützenden kriegerischen Kaste haben durch krude Ausübung von Macht funktioniert.

Auch die ersten Fabrikarbeiter mussten unter menschenunwürdigen Bedingungen ihr Brot erwerben und die damaligen Bürgerlichen machten zuerst keine Anstalten ihre neuen Privilegien mit den unteren Schichten zu teilen.

Aber je komplexer die Wirtschaft wurde, umso wichtiger wurde die Ausbildung der Menschen – das Humankapital, umso wichtiger wurde der einzelne. Denn einem Verantwortlichen für eine Großchemieanlage gibt man besser keine Befehle, sondern versucht eine vertrauensvolle und verantwortliche Atmosphäre zu schaffen.

Und ausgebildete Menschen wollen in der Regel bei Entscheidungen mitreden, weshalb sich letztendlich die offene Gesellschaft mit relativ großen Verwirklichungschancen für den Einzelnen durchsetzte. Wer etwas aus sich machen wollte, konnte dies in Zeiten, in denen gutausgebildete Fachkräfte gesucht wurden, auch tun. Die Zeit des partizipativen Entscheidens war gekommen.

Dunkle Wolken am Himmel

Das Problem bei jeder Form von kulturellen Errungenschaft ist aber, dass sie nicht von Dauer sein muss. Dies gilt auch für die partezipative und demokratische Entscheidungsfindung. Denn schon wenige Veränderungen in der technischen Produktionsweise können zu einer radikalen Veränderung des sozialen Aktionsfeldes führen.

So scheint zum Beispiel die moderne Kommunikationstechnologie zwei problematische Folgen zu haben: Zum einen macht sie viele Arbeitnehmer überflüssig, was zu einem harten Konkurrenzkampf um die wenigen verbliebenen Stellen führt und weshalb immer schlechtere Arbeitsbedingungen akzeptiert werden. Zum anderen ermöglichen Internet & Co. auch eine viel bessere Überwachung der Arbeitnehmer.

Beide Tendenzen öffnen indirektem Zwang und Kontrolle Tür und Tor und führen begleitet von Existenzangst zu einer Repression von Partezipation und Selbstverwirklichung, was dramatische Auswirkungen auf das Glück der Menschen hat.

Denn wer nicht beteiligt wird, ist nicht wirklich bei der Sache und hat Schwierigkeiten sich wirklich mit seiner Arbeit zu identifizieren, mal abgesehen von der Tatsache, das die empfundene Unfreiheit auch nicht mit Leichtigkeit akzeptiert wird.

Was können wir tun?

Soziale Entwicklung war immer eine schwierige Sache und gesellschaftliche Neuerungen brauchten Zeit, um sich durchzusetzen. Allerdings bedeutet das nicht sozialen Rückschritt stillschweigend zu akzeptieren. Denn immerhin gibt es eine lebendige Kultur der Partezipation – das wird allein schon durch die heutigen, wenig autoritären Familienmodelle deutlich – und ein Zurück zur Duckmäuser- oder gar Sklavengesellschaft ist schwer vorstellbar.

Daher sollten wir gezielt überlegen, welche gesellschaftlichen Innovationen eingeführt werden können, um die Kultur der Partezipation zu festigen. Es gilt also, den Respekt für das Individuum wieder mehr in den Mittelpunkt zu stellen und von Argumentationen, die mit Sachzwängen argumentieren, loszukommen.

Denn immerhin sind wir die drittreichste Nation der Welt, eine Tatsache, die sich auch im kulturellen Niveau widerspiegeln sollte.

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Klavierstunden und Freiheit

Verfasst 21. April 2007 von schaefer12345
Kategorien: Betrachtungen

Vom Aufstieg Europas

Nach mehr als tausend Jahren Finsternis begann sich Europa einem Organisationsmodell zuzuwenden, das schon einmal die menschliche Kultur auf einen Höhepunkt gebracht hatte – der Polis. An verschiedenen Stellen Europas begann im 15. Jh. der Handel zu blühen und die Städte konnten sich aufgrund verschiedener Umstände der Kontrolle von Adel und Klerus entziehen.

Diese Befreiung von starrer Autorität manifestierte sich auch innerhalb der Gesellschaften und zu den Ständen Adel, Klerus und Bauern gesellte sich das Bürgertum, welches sich langsam aber sicher immer mehr Rechte erkämpfte. Die Geschicke der Bürger unterschiedlicher Ecken Europas gestalteten sich jedoch unterschiedlich. So erlaubte es die Dominanz Spaniens den Südeuropäern oft nicht, sich frei zu entfalten. Auch die Rückständigkeit vieler deutscher Fürsten bremste den Handel und Wandel. Dabei waren entweder zu hohe Steuerlasten oder das Zugestehen exklusiver Monopole der Grund für das Versickern von Initiative und Kreativität.

Und so begab es sich, dass England und die Niederlande zu Motoren der freien Initiative wurden, wobei zu Beginn interessanterweise das steuerliche Interesse Burgunds dazu führte einigen Großkaufleuten ihre monopolistischen Bestrebungen zu verbieten. Später wurden dann diese Regeln, sowie ein starker Föderalismus in die Verfassung der Generalstaaten aufgenommen.

Die Entwicklung in Deutschland und Österreich

Während in England und den Niederlanden relative Religionsfreiheit herrschte, war der Einfluss Spaniens in Deutschland viel stärker zu spüren. Der dreißigjährige Krieg bremste die allgemeine Entwicklung und nach seinem Ende gelang es Preußen und Sachsen sich neben einigen süddeutschen Fürstentümern wirtschaftlich und kulturell zu behaupten. Dabei wurden beide zum Motor der deutschen Entwicklung, jedoch mit unterschiedlichen Grundprägungen und Zielen. Die Sachsen bezogen ihren Reichtum aus Bergbau und Handel und strebten natürlich auch nach größerem politischen Einfluss, letztendlich gaben sie jedoch viel Geld für Kunst und Kultur aus.

Preußens Entwicklung war, wie wir wissen, asketischer und militaristischer. Die Demütigung der Brandenburger führte, wie das bei Demütigungen oft der Fall ist, zu unterschwelligen Rache- und Dominanzgelüsten. Auch die napoleonische Invasion trug zur Verstärkung dieser Grundhaltung bei. Für Preußen war wirtschaftliche Blüte Mittel zum Zweck. Demzufolge hatte es das aufstrebende Bürgertum in Preußen immer schwer, sich gegen den rückständigen Landadel durchzusetzen. Dresden und Leipzig waren Horte von Kunst, Handel und Kultur, was sich auch im Stadtbild widerspiegelte. Berlin erreichte niemals dieses Selbstverständnis und diese Eleganz.

Österreich war stärker spanisch dominiert und der dreißigjährige Krieg hatte der Entwicklung Böhmens stark zugesetzt. Allerdings mussten die Kaiser aufgrund steuerlicher Bedürfnisse immer wieder Zugeständnisse machen, was im Endeffekt dazu führte, dass die Freiheiten der einzelnen Stände relativ groß waren.

Die Entwicklung von Kultur und Denken

Das aufstrebende Bürgertum war eine positive neue Kraft, die vor allem Freiheit vom Joch des Adels forderte. Dieses Bestreben schlug sich in der Doktrin des Laissez-faire nieder. Als aufstrebende Kraft versuchten die Bürger nicht nur wirtschaftlich stärker, sondern auch moralisch und kulturell besser zu sein als der Adel. Ein guter Bürger war strebsam, ehrlich und erzog seine Kinder. Musik- und Literaturpflege waren innere, bauliche Schönheit und Komfort von Gebäuden äußere Anzeichen des bürgerlichen Lebensgefühls.

Und diese Werte wurden auch in meiner Familie gelebt. Mein Urgroßvater war fleißig und wurde um die Jahrhundertwende (also 1900) Versicherungsdirektor bei der Aachener Versicherung, was ihm ermöglichte, ein komfortables Haus in Frankfurt/Main zu beziehen und meinem Großvater und seinem Bruder unter anderem den Klavierunterricht zu finanzieren.

Die andere Seite der Familie war eher ländlich geprägt. Ein Urgroßvater war Gutsverwalter, der andere Lehrer und Maler, was dazu führte, dass mein Großvater eine gute Geige spielte, und meine Großmutter zeitlebens ihre Finger nicht von der Kunst lassen konnte.

Der Verfall der bürgerlichen Werte

Aber diese Blüte war nicht von langer Dauer, denn die Evolution der Arbeitsteilung läutete eine neue geschichtliche Epoche ein – die der großen Monopole und des überbordenden Nationalismus. Während in den USA Madisons in der Verfassung verankerte Idee von den Checks and Balances letztendlich zur Einführung des Sherman Act (1890) und zur Zerschlagung von Rockefellers Standard Oil Company in „sieben Schwestern“ führte, verbanden sich in Europa die Interessen der Großindustriellen zunehmend mit den alten Vormachtsbestrebungen der Adelshäuser, was zur Kartellisierung der Wirtschaft und zum militärischen Wettrüsten führte.

Möglich wurde diese Entwicklung durch die Eisenbahn, welche die Märkte viel größer machte und durch die rasante technologische Entwicklung, welche zu immensen Skalenerträgen führte. Die Welt atomistischer Konkurrenz, also der Konkurrenz unter gleichen Preisnehmern begann zu verschwinden. An ihre Stelle traten Massenproduktion und –distribution, sowie großflächige Werbung – die Massenkommunikation.

Und plötzlich kamen die alten Dominanzbestrebungen wieder zum Vorschein. Endlich schien man nicht mehr auf diese selbst denkenden, kritischen und singenden Bürgersöhne angewiesen zu sein, endlich konnte man sich wieder mal so richtig austoben und den anderen zeigen, dass man der Stärkere war. Der erste Weltkrieg brach aus und beendete die Belle Epoque.

Der erste Weltkrieg war ein Nullsummenspiel, weil natürlich die anderen Nationen denselben dummen Traum geträumt hatten. Der Adel dankte ab und die Zeit der Wirren brachte Wien zumindest wissenschaftlich noch einmal zum neuem Glanz. Die Klavierstunden meines Großvaters konnten nur deshalb weiter bezahlt werden, weil mein Urgroßvater zu Inflationszeiten einen Teil seiner Bezüge in Dollar erhielt.

Großinteressen

Doch das strukturelle Problem bestand weiter, was sich, auch in einer Änderung der dominanten bürgerlichen Denkweise äußerte. Märkte waren nicht mehr Mittel zum Zwecke eines guten Lebens – voll von Kunst, Kultur und Humanismus – nein Märkte wurden zum Zweck an sich und dienten dabei den Interessen weniger Großindustrieller. An den Universitäten behauptete sich die ahumane und ahistorische neoklassische Ökonomie, die mit ihrem Anstrich von Berechenbarkeit und Logik stark der großindustriellen Planung ähnelte.

Gier verband sich mit Dummheit, Lokalpatriotismus und Brutalität. Hurra schreiende Horden liefen durch das Land, maschinengestanzte Papierhakenkreuze wurden aus Flugzeugen über Aachen abgeworfen (wo die Nazis wohl die Industriestanzen und die Flugzeuge herhatten?) und Großvater wurde Soldat. Die Gesellschaft verwandelte sich vom freien Athen zum despotischen Sparta und Drill und Kameraderie prägten das Leben der Jugend. Der öffentliche Raum der kleinen Polis, der wohltuende Wettbewerb, der gegenseitige Respekt waren verschwunden. Die künstlerische Begabung meines Großonkels, der manchmal noch heute – mit über neunzig – Walzer von Chopin auf seinem abgegriffenen Klavier spielt, diente nur noch dazu, die Truppe vor der Schlacht von Dünkirchen aufzumuntern, aus welcher zwei Drittel des Regiments nicht zurückkehrten. Meine Großeltern böhmischen Ursprungs verloren einen Großbauernhof und ein stattliches Bürgerhaus und eine vierhundert Jahre alte kulturelle Verwurzelung im Sudetenland galt auf einmal nichts mehr (meine Vorfahren waren mit dem Herzog von Luxemburg nach Prag gegangen, als dieser böhmischer König wurde). Beide Familienseiten hatten außerdem mit der Trennung durch die Mauer und dem Einleben in fremde Landstriche zu kämpfen, was in Zeiten wirtschaftlicher Knappheit nicht immer einfach war.

Nach Jahrhunderten sorgsam gepflegter Kultur und mühsam errungener Rechte schien die Zukunft der Gesellschaft Verrohung, Militarismus und Konflikt zu bedeuten. Die Feinde der offenen Gesellschaft dominierten. Nicht umsonst schrieb sogar Schumpeter vom Marsch in den Sozialismus.

Einhegung des Kapitalismus und Blüte

Doch zum Glück gab es Menschen, die ihre Herkunft nicht vergessen hatten und versuchten, die alten Werte wiederzubeleben. Eucken, Röpke und Hayek begründeten den Ordoliberalismus und beschworen die Tugenden der dezentralen Ordnung. Kreativität, Mittelstand und Völkerverständigung waren an der Tagesordnung, die UNO wurde gegründet und der Traum vom vereinigten Europa wurde langsam Wirklichkeit.

Ehrhardt bastelte an der sozialen Marktwirtschaft, der Mittelstand boomte und der Einfluss der Großindustrie wurde durch Kartellgesetze bzw. Zwangsverstaatlichung zurückgedrängt. Die Produkte wurden vielfältiger und auch lokaler und die Relevanz der Skalenerträge verringerte sich etwas. Von nun an sollten die Früchte der Entwicklung wieder vielen zu Gute kommen und sie sollten vor allem dem Leben dienen und nicht der
Selbstverwirklichung irgendeines größenwahnsinnigen Phantasten.

Aber es war auch viel zerschlagen worden und vor allem der Osten musste die Folgen des Wahns ausbaden. Aber auch hier zeigte sich trotz Planwirtschaft viel Gutes; trotz aller Schwierigkeiten gab es doch Theater, Ausstellungen, Musikpflege (meine Großmutter sparte sich das Geld für den Klavierunterricht meiner Mutter vom Mund ab, sowie übrigens auch die Stalinbände, die man in der frühen DDR kaufen musste…) und den Willen zum Frieden – heimlich pflegte man bürgerliche Tugenden. Letztendlich versank aber auch das Sparta des Ostens, da sich die kreativen Kräfte nicht gegen den Altersstarrsinn und die militaristische Prägung der Führungsriege durchsetzen konnten. In der Pionierzeit hasste ich den sportlichen Drill und den Gruppenzwang und meine Mutter war heilfroh, dass die Mauer fiel, bevor ich mir mit meinen Zweifeln und meinem eigenen Kopf bei der FDJ richtig Ärger einhandeln konnte.

Neues Spiel, neues Glück

Das Zusammenrücken der Welt nach dem Ende des kalten Krieges und die technologische Entwicklung der letzten 20 Jahre haben ein neues Zeitalter eingeläutet. Alles wird größer, schöner und effizienter, aber auch unsicherer, unhöflicher und unmenschlicher. Und schon wieder gibt es sie – diese Herolde, welche die Interessen der Großindustrie und das ungehinderte Schalten großindustrieller Planer als „natürlichen Kapitalismus“ verkaufen wollen und schon wieder ist der bürgerliche Mittelstand, und all das was er verkörpert, in Gefahr.

Bezahlte Schreiberlinge verkünden uns von den zukünftigen Wonnen der Technologie und den Wundern unkontrollierter Märkte, wo doch das letzte Jahrhundert gezeigt hat, dass das mit der Technologie und den Versuchungen des Menschen ganz schön schief gehen kann. Die Gesellschaft teilt sich und Klavierunterricht ist zwar wieder bezahlbar geworden, erscheint aber nur noch als ein Mittel zum Zweck; auf das der Zögling ein begabter Stratege im Kampf um die besseren Verkaufszahlen werde. Wer nicht dem Diktat der technischen Effizienz folgt und gern entdeckt, denkt oder komponiert, riskiert ein Schattendasein. An die Stelle von selbstständig denkenden Menschen treten ängstliche Dogmatiker, die niemals wagen würden, den Status quo in Zweifel zu ziehen.

In der deutschen Wissenschaft zählt oft nicht mehr, ob man denken kann und kreativ ist; nein heute zählen die Publikationen, was dann oft dazu führt, dass ein wenig an den Variablen irgendeines Modells herumgespielt wird, anstatt Neues zu erdenken. Das ganze braucht dann bloß noch in ein fesch klingendes Paper verpackt werden und schon kann man weiterhetzen auf der Suche nach noch mehr falscher Anerkennung.

Allerdings gibt es auch Zeichen der Hoffnung. Langsam scheinen auch die Großindustriellen zu begreifen – diejenigen nämlich, die international wettbewerbsfähig sein müssen – dass es nicht gut sein kann, die Gesellschaft vor die Hunde gehen zu lassen. Deshalb hat sich zum Beispiel neulich in Italien Luca Montezemolo, seines Zeichens Vorsitzender der Confindustria, mit Silvio Berlusconi angelegt.

Und hier beobachtet man einen interessanten Interessenkonflikt innerhalb der Industriellen. Wer begabte Ingenieure und Manager braucht, um in internationalen und dynamischen Märkten wettbewerbsfähig zu bleiben, hat ein Interesse an bürgerlichen Tugenden, wie Bildung, Kreativität und Selbstorganisation (Es lebe der internationale Wettbewerb!) Wer sein Geld hingegen in lokal geschützten Märkten und Quasimonopolen wie den Unterhaltungsmedien, der Versorgungs- und Dienstleistungsbranche im allgemeinen verdient, der fälscht auch schon mal eher eine Bilanz oder manipuliert ein Gesetz zu seinen Gunsten. Ist ja einfacher. Und an Dummen verdient es sich leichter…

Doch dass der Gruppenkonformismus und der Wahn weniger, so manchen Firmen immer wieder zum Verhängnis werden, zeigt auch die „tolle“ Performance einiger deutscher Automobilbauer. Die Welt ist und bleibt nun einmal unsicher und man sollte den Kritikern schon ein bisschen Platz lassen, denn niemand kann, trotz aller sorgsam gehegten und umschmeichelten Wunschvorstellungen, hundertprozentig wissen, was morgen sein wird.

Die Polis und der öffentliche Raum sind also wieder zunehmend gefragt, denn mit ungebildeten und unkritischen Mitläufern wird man den Chinesen und Indern nicht das Wasser reichen können. Die Strukturen bleiben allerdings beunruhigend und die Bürgergesellschaft wird es mit allerlei Untiefen und Eisbergen zu tun bekommen.

Hoffentlich werden meine Kinder, so wie ich, die griechischen Sagen lesen, singen, Instrumente spielen und relativ unbekümmert leben können. Und dass, ohne das mir jemand versucht weiszumachen, was gutes Leben sei und welche Farbe meine Nase haben muss, damit ich auch noch mit 75 sexy bin.

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Dialektik der Aufklärung

Verfasst 27. März 2007 von schaefer12345
Kategorien: Betrachtungen

Das soziale Gefüge ist in Unordnung. Das kann man unschwer an Artikeln wie diesem oder auch einem meiner älteren Beiträge erkennen.

Der Lebensstil, in den wir gerutscht sind, hat einen bitteren Beigeschmack bekommen. Dabei sind es wie so oft die fast unscheinbaren Veränderungen des täglichen Lebens, welche große Probleme verursachen.

Man ist Individuum geworden, d.h. man braucht zwar immer noch sozialen Kontakt, aber die Bindung zu Gruppen kann man zunehmend als auf einer „fragilen Freiwilligkeit“ beruhend beschreiben. Die Bedeutung der Familie nimmt ab, die Bedeutung der Kirche nimmt ab, die Bedeutung der Gewerkschaften nimmt ab.

Überhaupt wird uns ein Idealtypus vermittelt, dass ich den gierig-intelligenten Menschen nennen möchte. Jeder versucht, basierend auf seiner Intelligenz und Schönheit, das Beste für sich herauszuschlagen. Heraus kommt eine dem Konsum verfallene Kultur mit vielen physisch schönen Menschen, großen Autos und Eigenheimen.

Dieser Individualismus stößt jedoch immer mehr an seine Grenzen, denn er unterhöhlt nicht nur die natürlichen Grundlagen, wie unsere Umwelt im allgemeinen, sondern auch die sozialen Grundlagen, wie das Vertrauen ineinander und den sozialen Zusammenhalt. Heraus kommen oft Personen, die aneinander vorbeireden, nicht mehr zuhören können und im Kopf eigentlich schon bei ihrem nächsten, wie auch immer gearteten, Projekt sind.

In einem gewissen Sinne kann man auch vom Verlust der Weiblichkeit, der Toleranz und Sanftheit in der Gesellschaft sprechen, was mich zum Titel führt. Horkheimer und Adorno haben „Dialektik der Aufklärung“ geschrieben, um festzustellen, dass das blinde Vertrauen in die Vernunft, dem Menschen z.B. immer mehr Mittel zur Beherrschung der Natur in die Hand gegeben hat, aber eben nicht die Reife mit diesen Mitteln auch umzugehen.

So hat z.B. die Einführung der Demokratie den Effekt gehabt, dass im Grunde genommen kleingeistige und verantwortungslose Typen wie Hitler oder Mussolini mit dem Schicksal ganzer Nationen spielen konnten.

Heute würde keiner mehr Kriege vom Zaun brechen, um polnische Bauernhöfe zu erobern, aber die Mentalität der Gier, das schneidige Egomanentum ist dieselbe geblieben. Anstatt den geschaffenen Reichtum zu pflegen und etwas für die langfristige Gesundheit unserer Kultur zu tun, geben wir Leuten das Steuer in die Hand, die, vollkommen an der Realität vorbei, von Wachstum schwärmen, eigentlich aber auf Umverteilung von unten nach oben aus sind.

Dabei will ich nicht behaupten, dass kein Wachstum möglich ist, denn auf qualitativer Ebene gibt es immer wieder Veränderungen. Nur ist es eben einfacher Wachstum in einer weitgehend ineffizienten Gesellschaft, wie etwa dem ländlichen China, zu erzeugen, als in einer durchorganisierten Gesellschaft, die nicht nur physisch, sondern vor allem auch psychisch an die vielzitierten „Grenzen des Wachstums“ stößt.

Wobei ich wieder beim Thema bin. Wir müssen uns fragen, ob wir für unseren materialistischen Lebensstil nicht nur unsere psychische Gesundheit, sondern auch das Wohlbefinden weiter Teile der Bevölkerung und vielleicht sogar die Zukunft unseres Planeten opfern wollen. Und diese Frage ist nicht neu, wenn auch extrem wichtig, denn all diese Dinge sind schon oft gesagt worden.

Im Grunde genommen geht es um den Konflikt zwischen Weit- und Engherzigkeit. Eine weitherzig geprägte Intelligenz sieht die Zwiespältigkeiten unserer heutigen Gesellschaft und versucht, mitfühlend, für alle einen Platz sicherzustellen. Eine engherzige Intelligenz lebt hingegen in einem wie auch immer gearteten Konflikt mit den anderen und versucht das Beste für sich herauszuschlagen.

Und genau hierin zeigt sich nämlich eine weitere Dialektik der Aufklärung: Es ist nicht nur problematisch engstirnigen Typen das Herrschen zu überlassen, sondern wenn es unterlassen wird, gemeinschaftliche Werte zu pflegen, kann eine Kultur ganz schnell in „kurzfristig vernünftige Unvernunft“ abgleiten und dabei die eigene Zukunft aus dem Blickfeld verlieren.

Die USA sind sicherlich etwas weiter vorn auf dem Pfad der Unvernunft, aber auch die momentane Entwicklung in Europa verheißt wenig Gutes.

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Man muss seine Feinde kennen

Verfasst 22. März 2007 von schaefer12345
Kategorien: Buchtipp

Angesichts der Veränderungen der letzten Jahre meint so mancher wohl, dass es schlimmer nicht mehr kommen könnte. Der Mittelstand rutscht ab, die benachteiligten Schichten werden mehr oder weniger bewußt sozial ausgegrenzt und auch der einst in Deutschland so wichtige Umweltgedanke verliert an Bedeutung.

Doch halt! Die Anzeichen mehren sich, dass das ganze Methode hat. Im Artikel „Straubhaar und die Erbschaftssteuer“ habe ich darüber berichtet, dass jetzt auch in Deutschland immer mehr privat finanzierte Institute wirtschaftspolitische Handlungsempfehlungen abgeben, deren Umsetzung oft nicht das Wohl der Allgemeinheit, sondern das weniger Privilegierter erhöhen würde.

Letztendlich scheinen wir einen ähnlichen Prozess durchzumachen, wie die Amerikaner oder die Briten, die sich von der Mittelstandsgesellschaft immer mehr verabschieden. Paul Krugman hat dieser Entwicklung den Namen „The great unraveling“ gegeben, was soviel wie Entwirrung oder auch Ausverkauf bedeutet. Krugman schreibt im gleichnamigen Buch (In Deutsch „Der große Ausverkauf“) über die Auflösung sozialstaatlicher Institutionen durch die radikale Rechte in den USA.

Genauer und weit ausgreifender kann man die Entwicklung in Richard Parkers Biografie von John Kenneth Galbraith „His Life, His Politics, His Economics“ verfolgen. Galbraith war einer der einflussreichsten amerikanischen Ökonomen des 20. Jahrhunderts und hat seitdem er für John F. Kennedy tätig war, so ziemlich alle demokratischen Präsidentschaftskandidaten beraten.

Im Buch erfährt man z. B. wie der American Business Roundtable immer mehr Einfluss auf die amerikanische Politik gewann und auch das seit Anfang der siebziger Jahre, kritische Ökonomen zunehmend an Einfluss verloren. Die Rückständigkeit der Ökonomie als Wissenschaft hat also Methode, denn die Themen die Galbraith während seiner Amtszeit als Vorsitzender der American Economic Association (AEA) ansprach, sind auch heute noch hochinteressant. Er gab auch den Anstoß zu Joan Robinsons berühmter Rede „What are the questions?“, die im Paper „The Second Crisis of Economic Theory“, 1972, American Economic Review wiedergegeben ist. Insgesamt ist das Buch nicht nur eine Beschreibung von Galbraiths Leben, sondern gibt so manchen interessanten Einblick in die jüngere Geschichte der USA.

Beide hier kurz vorgestellten Bücher eignen sich dazu zu begreifen, wo momentan in Deutschland die Reise hingeht. Denn es gibt eindeutige Parallelen. Anstatt sich aber davor zu fürchten, was noch alles kommt, sollten wir uns anhand solcher Bücher klar darüber werden, was möglich ist und unser Schicksal in die Hand nehmen. Denn die neue Welt wird nur für sehr, sehr wenige schön werden.

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