Archive for the ‘Ökonomische Theorie’ category

Die Gedanken sind frei… oder doch nicht?

19. Februar 2007

Richard Wilk hat einmal gesagt, dass die Ökonomen die Hohepriester unserer Zeit seien, weil sie den öffentlichen Diskurs und die getroffenen Entscheidungen mit ihren Lehren prägen.

Das an sich ist erst einmal nichts Neues. Interessant wird es aber, wenn sich etwas mehr mit dieser Aussage beschäftigt. Es ist nämlich nicht nur so, dass Ökonomen im Allgemeinen den Diskurs um WIrtschaftsthemen bestimmen, was im Falle einer pluralistisch orientierten Ökonomie ja nichts besonderes wäre, sondern dass bestimmte Ökonomen von bestimmten Universitäten seit Jahrzehnten die wichtigsten Fachzeitschriften dominieren und die Nobelpreise unter sich ausmachen.

Wie auf der Webseite von PAECON, dem Netzwerk für eine post-autistische, also pluralistisch orientierte Wissenschaft, dargelegt wird, dominieren eine Handvoll von Universitäten das ökonomische Denken. Alle diese Universitäten sind von der Rand-Corporation – einem Ableger der Pentagons finanziert worden und sie rekrutieren ihr Personal hauptsächlich untereinander.

„In 1965, RAND created a fellowship program for economics graduate students at the Universities of California, Harvard, Stanford, Yale, Chicago, Columbia and Princeton, and in addition provided postdoctoral funds for those who best fitted the mold. These seven economics departments along with MIT’s, an institution long regarded by many as a branch of the Pentagon, have come to dominate economics globally to an astonishing extent.“

Das ökonomische Denken ist also hochgradig kontrolliert und manipuliert. Es erhält nur der Anerkennung und Forschungsressourcen, der die „richtigen“ Methoden benutzt und in den anerkennten Journals publiziert. Es versteht sich von selbst, dass nur linientreue Artikel in letzteren publiziert werden. Und natürlich kommt auch nur diese Art von „Elite“ an die wichtigen Stellen bei der Weltbank und dem IWF. Dass sie nicht sehr erfolgreich beim Aufbau der Welt waren, wissen wir.

Nun könnte man glauben, dass solch ein amerikanisches Phänomen uns in Europa nicht weiter zu interessieren hätte. Aber auch die europäische Volkswirtschaftslehre orientiert sich stark an Amerika und auch hier hat Erfolg, wer auf amerikanische Art und Weise publiziert und denkt. Denn auch in unseren Wirtschaftsforschungsinstituten zählt immer mehr, ob man ein paar Jahre in den USA verbracht hat und kontinentaleuropäische Denkrichtungen sind in Vergessenheit geraten.

Das ist auch der Grund, warum mit Ausnahme einiger seltener und tolerierter Querdenker von den großen Instituten kaum interessante Vorschläge gemacht werden und man progressives Gedankengut eher bei alternativen Forschungsinstituten, wie etwa dem Wuppertal-Institut suchen muss.

Aber die intellektuelle Prägung unserer Eliten ist entscheidend für den wirtschaftspolitischen Kurs der Zukunft – eine Tatsache, die viele, vor allem linke Politker offensichtlich nicht begriffen haben. Jegliche Politik wird, wie Keynes einmal so schön sagte, von den Ideen eines vielleicht längst verstorbenen Denkers inspiriert.

Und wenn unser akademischer Nachwuchs noch immer mit einer zutiefst konservativen und unrealistischen Lehre indoktriniert wird, brauchen wir uns auch nicht wundern, warum wir für unsere Industriegesellschaft keinen neuen gesellschaftlichen Konsens finden, der den Besonderheiten und der Komplexität unserer Zeit gerecht wird.

Es gilt also, Freiraum für andersdenkende Ökonomen zu schaffen, denn ansonsten werden sie nicht gehört, nicht verstanden und vergessen. Wer eine Alternative zum Neoliberalismus will, muss Orte schaffen, an denen neue Gedanken gedeihen können. Heute gibt es davon leider viel zu wenig, auch wenn es einige interessante Ausnahmen gibt.

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Rahmenbedingungen, Löhne und Kultur: Teil 1 – Aktivierung

3. Februar 2007

Hans-Peter Büttner hat einen interessanten Gastbeitrag im Oeffinger Freidenker verfasst, in welchem er den Inhalt und die Ergebnisse der Cambridge-Cambridge-Kontroverse beschreibt.

In den sechziger Jahren hatte eine Gruppe von Ökonomen um Joan Robinson und Piero Sraffa die neoklassische Theorie kritisiert und einige fundamentale Widersprüche aufgedeckt, sodaß man sagen kann, daß Politikempfehlungen auf ihrer Basis nicht ohne Probleme getroffen werden können.

Das Hauptproblem besteht in der Behandlung des Arbeitsmarktes. In der Neoklassik (siehe Abbildung) wird das Arbeitsangebot AA von Seiten der Arbeitnehmer, wie ein normales Angebot an Gütern behandelt. Ist der Lohn hoch, so steigt das Angebot, ist er niedrig, so sinkt es. Hieraus wird dann der Schluss gezogen, dass Arbeitslosigkeit die Folge eines Ungleichgewichtes zwischen Nachfrage und Angebot ist, die durch einen entweder explizit geregelten oder durch z.B. hohe Sozialabgaben implizit bestehenden Mindestlohn verursacht werden. Hieraus ergibt sich dann die bekannte Medizin zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit – die Senkung der Lohnkosten.

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Das Problem an dieser Angebotskurve ist, dass sie höchst unrealistisch ist, denn da die meisten Menschen von ihrer Arbeit leben müssen, sind sie gezwungen zu arbeiten. Die reale Angebotskurve sieht deshalb eher wie folgt aus:

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Wie wir sehen, ergeben sich mehrere Schnittpunkte zwischen den Kurven, was der Grund ist, warum ein Mindestlohn nicht nur negative Folgen haben muss. Denn letzendlich entscheidet ein Mindestlohn darüber, welchem Gleichgewicht man sich annähert, was wiederum enorme Konsequenzen für die Art das Selbstverständnis der jeweiligen Volkswirtschaft hat.

Betrachten wir zunächst den Punkt (A4, Wr1). Dies ist der Punkt ohne gesellschaftlichen Mindestlohn, also die Art von Gleichgewicht, welche die Neoklassiker mit ihrer Forderung nach einer Senkung des Mindestlohnes anstreben. Der Arbeiter ist gezwungen, seine Arbeitskraft zu einem sehr niedrigen Lohn anzubieten, um zu überleben. Er arbeitet sehr viel (Working poor), kommt jedoch kaum über die Runden. In einer solchen Situation hat er natürlich nicht die Ressourcen (Zeit und Geld), sich und seine Kinder weiterzubilden, weshalb es wahrscheinlich ist, dass sich seine soziale Position nicht ändern wird. In diesem Punkt, in welchem das Kapital seine Macht voll ausspielen kann, kommt es zum Phänomen der „Brasilianisierung der Arbeit“ (Ulrich Beck) und geringer sozialer Mobilität. Die Gesellschaft wird zur Klassengesellschaft, denn einer kleinen Elite von Kapitalbestitzern steht eine große Masse von Tagelöhnern gegenüber.

Der Punkt (A3, wr2) ist ein Gleichgewichtspunkt, der sich aufgrund eines gesellschaftlich als sinnvoll anerkannten Mindestlohnes einstellt. In dieser Situation hat der Arbeiter die Möglichkeit der Weiterbildung für sich und seine Kinder. Die Folge ist eine eher meritokratische Gesellschaft mit relativ großen Verwirklichungschancen für den Einzelnen, was sich positiv auf die kulturelle Kreativität, das allgemeine Bildungsniveau und die soziale Mobilität auswirkt.

In den beiden Punkten ergeben sich also verschiedene Anreizstrukturen, die ihrerseits den jeweiligen Volkswirtschaften zwei sehr unterschiedliche Entwicklungspfade nahe legen. In der Gesellschaft ohne Mindestlohn, gibt es klare Unterschiede zwischen Kapitaleignern und Arbeitern, was man auch an der klaren Trennung zwischen Luxus- und Massengütern erkennen kann. Aufgrund der geringen Kosten von Arbeit, gibt es geringe Anreize, in teure und effizientere Produktionsweisen zu investieren. Die verwandte Technologie ist eher arbeits- als kapitalintensiv. Hinzu kommt, dass natürlich eine technologische Elite (Siehe z. B. die Rolle, die Thorstein Veblen den Ingenieuren zugedachte) eine Bedrohung der Machtbasis der meist in oligopolistisch organisierten Kapitalbesitzer darstellt.

In einer Gesellschaft mit Mindestlohn und anderen wichtigen Rahmenbedingungen zur Sicherstellung von Wettberwerb hingegen, kann sich der Einzelne hocharbeiten und der Anreiz, neue Technologien zu entwickeln, ist groß. Die Gesellschaft entfernt sich von der festgefahrenen Klassenstruktur und wird kreativ und dynamisch. Es entsteht Massenproduktion, Massenkonsum und Massenwohlstand.

Diese Zusammenhänge sind insbesondere nach dem zweiten Weltkrieg sowohl in Amerika als auch in Europa implizit erkannt worden, was in den 50er und 60er Jahren zum Aufbau der Wohlfahrtsstaaten in Europa und den New Frontier- und New Growth-Programmen unter J.F. Kennedy und Lyndon B. Johnson geführt hat. Diese Entwicklung war dann auch die Grundlage für die kulturelle Revolution der 68er, die die Klassenunterschiede in Frage stellte und eine offene und eher egalitäre Gesellschaft anstrebte.

Allerdings hat die an sich positive Konzentration auf eine Verbesserung der Produktionseffizienz durch Bildung und technische Investitionen zu einer Reihe von Konsequenzen geführt, die unsere Kultur vor eine Reihe sehr schwierig zu lösender Probleme stellt.

Zur Aktivierung einer Volkswirtschaft taugt die Durchsetzung geeigneter Rahmenbedingungen und eines impliziten Mindestlohnes jedoch immer noch, wie uns nacheinander Japan, Korea und nun auch China, vorgemacht haben.

Wie man die Probleme von reifen Volkswirtschaften lösen könnte, wird Thema des zweiten Teils sein.

(Abbildungen Hans-Peter Büttner)

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Vermachtung, Pfadabhängigkeit und Verwirklichungschancen

20. Januar 2007

An den meisten deutschen Hochschulen, welche einen Studiengang in Volkswirtschaftslehre haben, wird den Studenten nur das dominante Paradigma – die neoklassische Theorie vermittelt.

Praktisch sieht das dann so aus, dass üblicherweise Einführungskurse in Mikro- und Makroökonomie gelesen werden, welche mit recht viel Statistik und Ökonometrie gewürzt sind und in seltenen Fällen ringt man sich dazu durch, etwas Theoriegeschichte und Institutionenökonomik beizumischen. Damit die Harmonie nicht gestört wird, ist die Theoriegeschichte meist so aufgebaut, dass das neoklassische Paradigma als die letzte Errungenschaft erscheint und die Institutionenökonomik (welche im Grunde Jahre des Studiums in ganz anderen Feldern wie Soziologie und Anthropologie voraussetzt, um wirklich verstanden zu werden) wird zu einem gut begründeten Lobgseang auf den Marktmechanismus.

Doch der Schein trügt. Die Volkswirtschaftslehre ist zutiefst reformbedürftig und in der Krise. Das sieht man an mehreren Anzeichen.

  1. Das Menschenbild ist zu simpel und liefert, wie schon im Post Ökonomie und Ethik betont, keinen Ansatzpunkt, um die Unterschiede zwischen den Menschen zu behandeln.
  2. Das Layout der Neoklassik ist mechanistisch und ähnelt, im übrigen darin der Physik vor Einstein. Komplexere, nichtlineare Zusammenhänge werden deshalb nur schwerlich fassbar.
  3. Die Versuche dieses Paradigma zu verteidigen, haben zum Ausschluß jeglichen abweichenden Gedankengutes geführt. Es werden also nicht nur entgegengesetzte Positionen, wie etwa der Marxismus, sondern auch korrigierende Ansätze, wie die auf Keynes zurückgehende Globalsteuerung mit Hilfe geigneter Fiskal- oder Geldpolitik zunehmend ins Abseits gedrängt.
  4. Mehrere Nobelpreisträger der Ökonomie, wie etwa John Hicks, Maurice Allais und auch Amartya Sen haben sich später zum Teil recht deutlich von ihren anfänglichen Positionen losgesagt, bzw. selbige relativiert und kritische Gedanken entwickelt.
  5. Mittlerweile haben die Gedanken von Ökonomen kaum noch Einfluss auf die politischen Geschehnisse, was vor allem in den USA zu egoistischem Karrierismus führt, wie David Colander schön beschreibt. Denn immerhin bietet so eine Professur ja einige Annehmlichkeiten…

Nun ist es aber nicht so, dass es keine kreativen, intelligenten und weitsichtigen Ökonomen gäbe, nur ist ihre Arbeit eben weitgehend unbekannt, denn auf sie stößt man erst, wenn man sich richtig gut auskennt.

Deshalb möchte ich drei Ökonomen vorstellen, welche übrigens aus recht unterschiedlichen Ecken kommend, versucht haben, die neueren Entwicklungen nachzuzeichnen und zu verstehen, aus welchen Gründen wir vor unseren heutigen Problemen stehen. Natürlich können die jeweiligen Ansätze nur skizzenhaft wiedergegeben werden.

Zunächst wäre da Douglass North, der sich, aus der Wirtschaftsgeschichte stammend, intensiv mit Institutionen und den ihnen imminenten Transaktionskosten auseinandegesetzt hat. In seiner Nobel lecture verabschiedet er sich vom neoklassischen Modell und macht die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Kultur von einer komplexen Mischung von formalen Regeln, informellen Normen und effektiven Methoden der Durchsetzbarkeit letzterer abhängig. Im Grunde greift er damit Max Weber’s Ansatz von der protestantischen Ethik und dem Geist des Kapitalismus auf und verallgemeinert diese. Erst wenn eine Kultur bestimmte, teilweise recht materialistische Werte entwickelt und diese gegenüber den einzelnen Mitgliedern effektiv durchsetzt, findet wirtschaftliche Entwicklung statt. Diese ist historisch betrachtet allerdings eher ein Einzelfall, denn

„Institutions are not necessarily or even usually created to be socially efficient; rather they, or at least the formal rules, are created to serve the interests of those with the bargaining power to create new rules. In a world of zero transaction costs, bargaining strength does not affect the efficiency of outcomes; but in a world of positive transaction costs it does.“

Nur wenn also die Eliten eines Landes wirtschaftliche Entwicklung wollen, weil das mit ihren Machtinteressen übereinstimmt, wird diese auch stattfinden. Die Geschichte Lateinamerikas spricht Bände.

Brian W. Arthur ist der findige Mathematiker unter den kritischen Ökonomen. In Spieltheorie und Statistik verhaftet, zeigt er wie komplex unsere heutige Wirtschaft sein kann, weshalb es schwierig wird, gute Entscheidungen zu treffen. Im besonderen ist es die technologische Entwicklung, welche nach bestimmten Regeln verläuft und unser Leben verändert. So kann es z.B. in einer Wirtschaft, die sich durch ‚increasing returns‘, also steigende Skalenerträge auszeichnet, zu Pfadabhängigkeiten kommen, was bedeutet, dass auch Wege eingeschlagen werden können, die nicht der Allgemeinheit dienen, sondern spezifischen Interessen. Somit lassen sich zum Beispiel die Debatten zu open-source-Projekten gut verstehen.

John Kenneth Galbraith, der im Grunde ähnliche Analysen wie North und Arthur erstellte, war nicht nur ein begnadeter Ökonom, sondern auch ein bedeutender Wirtschaftspolitiker, da er nach J. F. Kennedy so ziemlich alle Kandidaten der demokratischen Partei der USA wirtschaftspolitisch beraten hat. Seine Ideen zur Überflussgesellschaft und der Technostruktur haben die öffentliche Dibatte nachhaltig beeinflusst. Seit Galbraith ist klar, dass große oligopolistische Marktstrukturen wirtschaftlich effizienter sind – ein Fakt der mit dem Aufkommen der Eisenbahn und der großen Ölgesellschaften immer deutlicher wurde – und dass das Ideal von Konkurrenzmärkten nicht nur kaum realisierbar ist, sondern auch nicht unbedingt wünschenswert.

Aus den Ansätzen dieser drei Ökonomen lassen sich mehrere bedeutende Schlussfolgerungen ziehen, welche gleichzeitig Ergebnisse eines neuen ökonomischen Gedankengebäudes sein sollten. In einer Welt mit steigenden Skalenerträgen sind die Verwirklichungschancen ungleich verteilt. Das bedeutet, dass die heutigen Produktionstechnologien systematisch Teile der Bevölkerung ausschließen und nicht alle Menschen sich ihr Brot durch Arbeit verdienen können, ohne in eine kaum zu tolerierende Armut abzurutschen.

Eine soziale Grundversorgung, die – sei es in Form von Bürgergeld oder sonstigen Unterstützungen – nicht nur soziale Unruhen verhindert, sondern auch Verwirklichungschancen garantiert, ist somit nicht nur wünschenswert, sondern auch notwendig, wenn man nicht in sehr ungleiche und fast feudalistische Strukturen zurückfallen will.

Es ist allerdings fraglich, ob sich ein allgemein anerkanntes ökonomisches Gedankegebäude dieser Art entwickeln wird, denn immerhin stützt die alte Neoklassik wichtige Interessen – ein Fakt den übrigens schon der Vater von Leon Walras schätzte.

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Der feine Unterschied – Wie 200 Jahre alte Ideen unser Leben bestimmen

10. Januar 2007

Die heutige Ökonomie entstand, wie wir wissen, mit Adam Smiths Buch An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations (1776). Smith argumentierte damals für freiere Märkte, damit am eigenen Wohlstand interessierte Individuen im Wettbewerb untereinander mit Hilfe von Erfindungsgabe und Arbeitsteilung den Wohlstand der Nationen mehren.

Smith schrieb damals für das aufstrebende Bürgertum, in einer Zeit, als das öffentliche Leben noch sehr stark von traditionellen Vorstellungen von Seiten des Adels und der Kirche geprägt war. In seiner Weitsicht sah er den Egoismus des Einzelnen jedoch nicht als Allheilmittel, sondern sprach ganz gezielt von öffentlichen Aufgaben und warnte vor Monopolen.

Bald darauf erschien Jeremy Benthams An Introduction to the Principles of Morals and Legislation (1780). Bentham konnte jedoch mit seinem Versuch die menschliche Motivation auf die Quantifizierung eines abstrakten Nutzens zu reduzieren, dem weit gereisten schottischen Gelehrten nicht das Wasser reichen. Dieser hatte nämlich mit seiner „Theory of Moral Sentiments schon (1759) eine viel umfassendere Beschreibung des kultivierten Menschen geliefert. Aber Benthams zwei Grundideen, dass der Mensch Egoist und Hedonist sei, hatten Erfolg und der Grundstein für die marginale Nutzentheorie war gelegt. (Der Aufstieg des Bürgertums führte leider auch zu einer Verflachung der Debatte – die eifrigen Praktiker hatten wohl keine Zeit sich auf die Höhe geistig Gebildeter Privatgelehrter zu begeben und der Konflikt mit den Sozialisten war auch nicht hilfreich.)

Die Überhöhung von Smiths liberalen Ideen besorgte dann der Begründer des Laissez-faire – Jean Baptiste Say. Dem Liberalen Smith war noch klar, dass zwar die Gier der Kapitalisten mit Hilfe des Konkurrenzmechanismus den allgemeinen Wohlstand heben würde, dieses aber nur auf dem Wege des Aufstieg und Falls verschiedener Sektoren (Strukturwandel) geschehen und vielleicht auch zu makroökonomischen Verwerfungen führen würde. Der Liberist Say hingegen behauptete, dass das Angebot immer in der Lage sei, sich seine Nachfrage zu schaffen (Say’sches Theorem) und das nicht nur das allokative (Produktionseffizienz), sondern auch das distributive Ergebnis (Verteilungsgerechtigkeit) des Marktmechanismus voll gerechtfertigt sei.

Say’s recht dogmatische Behauptungen waren pure Spekulation, wurden aber im sich verhärtenden Konflikt zwischen Kapital und Proletariat während der Restaurationszeit in die offizielle Ideologie des Bürgertums übernommen. Aber schon in dieser Zeit erhoben sich auch im bürgerlichen Lager Stimmen, die mit dem Liberismus Says nicht einverstanden waren. Interessant sind zum Beispiel die Schriften von Melchiorre Gioja, der in Nuovo prospetto delle scienze economiche (1815) für Staatseingriffe plädierte, um heranwachsende Industrien zu schützen, um Wachstum zu stimulieren und um Beschäftigung zu sichern.

Leider haben spätere sozialistische und kommunistische Theorien das bürgerliche Lager in eine Ecke gedrängt und der scheinbar kleine und doch riesengroße Unterschied zwischen Smith und Say geriet in Vergessenheit (was auch dazu führte, das Vertreter der Smith’schen Variante schnell als Linke beschimpft wurden). Smith plädierte dafür, den Motor Kapitalismus für das menschlichen Wohlergehen zu benutzen, warnte aber zugleich vor einer Welt, in der das Streben nach materiellem Wohlstand als letzter Sinn gesehen wird und plädierte deshalb für das Primat der Politik über die Wirtschaft.

Says ökonomische Theorie, hingegen, trägt religiöse Züge: Der Markt ist letzter Zweck, alles ist ihm unterzuordnen, denn er kennt weder Instabilitäten, noch Verteilungsungerechtigkeiten.

Wie die Geschichte gezeigt hat, ist der Marktmechanismus weder perfekt, noch grundfalsch, weshalb ja auch alle Industriestaaten Kartellämter und Zentralbanken haben, sowie industrie- und sozialpolitische Maßnahmen ergreifen. Allerdings sind diese Institutionen nur nach und nach entstanden, denn wie Smith ahnte, Marx begriff und Schumpeter mit der Idee von der schöpferischen Zerstörung auf den Punkt brachte, bedeutet der Kapitalismus ständige Veränderung, welche die gegebenen Institutionen immer wieder auf die Probe und in Frage stellt.

Es ist erstaunlich wie alt doch manche Debatten sind und wie wenig die ökonomische Theorie vorangekommen zu sein scheint. Allerdings ist dies ja auf Grund des kalten Krieges und der Spaltung in zwei Lager auch nicht verwunderlich. Heute stellen uns die Folgen dieser dogmatischen Zuspitzung, jedoch vor große Probleme, denn die zunehmende Ökonomisierung, der wir nur mit groben theoretischen Werkzeugen begegnen können, zerstört kulturelle und ökologische Vielfalt, Lebensräume sowie spirituelle und künstlerische Entfaltungsmöglichkeiten.

Nach Ende des kalten Krieges und im Zeitalter der Globalisierung sollten wir jedoch von Adam Smith lernen, und begreifen, was es heißt ein humanistischer, an Demokratie und Menschenwürde festhaltender Liberaler zu sein. Der Markt ist nützlich, aber nicht alles, Probleme werden immer wieder auftreten, aber wir können mit Hilfe besserer Institutionen uns den großartigen Motor weiterhin zunutze mache, ohne jedoch sein Sklave zu werden. Deshalb sind Regelungen, welche den Marktmechanismus zähmen und zivilisieren (wie zum Beispiel das Kartellrecht, Arbeitszeitregelungen und Ladenschlussgesetze, Familienunterstützungen, oder Werbebeschränkungen), kein störender Eingriff in den Marktmechanismus, sondern eine kulturelle Errungenschaft.

Angesichts der weltweiten Zunahme von Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und der Macht multinationaler Unternehmen ist es deshalb sicherlich sinnvoll, über weitere, auch internationale Regelungen nachzudenken, damit der Marktmechanismus der kulturellen Entwicklung des Menschen dient und seine Evolution nicht zu neuen weltweiten Konflikten führt.

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Ökonomie und Ethik

2. Januar 2007

Michael Gerhard Kraft hat eine Dissertation verfasst, in welcher das Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Ethik untersucht wird. Nach zweihundertfünzig Seiten, in welchen er wichtige ökonomische Theoretiker Revue passieren läßt, kommt er schließlich zu dem Schluss, „dass die ökonomische Wissenschaft aufgrund ihrer Natur dem Kriterium des Falsifikationismus und einer positivistischen Wissenschaft nicht gerecht werden kann und ihre wissenschaftliche Entwicklung nicht eine kontinuierliche im Sinne des wissenschaftlichen Fortschritts darstellte. Somit kann in der historischen Formation mit der Wertfreiheitskritik einhergehend in der Suche nach einer den Naturwissenschaften analogen Objektivität eine Eingrenzung der reinen Theorie sowie einer daraus resultierenden wandelnden Methodologie beobachtet werden. Der Versuch eine rein objektiv definierte Sphäre der Ökonomie herauszulösen blieb letztlich erfolglos. Denn jegliche sozialwissenschaftliche Auffassung ist von Werturteilen durchzogen und eine naturwissenschaftliche Methodologie stößt in der ökonomischen Wissenschaft an ihre Grenzen, da Werturteile nicht aus der Wissenschaft eliminiert sondern lediglich verdeckt wurden und man versuchte, die Wahl auf ethischer Ebene mittels wissenschaftlicher Ergebnisse zu determinieren.“

Anders ausgedrückt hat sich die neoklassiche Ökonomie in den letzten 50 Jahren mit der Perfektionierung eines mechanistischen Ansatzes beschäftigt, der ethische Fragestellungen und menschliche Besonderheiten und Unterschiede, wenn überhaupt, nur sehr oberflächlich thematisiert. Mit einem solchen weltfremden Ansatz lassen sich natürlich viele der heute, drängenden Probleme gar nicht vernünftig diskutieren – sei es nun in Bezug auf Verteilungsgerechtigkeit, wirtschaftliche Entwicklung, Umweltprobleme, usw.

Hinzu kommt inhaltlicher Stillstand. Wie Paul Krugman konstatiert, hat es in der Makroökonomie nach Keynes trotz tausender, hochtechnischer Dissertationen kaum neue Erkenntnisse gegeben, die die Politikberatung effizienter und erfolgreicher gemacht haben.

Und das liegt wohl an der unzureichenden Grundkonzeption. Und hierin liegt eine große Herausforderung. Wenn die Ökonomie wieder aussagekräftig werden will, muss sie zuerst ihr Menschenbild überdenken. Erst dann werden wieder fruchtbare ethische Diskussionen zustande kommen können.

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