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Man muss seine Feinde kennen

22. März 2007

Angesichts der Veränderungen der letzten Jahre meint so mancher wohl, dass es schlimmer nicht mehr kommen könnte. Der Mittelstand rutscht ab, die benachteiligten Schichten werden mehr oder weniger bewußt sozial ausgegrenzt und auch der einst in Deutschland so wichtige Umweltgedanke verliert an Bedeutung.

Doch halt! Die Anzeichen mehren sich, dass das ganze Methode hat. Im Artikel „Straubhaar und die Erbschaftssteuer“ habe ich darüber berichtet, dass jetzt auch in Deutschland immer mehr privat finanzierte Institute wirtschaftspolitische Handlungsempfehlungen abgeben, deren Umsetzung oft nicht das Wohl der Allgemeinheit, sondern das weniger Privilegierter erhöhen würde.

Letztendlich scheinen wir einen ähnlichen Prozess durchzumachen, wie die Amerikaner oder die Briten, die sich von der Mittelstandsgesellschaft immer mehr verabschieden. Paul Krugman hat dieser Entwicklung den Namen „The great unraveling“ gegeben, was soviel wie Entwirrung oder auch Ausverkauf bedeutet. Krugman schreibt im gleichnamigen Buch (In Deutsch „Der große Ausverkauf“) über die Auflösung sozialstaatlicher Institutionen durch die radikale Rechte in den USA.

Genauer und weit ausgreifender kann man die Entwicklung in Richard Parkers Biografie von John Kenneth Galbraith „His Life, His Politics, His Economics“ verfolgen. Galbraith war einer der einflussreichsten amerikanischen Ökonomen des 20. Jahrhunderts und hat seitdem er für John F. Kennedy tätig war, so ziemlich alle demokratischen Präsidentschaftskandidaten beraten.

Im Buch erfährt man z. B. wie der American Business Roundtable immer mehr Einfluss auf die amerikanische Politik gewann und auch das seit Anfang der siebziger Jahre, kritische Ökonomen zunehmend an Einfluss verloren. Die Rückständigkeit der Ökonomie als Wissenschaft hat also Methode, denn die Themen die Galbraith während seiner Amtszeit als Vorsitzender der American Economic Association (AEA) ansprach, sind auch heute noch hochinteressant. Er gab auch den Anstoß zu Joan Robinsons berühmter Rede „What are the questions?“, die im Paper „The Second Crisis of Economic Theory“, 1972, American Economic Review wiedergegeben ist. Insgesamt ist das Buch nicht nur eine Beschreibung von Galbraiths Leben, sondern gibt so manchen interessanten Einblick in die jüngere Geschichte der USA.

Beide hier kurz vorgestellten Bücher eignen sich dazu zu begreifen, wo momentan in Deutschland die Reise hingeht. Denn es gibt eindeutige Parallelen. Anstatt sich aber davor zu fürchten, was noch alles kommt, sollten wir uns anhand solcher Bücher klar darüber werden, was möglich ist und unser Schicksal in die Hand nehmen. Denn die neue Welt wird nur für sehr, sehr wenige schön werden.

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