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Was bedeutet die Krise langfristig? – Teil 2

14. Februar 2009

Im ersten Teil habe ich mir über die Zukunft der Mittelstandsgesellschaft Gedanken gemacht, jetzt nachdem bestimmte Politiken der USA (also gar nicht aller kapitalistischen Länder) nicht mehr machbar erscheinen und ein politisches Problem aufgezeigt – das der zunehmenden Ausgrenzung von Bevölkerungsteilen im heutigen flexiblen Wissens- oder Technokapitalismus. Diesen Ansatz will ich nun vertiefen.

Das Problem ist, daß eine neoliberal orientierte Politik – also grob gesagt: Mehr Markt, weniger Staat! zu ungewollten Konsequenzen geführt hat, die den wirtschaftliche Stabilität der Welt und – und das erscheint mir besonders wichtig – die wirtschaftliche Machtposition der USA bedrohen. Denn auch wenn natürlich wieder meistens die Anleger und die Industriebetriebe die Rechnung der Banken begleichen müssen – nach den Rettungspaketen nun auch die Steuerzahler – so ist doch die Bilanz ernüchternd: Chinesisches und arabisches Kapital gewinnt an Einfluss und die Wirtschaft zeigt etwas, was nach der neoliberalen Theorie nicht vorkommen dürfte – sie ist in vielen Bereichen ineffizient.

Warum? Weil man sich damit beschäftigt hat – siehe Auto- und Finanzindustrie – die Bundesbehörden, also den Staat zu schmieren, um Wettbewerb abzuwenden und Kontrollen und Umweltauflagen zu vermeiden; mafiöse Vorgehensweisen also. Denn genau das steckte oft hinter der neoliberalen Rhetorik. Und was ist das Ergebnis des ganzen?

Nun ja, die Industrie geht nach China und Indien, die Zukunftstechnologien werden in Japan und Kalifornien entwickelt, was in seiner Politik eher Finnland als den tonangebenden US-Südstaaten ähnelt, die Schulen sind oft schlecht und die Mediengesellschaft so banal und fehlsteuernd, das viele junge Menschen Filmstar oder Anwalt, aber ja nicht Ingenieur oder Erfinder werden wollen. Deshalb muss auch ein Großteil der Talente aus dem Ausland angeworben werden.

In anderen Worten – die Institutionen sind mittlerweile so schlecht, dass sie die Führungsrolle nicht nur außenpolitisch, sondern auch wirtschaftlich gesehen zunehmend gefährden. Und diese Problematik hat etwas mit dem Charakter des sich immer stärker herausbildenden Techno- oder Wissenkapitalismus zu tun. Wissensentwicklung ist unsicher und oft müssen Topinnovationen von langer Hand vorbereitet und unterstützt werden. Es ist ja kein Geheimnis, dass die staatliche Finanzierung von Militärforschung viele ungewollte privatwirtschaftliche Anwendungen hatte. Und wird heute Topforschung sehr oft staatlich gestützt und das natürlich auch in den USA, die mehr als wir Europäer (in % des BIP) für Forschung und Entwicklung ausgeben.

Sämtliche Topforschungsregionen der Welt wissen um diese Langfristigkeit und versuchen die beste Mischung aus Markt und Staat zu finden (um es mal etwas vereinfacht auszudrücken), um vorn mitzuspielen. Sie folgen also nicht einem abstrakten, ahistorischen Kriterium einer ökonomischen Theorie, deren Basis mittlerweile 200 Jahre alt ist, sondern suchen pragmatisch nach best practices.

Anders ausgedrückt – sie haben implizit begriffen, das es mehrere Kategorien von Marktversagen gibt, die die Leistungsfähigkeit von modernen Marktwirtschaften in Frage stellen. Zu Polanyis klassischen Problemen (fictitious commodities) der Übernutzung von Land (Umweltbelastung), der Fehlallokation von menschlicher Arbeitskraft (soziale Spannungen) und der Fehlsteuerung der Geldpolitik fügt z.B Block noch die Bereitstellung von gesellschaftlichem Wissen und die Erhaltung eines Umfeldes echten Wettbewerbs (Antitrust, etc.) hinzu.

Und der jetzige Macht- und Prestigeverlust hat implizit gezeigt, dass es sich auch die USA im aufkommenden Wettbewerb mit China und Indien es sich nicht mehr leisten können, im großen Stil an einer im Grunde genommen längst veralteten und im Laufe der letzten zweihundert Jahre immer wieder kritisierten Ideologie (Marx – Weber – Polanyi – Perroux, Beaud und viele andere) festzuhalten.

Und das erklärt auch den schnellen Aufstieg von Barack Obama. Denn seine Themen entsprechen denjenigen der sogenannten Bilderberggruppe, dem Council on Foreign Relations und der trilateralen  Kommission – drei einflussreichen US-amerikanischen Gremien (denjenigen, die Französisch sprechen, will ich den spannenden Link nicht vorenthalten (http://www.michelbeaud.com/bilet.htm#decembre%202008). Und auch sein Ministerpersonal entstammt mehr oder weniger diesen Gremien.

Die USA werden also „klammheimlich“ von oben her modernisiert und dass wohl nicht aus Liebe zur Demokratie, sondern weil es der internationale Wettbewerb um die „creative class“ (siehe Richard Florida) es langfristig gesehen erfordert. Und auch deshalb kann Obama, ohne das viel Gewese gemacht wird, so manche heilige Kuh schlachten – Abtreibungsdiskussion, Reduzierung der Atomwaffen, Umweltverordnungen für Autos, Förderung grüner Technologien, etc. Wir sehen also den Anpassungsdruck des Kapitalismus in Aktion und zwar hin zu besseren Institutionen. Denn mittlerweile haben die Asiaten, Lateinamerikaner und Russen gelernt, dass zuviel freier Markt ihnen Schaden zufügt und schauen sehr genau hin, wem sie wann und wo Zutritt erlauben.

Allerdings löst das Verblassen der neoliberalen Ideologie in der Regierungspraxis noch nicht die Frage, wie man in Europa und in den USA mit den sich abzeichnenden sozialen Spannungen umgehen soll, die der Technokapitalismus offensichtlich hervorruft und die ich im ersten Teil schon angedeutet habe. Denn Prekarität und Ängste welche durch zuviel Flexibilität hervorgerufen werden, stellen die in der westlichen Welt die Vorstellungen vom guten Leben in der Mittelschicht in Frage und stören die ohnehin schon schwierige Entwiclklung von guten Institutionen, die erforderlich sind, um weltweit vorn mitzuspielen. Und hier haben wir einen Nachteil gegenüber aufsteigenden Nationen, die eine weniger alte Bevölkerung haben. Allerdings haben die wiederum andere Probleme.

Die Krise zeigt also nicht nur deutlich, dass die kulturelle Hegemonie der USA geringer wird, da bestimmte Praktiken an Glaubwürdigkeit (militärisch und wirtschaftlich) verlieren, sondern auch – und das habe ich im ersten Teil versucht zu sagen – dass das Mittelstandsideal problematisch wird, jetzt da seine künstliche Aufrechterhaltung (durch eine andere – konservative – Art und Weise der Sicherung des sozialen Friedens) nicht mehr machbar scheint.

Die momentane Transformation des Kapitalismus (in seiner Form des flexiblen Technokapitalismus) bringt uns also offensichtlich eine Welt, die sich stark vom bürgerlichen Mittelstandsideal entfernt – eine effiziente, aber zunehmend ungleiche und
flexible Welt, welche das Gerechtigkeitsempfinden vieler belastet. In dieser Welt werden viele Menschen nicht gebraucht und sich selbst überlassen. Das aber ist auch nichts wirklich Neues, denn wo Weltwirtschaftskrise die Schwachpunkte des nationalen Industriekapitalismus aufgezeigt hat, da zeigt die heutige Krise die Schwachpunkte des flexiblen agierenden Techno- und Wissenskapitalismus auf. (Und viele Firmen nutzen die Krise auch um ordentlich Stellen zu streichen…)

Die Frage nach der Zukunft der Arbeit ist also weiterhin spannend, wie auch die Frage, wie man den Technokapitalismus institutionell einbetten sollte, jetzt, da sich seine Konturen immer stärker abzeichnen. Und natürlich auch die Frage, welche Auswirkungen die asiatische Konkurrenz auf die westliche Welt haben. Aber darüber schreibe ich ein anderes Mal.

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Was bedeutet die Krise langfristig?

7. Februar 2009

Der Kapitalismus war, wie auch schon der Merkantilismus vor ihm, ein Instrument der Akkumulation von Geld und damit Macht – mit dem Unterschied, dass der Merkantilismus eindeutig das Ziel hatte Geld für den jeweiligen Souverän anzuhäufen, während der Kapitalismus lange Zeit  mit dem utopischen Fortschrittsglauben dessen was wir als Moderne bezeichnen verknüpft war und in gewisser Hinsicht allen ein besseres materielles Leben versprach. Diese Idee liegt auch dem Konzept des Trickle-Down-Gedankens zugrunde, der eine Harmonie zwischen weiterer Akkumulation und Verbesserung des Lebens für den Rest der Gesellschaft unterstellt.

Historisch gesehen war dies auch über weite Strecken für den Kapitalismus gültig, denn es wurde nicht durch technische Neuerungen die Lebensqualität überhaupt erhöht, sondern sie konnte auch durch Fords Idee der Massenproduktion auf immer breitere Gesellschaftsschichten ausgedehnt werden.

Natürlich haben sich auch einige kapitalistische Gesellschaften so einige Unmenschlichkeiten und düstere Kapitel geleistet (Imperialismus durch Großbritannien und später auf versteckte Art und Weise durch die USA in Lateinamerika), aber die größeren Verbrechen wurden doch von „rückständigen Regimen“ wie dem damaligen Italien und dem Dritten Reich, oder auch dem kommunistischen Russland verübt.

Der Westen mit seinem wie auch immer politisch eingehegten Kapitalismus konnte sich also über lange Zeit moralisch überlegen fühlen, diese Zeit war aber im Grunde genommen schon spätestens 1980 vorbei. Denn der organisierte Kapitalismus (Welfare State, demokratische Interessenvertretung, Gewerkschaften, etc.) bekam eigentlich schon 1970 ein Profitproblem. Der Wiederaufbau war ausgereizt, die Sozialkosten stiegen und die internationale Konkurrenz zwischen den (wieder-)erstarkten Volkswirtschaften (USA, GB, Japan, Frankreich, Deutschland, Italien…) nahm immer mehr zu.

Dieses Profitproblem – von manchen als Profitklemme bezeichnet führte zu unterschiedlichen Lösungsversuchen. Deutschland und Japan bauten ihre Position als exportstarke Nationen weiter aus und Frankreich und Italien versuchten neben der Industrie, den Tourismus zu entwickeln. In diesen Ländern kamen die Errungenschaften des Welfare State zunehmend in Bedrängnis, aber es war wohl die Erfahrung mit den sozialen Spannungen der Kriegs- und Krisenjahre, die einen schnellen Abbau selbiger verzögerte. In allen Ländern kam es übrigens zu Konzentrationswellen, was zu immer größeren Holdings und Konzernen führte, welche dann genügend Kapital hatten, um die  anfänglich sehr teuren Instrumente der Automatisierung zu bezahlen.

Nun zur Entwicklung in den USA: Viele Industrielle hatten nach dem zweiten Weltkrieg wohl den Eindruck, dass ihnen die sozialen Errungenschaften unter Roosevelt in den Kriegsjahren mehr oder weniger aufgenötigt worden waren, weshalb spätestens unter Nixon die ohnehin schon wenig akzeptierten Unions immer mehr zurückgedrängt wurden. So sind dann auch die Reallöhne in den USA in den letzten dreißig Jahren kaum gestiegen.

Allerdings hatten die USA als Leader of the Western World – um nicht Master of the Universe zu sagen 😉 – noch ganz andere Möglichkeiten, um die Illusion einer Mittelstandsgesellschaft aufrechtzuerhalten. Drei finde ich besonders erwähnenswert.

Erstens – und dies ist hinreichend bekannt, wurden große Teile der Produktion in Schwellenländer und andere Länder der dritten Welt ausgelagert. Man konnte so Profit realisieren, die Erbärmlichkeit der Arbeitsverhältnisse amerikanischen Nichtwählern zumuten und sich außerdem einbilden, etwas zur Entwicklung der jeweiligen Länder beizutragen (was in manchen Fällen sogar stimmte).

Zweitens half die technologische Entwicklung der Medien (Farbfernsehen mit vielen Kanälen, später Internet) der immer schaler werdenden Fernsehberichterstattung (Infotainment) zum Durchbruch und erlaubte eine immer größere ideologischere Kontrolle und vor allem Ablenkung der Massen, zu welcher die indirekte Kontrolle an den Universitäten in den relevanten Wissenschaftsbereichen und die zunehmende Praxisorientierung der Studiengänge noch hinzukam.

Drittens, und dies ist wohl der wenigsten offensichtliche Punkt, haben die USA ihre Rolle als führende Finanzmacht mit dem Dollar als Leitwährung dazu benutzt, eine Kultur der Verschuldung zu etablieren, um somit weiteren Konsum und damit Profit zu ermöglichen – eine wahrhafte „Geldpolitik“ als Wachstumsmotor sozusagen. So ist nicht nur der Staat der USA bei der Welt verschuldet, sondern auch seine Bürger haben hohe Konsum- und Hauskreditschulden. Und diese Kultur hat ermöglicht, dass Konsum vorgezogen wurde – Es wurde ausgegeben, was noch gar nicht verdient war und das alles um noch weiter zu wachsen und um unter den gegebenen politischen Verhältnissen noch weiter Profit zu machen.

Aber diese Politik – und hiermit komme ich zur langfristigen Bedeutung der Krise – stößt zunehmend an ihre Grenzen, oder besser gesagt – ist durch die Finanzkrise schon an ihre Grenzen gestoßen. Wo der 11. September das politische Vorgehen der USA in Frage gestellt hat, stellt die Finanzkrise nun das wirtschaftliche Agieren selbiger in Frage. Die Zeit der Mittelstandsillusion in den USA ist vorbei und dies wird erhebliche Folgen politischer und gesellschaftlicher Natur in den USA, aber auch in der Welt haben.

Denn jetzt wird der Interessengegensatz zwischen der kapitalistischen Elite und der zunehmend verarmenden und ausgegrenzten Bevölkerung immer offener zu Tage treten. Und es kann durchaus sein, dass sich die „creative class“ irgendwo anders in der Welt niederlässt, um die multinationalen Konzerne zu führen. Was aber passiert, wenn die USA an Gewicht verliert, weil sie mit innenpolitischen Problemen beschäftigt ist und wenn dadurch das Ideal der Mittelstandsgesellschaft an Bedeutung gewinnt. Kommt dann das „asiatische Jahrhundert“ kontrollierter und sehr ungleicher Gesellschaften mit neuen Kriegen um Ressourcen und Einflussbereiche?

Letztendlich war die vielgescholtene Verschuldung zwar doch ein zweckdienliches Mittel, um Profite zu realisieren, aber eben doch auch – wenn auch ungewollt – eine Möglichkeit die Illusion einer demokratischen Gesellschaft mit Aufstiegschancen für viele aufrechtzuerhalten. Mit anderen Worten: Der Kapitalismus war schon einmal elitär und wir wissen, dass diese Eliten zweifelhafte Beziehungen zu Faschisten und Nazis hatten, aber das war vor der Erfindung des Massenkonsums und des ausgleichenden Wohlfahrtsstaates. Was kommt dann für eine Gesellschaft? Weltweite Unterdrückung und Solidarität der Eliten in  subtiler und offener Form – Zunahme von NoGo-Areas und Slums im Westen? Oder etwa freiwillig gezahltes Bürgergeld und Bürgergesellschaft?

Ich bin weit davon entfernt, in marxistischer Manier bei jeder Krise, dem Ende des Kapitalismus entgegenzufiebern. Das ist einfach unrealistisches Wunschdenken. Allerdings hat jede Krise des Kapitalismus weitreichende Konsequenzen gehabt und einige Möglichkeiten habe ich ja schon angesprochen. Nun möchte ich noch ein paar empirische Tatsachen hinzufügen, um die Lage noch etwas zu verdeutlichen.

  1. Elitenstudien zeigen, dass die westlichen Gesellschaften undurchlässiger werden und vor allem der Zusammenhalt der Topeliten zunimmt – Familien, hinzu kommt, dass die Eliten sich im Unterschied zu vor 80 Jahren, als die nationalen Eliten miteinander konkurrierten, immer besser untereinander verstehen.
  2. Überall in der westlichen Welt nehmen prekäre Beschäftigungsformen zu (Teilzeit, Praktika, etc.)
  3. Die Zahl der Arbeitslosen ist hoch und das obwohl die Geburtenraten sinken und die Zahlen geschönt werden und hier wird die Krise auch die „Arbeitsblase“ zerplatzen lassen…
  4. 500 Millionen Bürger in Europa und den USA müssen mit 1,5 Mrd. Menschen in Indien, China und anderen Schwellenländern konkurrieren, welche ähnliche Qualifikationen haben…

Angesichts dieser Tatsachen scheint eine gewisse Beunruhigung angebracht, auch wenn man sagen muss, dass sie nicht wirklich neu sind. Außerdem sind ja nicht alle sozialen Schichten gleichmäßig betroffen – Ärzte, Bauern und Anwälte fahren wohl noch etwas besser als Arbeiter und Angestellte in der Industrie. Allerdings scheint eine Gesellschaft der Zukunft mit recht großen Unterschieden und Almosen-Bürgergeld auch nicht sehr vielversprechend zu sein, zumal die soziale Kontrolle und Überwachung in vielen westlichen Staaten zunimmt.

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Die Terrordebatte, die Verdrängung von Problemen und die moralische Schwäche des Westens

28. März 2008

In der Presse wird viel über die Gefährlichkeit des islamischen Terrors berichtet, so auch anlässlich des erneuten Streits um die Karikaturen in Dänemark. So sehr aber die Bestürzung über neu aufflammenden Hass nachvollziehbar ist, umso mehr kann ich nicht umhin, die Aufmerksamkeit auf drei wunde Punkte zu lenken, die da wären:

1. Das Problem ist zum Teil von den USA, wenn nicht gewollt, so doch hausgemacht.

2. Ich halte das Islambashing für eine gefährliche Form von Rhetorik, um in unserer westlichen Welt freiheitsbeschneidende Politiken durchzusetzen.

3. Die Konzentration auf die islamische Welt führt zu einer Vernachlässigung anderer wichtiger Politikfelder, z.B. die China-Tibet-Problematik, oder überhaupt, wie mit autoritären, menschenverachtenden Staaten umgegangen werden soll.

zu 1. Spätestens seit Volker Pispers wissen wir um die unrühmliche Rolle der USA nicht nur in Vietnam oder Lateinamerika, sondern auch in der islamischen Welt. Man könnte glatt argumentieren, dass Amerika sich die heutige Form von terroristischem Islam selbst eingebrockt hat, indem es durch Stützung des persischen Schahs (heute Iran) den Gottesstaat unter Khomeini mitverursacht und dann später durch Stützung der Saudis, die ja die ganzen konservativen Islamtraditionen erst so richtig mit dem Geld aus den Ölverkäufen in die heute existierende islamische Welt eingepflanzt haben. Auch dass man aus innenpolitischen Gründen einen der wenigen nichtreligiösen Diktatoren – Saddam Hussein – abgeschossen hat, nachdem man ihn Jahre zuvor gefördert hat, war langfristig betrachtet nicht gut für das Gleichgewicht in der Region. Aber die Amerikaner spielen ja gern herum, ohne eigentlich zu wissen, womit sie spielen.

zu 2. Anstatt, sich für eine gerechtere, friedvollere und grünere Welt einzusetzen, haben sich die USA nicht davor gescheut, die Aussenpolitik vor die Hunde gehen zu lassen, um die neue interne Ungleichheit zu rechtfertigen. Seit Nixon, aber spätestens ab Reagan, war dazu jedes Mittel recht. Gewerkschaftsbashing, Nichteinhalten internationaler Abkommen, Outsourcing und Verlagerung von Arbeit in Gebiete, in denen Menschenrechte mit Füssen getreten werden, Erhöhung der Zinssätze unter Paul Volcker, die eine ganze Reihe von Entwicklungsländern in eine Schuldenkrise stürzte, um aus der Stagflation herauszukommen, ungezügelter Waffenhandel und vieles mehr. Die USA sind ein viel stärker segregiertes Land, als wir uns das eigentlich klar machen wollen, in denen aufmüpfige, nicht-integrierte Elemente ganz schnell mal eben weggesperrt werden und in dem alle, die Big Business im Weg stehen, sehr schlechte Karten haben. Diese innenpolitische Abkehr von uramerikanischen Werten wird fortgesetzt und die USA beginnen schon jetzt den Preis zu zahlen: eine weniger kreative Elite, geringere Attraktivität, größere interne Unsicherheit etc. Und zu allem Überdruss werden diese Probleme selten rational angegangen und diskutiert, sondern die Medien führen eine Scheindebatte, in der eben die extreme Konzentration auf den islamischen Terror eine zentrale Rolle spielt.

zu 3. Meiner Meinung nach haben die USA die historische Chance vertan, die Welt ein wenig schwedischer oder sagen wir protestantisch-christlicher zu machen und zahlen nun den Preis für diesen Fehler. Man hätte bestimmte Dinge besser regeln können, z.B. durch das Vorantreiben lokal verträglicher Entwicklungspolitiken. Aber man hat die Lateinamerikaner dominiert und die islamische und afrikanische Welt – aus Geiz und Kurzsichtigkeit – vernachlässigt, bzw. aktiv die jeweils „dunkle Seite der Macht“ unterstützt. Dasselbe moralisch zwielichtige Verhalten finden wir heute gegenüber China und aller Voraussicht nach wird bezüglich Tibet nicht viel geschehen, denn es wurde schon an ganz anderen Brandherden einfach tatenlos zugeschaut, wobei man sich die Hände mit schalen Theorien kultureller Toleranz wusch. Ich glaube auch nicht, dass sich an dieser Tendenz viel ändern wird – nur was wird geschehen, wenn die Asiaten ökonomisch aufsteigen und in den Großkonzernen, die sie jetzt schon fast besitzen, auch entscheiden möchten?

Schluss

Ich kann nur hoffen, dass wir Europäer nicht die Fehler der USA wiederholen, auch wenn es ganz den Anschein hat, dass wir in ähnliche verfallen. Wie auch aus dem Artikel deutlich wird, ist es Zeit, dass wir uns auf unsere eigenen Traditionen besinnen und versuchen mit den verschiedenen Regionen dieser Welt in Kontakt zu bleiben und eben eine positive Rolle spielen. Aber dazu müssen wir uns vor allem von einer bigotten Ideologie lösen und den Tatsachen ins Auge blicken und sicher auch Gut und Böse neu definieren.

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Humarkt – Auf der Suche nach einer nachhaltigen und menschlicheren Wirtschaftsordnung

6. Februar 2008

Als der Zweite Weltkrieg im Mai 1945 zu Ende ging, schien der Kapitalismus als Wirtschaftsordnung keine Zukunft mehr zu haben.[1] Denn Adam Smiths Votum für das Vertrauen in die unsichtbare Hand hatte eben keine friedlichen Verhältnisse gebracht, sondern eine sich schnell wandelnde und zerrissene Gesellschaft erzeugt, in der Arbeitskampf und Konflikt an die Stelle von Wertschätzung von Arbeit und Verantwortung von Seiten der Eliten getreten waren.[2] Man streikte, schloss aus, kolonialisierte die Welt und führte Krieg.

Insbesondere der deutsche Sonderweg, der in der gezielten Entwicklung von Wissenschaft, Schwerindustrie bestand, hatte dazu geführt, dass nahezu mittelalterlich denkende Machthaber auf einmal über die produktivste und modernste Wirtschaft auf der Welt verfügten. Offensichtlich waren Demokratisierung und wirtschaftliche Entwicklung nicht zwangsläufig miteinander verbunden.[3]

Aber auch in anderen Ländern hatte das geradezu abergläubische Vertrauen in den „freien Markt“ dazu geführt, dass wichtige menschliche Bedürfnisse in Zeiten der Not nicht beachtet wurden. Erst mit der Weltwirtschaftskrise wurde klar, dass in einer von großen Industrieunternehmen dominierten Wirtschaftslandschaft wirtschaftliche Entwicklung und Stabilität, eben entscheidend vom Investitionsverhalten dieser wenigen und mächtigen Entscheidungsträger abhängen und dass man deren Dominanz und Einfluss auf irgendeine Art und Weise beschneiden sollte.[4] 

Aber der Kapitalismus hatte natürlich nicht nur Konflikt, sondern auch erhöhten Wohlstand gebracht. Die Suche nach fähigen Managern und Wissenschaftlern hatte eine bisher ungekannte soziale Mobilität in Gang gesetzt, die sich räumlich im raschen Wachstum der Städte ablesen ließ. Und diese Städte bestanden eben nicht nur aus Quartieren des Proletariats, sondern ermöglichten die freie Interaktion der Menschen in ganz unterschiedlichen Situationen. Das Individuum hatte auf einmal die Möglichkeiten aus den bisherigen festgefügten Standeszugehörigkeiten auszubrechen und sich selbst neu zu definieren.

Man begab sich in Vereine, Debattierklubs, Tanzsäle, kurzum entdeckte und bestaunte das Neue.[5] Dieses zaghafte Loslösen von den festgefügten Identitäten einer monarchischen und militaristisch geprägten Ständekultur möchte ich als ersten Freiheitsschub bezeichnen.

Allerdings hatten die neuen Freiheiten auch einen verunsichernden Charakter. Jeder war nun seines Glückes Schmied, und wer sich nicht integrieren konnte, hatte schnell mit einem Problem zu kämpfen, das von Durkheim als Anomie bezeichnet wurde, dem Alleinsein, der Ausgegrenztheit. Und in gewisser Weise kann man das nationalsozialistische Experiment auch als einen Versuch betrachten, zu einer Gesellschaft zurückzukehren, die den einzelnen einen konkreten Platz zuweist und ihnen dabei hilft, normale Lebensziele zu erreichen, was natürlich die Freiheit des Einzelnen sehr stark einschränkte.[6]

Die Nachkriegsordnung war ein gezielter Versuch, einen guten Kompromiss zwischen Dynamik und Stabilität, bzw. zwischen Freiheit und gefestigten Identitäten zu finden. Man versuchte die Konfliktpartner nicht nur international (UNO, EG), sondern auch national an den Verhandlungstisch zu holen. In den Industriestaaten entwickelte sich die Trias Staat – Unternehmen – Gewerkschaften, die im Grunde genommen eine Neuauflage des Ständesystems bedeutete.

Doch schon sehr bald zeigten sich die Grenzen eines solchen Systems.[7] Das Wachstum der Nachkriegsjahre erzeugte einen bisher ungekannten Wohlstand für breite Schichten der Bevölkerung und setzte einen zweiten Freiheitsschub in Gang – die kulturelle Revolution von 1968. Man wollte aus den engen Normen der bürgerlichen Gesellschaft ausbrechen und eine Welt schaffen, in der Klassenunterschiede weniger wichtig waren und in welcher der Einzelne sich selbst verwirklichen konnte, anstatt sich in ein Wirtschaftsystem mit vorgegebenen Lebensläufen einzufügen.

Diese neue Vielfalt wurde aber zunehmend durch eine Entwicklung in Frage gestellt, mit der in dieser extremen Form kaum jemand gerechnet hatte: Die Entwertung des Faktors Arbeit durch den technischen Fortschritt. Wo der Übergang von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft zunächst noch Entlastung und zusätzliche Freiheit bedeutet hatte, zeichnete sich jetzt immer mehr ab, dass auch Dienstleistungsjobs wegrationalisiert und verlagert werden können. Der neuen Freiheit fehlte zunehmend die materielle Grundlage, was bedeutete, dass zwar alle die gleichen Rockkonzerte hören konnten, sich die effektiven Verwirklichungschancen für viele jedoch verringerten. Dies ist gleichbedeutend mit einer Machtverschiebung weg von den Gewerkschaften hin zu den Unternehmen, welche die Arrangements aus der Nachkriegszeit zunehmend in Frage stellen.[8] 

Wir sind also in einer Situation, in der ökonomische Sachzwänge zunehmend das Leben der Menschen bestimmen und in dieses empfindlich eingreifen. Die neue Flexibilität[9] verhindert nicht nur die Konstruktion starker Identitäten (Stichworte: Weltflucht und Drogenkonsum), sondern bedroht z.B. auch die Stabilität von Familien (Stichworte: Singlehaushalte, Fernbeziehungen und niedrige Geburtenrate).  

Das ist gleichbedeutend mit der Aussage, dass ein möglicher dritter Freiheitsschub, der durch eine mehr auf menschliche Bedürfnisse ausgerichtete humane Marktordnung – Humarkt – ausgelöst werden könnte, durch Tendenzen wie die Bündelung von Wirtschaftsmacht in wenigen Unternehmen und an wenigen Orten und die Verringerung der Handlungsspielräume der nationalen und internationalen Politik verhindert wird. Denn nach der graduellen Loslösung von staatlichen Zwängen (Befehl) und wirtschaftlichen Sachzwängen (Anreiz), hatte sich eine Verlagerung der Koordination des praktischen Lebens in Richtung Kooperation abgezeichnet (Partizipation).

Doch wie genau sollte eine solche humane Marktordnung aussehen? Nun, die Menschen sollten in der Lage sein, selbstständig (Frage nach dem Wie?) die ihnen wichtigen Ziele zu verwirklichen (Frage nach dem Was?).

Es geht also um Selbstorganisation, um partizipative Verfahren und um Konsensfindung anstatt der autoritären Durchsetzung von Zielen. Und diese Ziele sollten die Menschen zunehmend aus sich heraus finden, anstatt gesellschaftliche Moden zu übernehmen, die meist einer kleinen Elite dienen. Konkret denke ich da etwa an Reformen des Geldsystems, dass neben strikt materiellen Komponenten, die dem Wirtschaftsprozess dienen, auch immaterielle Komponenten belohnen sollte, die für den weiter gefassten Sozialprozess wichtig sind. Wenn etwa Erziehungsarbeit, Vereinsarbeit oder politische Arbeit über Wertschätzer Anerkennung findet, haben die Bürger auch wieder die Möglichkeit sich über mehrere Zugehörigkeiten zu definieren, was insgesamt die Stabilität und Nachhaltigkeit der Gesellschaft erhöht. Durch solche Maßnahmen könnte auch die abnehmende Wichtigkeit der Erwerbsarbeit im sozialen Gefüge kompensiert werden.[10]

Ein weiterer Ansatz besteht in der bewussten Lokalisierung von Wertschöpfung, gemäß dem Motto – Effizienz nur da, wo sie wirklich Sinn macht! Denn all die Wirtschaftsbereiche, die nicht direkt auf dem Weltmarkt konkurrieren müssen, bzw. deren Beitrag zur Gesamtproduktivität und damit zum Wohlstand eher gering ist, können nach Kriterien organisiert werden, die der menschlichen Natur mit ihrer Fragilität, Langsamkeit und Kreativität eher entsprechen.[11]

Es gilt also nach der Kulturkritik nun auch die Sozialkritik an der Moderne umzusetzen[12] und Institutionen zu schaffen, die ein größeres Bedürfnisspektrum als die bisherigen thematisieren. Ziel solcher Reformen sollte es sein, erstens größere soziale Konflikte zu vermeiden, zweitens, nicht in die Enge klassischer korporativistischer Strukturen zurückzufallen und drittens, eine Gesellschaft zu ermöglichen, die meritokratisch ist (hohe soziale Mobilität) und so vielen Menschen wie möglich erlaubt, an ihr als vollwertiges Mitglied teilzuhaben.

 


[1] Selbst Joseph Schumpeter hatte in „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ (1944) wenig Vertrauen in die Zukunft des Kapitalismus.

[2] Verglichen mit den Verwerfungen des 19. und 20. Jahrhunderts, kann man das 18. Jahrhundert durchaus als ein eher friedliches und harmonisches Zeitalter betrachten, in dem sich das aufstrebende Bürgertum viele Rechte erkämpfen konnte.

[3] Vgl. Max Webers Gedanken zur Monopolisierung und dem Machtüberhang der Großunternehmen in Wirtschaft und Gesellschaft (1922), Kap. VI Die Marktvergesellschaftung (Fragment).

[4] Hieraus erwuchsen zwei Strömungen: Die der Stabilisierung mit Hilfe von Fiskal- und Geldpolitik und die der Machtbegrenzung durch Kartellbehörden. Siehe auch Walter Euckens Schriften zu Macht und Markt.

[5] Vgl. Georg Simmel „Die Großstädte und das Geistesleben“ (1903).

[6] Bedeutende Soziologen wie Sombart, Durkheim und Weber waren sich dieses Problems bewusst. Durkheim und Sombart plädierten zu Beginn des 20. Jahrhunderts für eine korporativistiche Gesellschaftsordnung und Weber implizit wohl auch, obwohl er der neuen Bürokratie misstrauisch gegenüber stand, da er die Freiheit des Individuums gefährdet sah.

[7] Auf die Umweltproblematik, also auf die berühmten biologischen „Grenzen des Wachstums“ will ich hier nicht weiter eingehen, obwohl ich mir ihrer Wichtigkeit sehr bewusst bin.

[8] Die Reallöhne stagnieren seit etwa 20 Jahren und die Produktivitätssteigerungen kommen fast ausschließlich den Kapitaleignern und dem Management zugute.

[9] Vgl. Richard Sennett „Der flexible Mensch“ und „Die Kultur des neuen Kapitalismus“. Interessant sind auch die Überlegungen zur Brasilianisierung der Arbeitswelt und Zygmunt Baumans Gedanken zur Gesellschaft der Unsicherheit. Ein gutes Begriffspaar zur Beschreibung von sozialer Ausgrenzung ist die Unterteilung in Citizens und Denizens, also in Menschen, die erfolgreich an der Gesellschaft teilnehmen können und solche, die nicht dazu in der Lage sind.

[10] Auch die Eigentumsstruktur der Betriebe kann und sollte im Hinblick auf mehr Teilhabe der Mitarbeiter hin überdacht werden.

[11] Vgl. Richard Sennetts neues Buch „Handwerk“ (2008) .

[12] Vgl. Boltanski, L. / Chiapello, E. „Der neue Geist des Kapitalismus“ (2006)

 

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Erinnerungen an Genua

4. Juni 2007

Auf das Treffen der G8 in Genua im Jahr 2001 war ganz Italien gespannt. In vielen Orten diskutierten die Menschen über die Probleme der Globalisierung und die anzustrebenden Veränderungen. Damals war z.B. das Buch „No Logo“ von Naomi Klein in aller Munde.

Der Tenor des Widerspruchs war friedlich, auch wenn etwas Unheimliches in der Luft lag. Viele wollten nach Genua pilgern, manche sogar barfuß und ganz in weiß gekleidet.

In Genua geschah dann dass, was wir alle wissen. Zu den friedlichen Demonstranten gesellten sich wenige hundert vom „Black Bloc“ und lieferten sich heftige Straßenschlachten mit der Polizei. Die italienische Polizei reagierte äußerst heftig und bei den Auseinandersetzungen kam der Italiener Carlo Giuliani zu Tode.

Das problematische an der Sache war, dass die italienische Gesellschaft nicht die regelmäßigen Konflikte zwischen den Autonomen und der Polizei kennt, wie das für Deutschland üblich ist. Es schien, als ob diese extra aus Nordeuropa angereist waren.

Später kursierten dann ähnliche Gerüchte wie heute, die vermuteten, dass sie extra von der Polizei, bzw. von G8-Sympathisanten angeheuert worden waren, um die friedlichen Proteste zu delegitimieren.

Über Gerüchte kann man bekanntlich ewig spekulieren – Fakt ist, dass Berlusconi in den Medien versucht hat, die Sache für sich auszuschlachten, was zum Teil sehr groteske Züge annahm und auch dem Letzten klar machte, wie groß sein Einfluß auf die italienischen Medien ist.

Zurück blieb ein ohnehin sehr skeptisches Volk, denn man hatte ja von sehr vielen Bekannten gehört, wie die Dinge wirklich abgelaufen waren.

Irgendwie habe ich dass Gefühl, dass etwas ähnliches in Deutschland im Gange ist. Denn auch in unserer Gesellschaft wird die Berichterstattung zunehmend einseitiger. Und dabei ist es völlig egal, ob die Autonomen nun eigenmächtig den Konflikt mit der Polizei herbeiführen, oder ob unter Ihnen jemand für die Krawalle bezahlt wird.

Es bleibt das Gefühl, dass die Show wichtig gemacht wird, um die mehr als wichtigen Anliegen der Demonstrierenden (vgl. Joseph Stiglitz „Die Chancen der Globalisierung„), in den Hintergrund zu drängen.

2001 haben noch viele Journalisten leicht abfällig über die Zustände in Italien berichtet. Ich frage mich nur ob wir 2007 etwas viel besseres erleben werden.

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Von der Kurzsichtigkeit der Mächtigen, von Ausgrenzung und von der Notwendigkeit des Dialogs

7. Mai 2007

Die vor kurzem durch geführte Protestaktion ‚Geld oder Leben‘, deren Erklärung übrigens sehr lesenswert ist, macht mehr als deutlich, dass etwas faul ist. Und das nicht nur im Staate Dänemark, und auch nicht nur in Deutschland, sondern in weiten Teilen Europas, wenn nicht gar der Welt.

Das große Thema heißt Ausgrenzung. Wir leben in einer Gesellschaft, in der auf der einen Seite einige wenige Reiche offensichtlich nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen (siehe Gumball 3000), auf der anderen Seite aber immer mehr Menschen Schwierigkeiten haben, ein Auskommen zu finden. Und mittlerweile scheinen wir an einem Punkt angekommen zu sein, in dem selbst krasse ‚Lebenslaufoptimierung‘, also die Ausrichtung von Ausrichtung von Studien- und Lehrzeit an den Anforderungen der Wirtschaft, nicht mehr unbedingt zum Ziel führt.

Die Folge sind Proteste, Apathie und Vereinzelung (hier sei nur der Begriff von der negativen Individualisierung erwähnt) und eine ansteigende Unzufriedenheit mit der derzeitigen Ordnung.

All diese Phänomene sind nicht neu, denn ein kurzer Blick auf die Geschichte zeigt, dass sowohl die wirtschaftlichen Veränderungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts (Weberaufstände, krasse Arbeitsbedingungen der ersten Industriearbeiter), als auch die Ursachen und Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zum Muster von Ausgrenzung – Unzufriedenheit – Reaktion führten. Im Zuge der ersten Welle entstand der Marxismus und im Zuge der zweiten Welle der Faschismus – bedenklich, oder?

Allerdings ist etwas neu an der heutigen Situation und das könnte man mit der Schwachheit der Mächtigen beschreiben. Denn wir haben heute weder einen herrschgewohnten Adel, noch ein rücksichtslos aufstrebendes Großbürgertum. An die Stelle von Unterdrückung und Ausbeutung (19. Jh.) und Diffamierung und politischer Verfolgung (20. Jh.) ist die stille Manipulation, die Verstrickung im System getreten.

Und manchmal kann man von den Mächtigen fast meinen: „…und sie wissen nicht was sie tun. “ Wie anders kann man sich den Rückzieher bei der Rallye Gumball 3000 erklären? Man missbraucht und missachtet Strukturen und Gesetze, kann dann aber mit den Folgen der eigenen Handlungen nicht wirklich umgehen.

Diese Überlegung läßt sich auch auf die Manipulation der Politik übertragen. Das blinde Vertreten des Eigeninteresses, oft halbseiden gerechtfertigt durch eine für heutige Zeiten zu einfach gestrickte Ideologie ruft Wirkungen hervor, die man nicht wahrhaben will, zu denen man nicht den Mumm hat, offen zu stehen. Man streitet ab, verliert sich in Statistiken oder wechselt einfach zum nächsten Punkt der Tagesordnung. So verwundert es vielleicht auch nicht, dass die Partei, welche die Interessen der Wirtschaft am vehementesten vertritt – die FDP – den Beinamen ‚Spaßpartei‘ trägt.

Nun ist es aber nicht leicht zu sagen, ob diese Schwäche eher positiv oder negativ zu bewerten ist. Fakt ist, dass sie Folge sowohl eines tieferen Verständnisses der menschlichen Natur, als auch einer Kultur des Dialogs ist, welche sich zumindest in manchen Bereichen unserer Gesellschaft etablieren konnte. Der Wohlstand hat die Härte vermindert und der Dialog zwischen den Ethnien und das Wegbrechen altehrwürdiger Wahrheiten haben dazu geführt, dass man heutzutage nicht mehr mit dem Selbstverständnis eines preußschen Generals durch die Welt stolzieren kann. Dazu ist zuviel passiert. Die Linie von Gut und Böse lässt sich nur verschwommen zeichnen.

Das Wegbrechen des Absoluten, die Befreiung also von simplen Ideologien ist übrigens schon von Michel Foucault thematisiert worden, der empfahl nicht zu polemisieren, sondern zu problematiseren. Denn Polemik ist die Verteidigung einer Ideologie durch sprachliche Mittel wie Diffamierung oder Leugnung. Beim Problematiseren erkannt man hingegen implizit an, das es keinen Sinn hat, die Welt in das Korsett einer Ideologie pressen zu wollen, dass es nun einmal Grauzonen gibt, das Perfektion in menschlichen Gesellschaften ein Ideal bleiben wird.

Und im Grunde ist dieser Übergang von der Polemik zum Problematisieren ein gewaltiger zivilisatorischer Fortschritt, denn an die Stelle von Aggression tritt zunehmend Empathie und Verständnis. Denn als Diskursstrategie impliziert das Problematisieren pragmatische Lösungen im Gegensatz zu ungesundem Aktionismus, welcher der Strategie der Polemik eigen ist.

Man kann nur hoffen, dass wir die anstehenden Probleme in diesem Sinne lösen, uns also für die Strategie des Dialogs anstatt der Polemik entscheiden werden. Denn was auf der Agenda steht, ist alles andere als einfach – und hier sei nur das Wegbrechen von Arbeitsplätzen in allen drei Sektoren, in der Landwirtschaft, der Industrie und bei den Dienstleistungen erwähnt, welches eben zum wiederholten Male zum Problem der Ausgrenzung führt.

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Klavierstunden und Freiheit

21. April 2007

Vom Aufstieg Europas

Nach mehr als tausend Jahren Finsternis begann sich Europa einem Organisationsmodell zuzuwenden, das schon einmal die menschliche Kultur auf einen Höhepunkt gebracht hatte – der Polis. An verschiedenen Stellen Europas begann im 15. Jh. der Handel zu blühen und die Städte konnten sich aufgrund verschiedener Umstände der Kontrolle von Adel und Klerus entziehen.

Diese Befreiung von starrer Autorität manifestierte sich auch innerhalb der Gesellschaften und zu den Ständen Adel, Klerus und Bauern gesellte sich das Bürgertum, welches sich langsam aber sicher immer mehr Rechte erkämpfte. Die Geschicke der Bürger unterschiedlicher Ecken Europas gestalteten sich jedoch unterschiedlich. So erlaubte es die Dominanz Spaniens den Südeuropäern oft nicht, sich frei zu entfalten. Auch die Rückständigkeit vieler deutscher Fürsten bremste den Handel und Wandel. Dabei waren entweder zu hohe Steuerlasten oder das Zugestehen exklusiver Monopole der Grund für das Versickern von Initiative und Kreativität.

Und so begab es sich, dass England und die Niederlande zu Motoren der freien Initiative wurden, wobei zu Beginn interessanterweise das steuerliche Interesse Burgunds dazu führte einigen Großkaufleuten ihre monopolistischen Bestrebungen zu verbieten. Später wurden dann diese Regeln, sowie ein starker Föderalismus in die Verfassung der Generalstaaten aufgenommen.

Die Entwicklung in Deutschland und Österreich

Während in England und den Niederlanden relative Religionsfreiheit herrschte, war der Einfluss Spaniens in Deutschland viel stärker zu spüren. Der dreißigjährige Krieg bremste die allgemeine Entwicklung und nach seinem Ende gelang es Preußen und Sachsen sich neben einigen süddeutschen Fürstentümern wirtschaftlich und kulturell zu behaupten. Dabei wurden beide zum Motor der deutschen Entwicklung, jedoch mit unterschiedlichen Grundprägungen und Zielen. Die Sachsen bezogen ihren Reichtum aus Bergbau und Handel und strebten natürlich auch nach größerem politischen Einfluss, letztendlich gaben sie jedoch viel Geld für Kunst und Kultur aus.

Preußens Entwicklung war, wie wir wissen, asketischer und militaristischer. Die Demütigung der Brandenburger führte, wie das bei Demütigungen oft der Fall ist, zu unterschwelligen Rache- und Dominanzgelüsten. Auch die napoleonische Invasion trug zur Verstärkung dieser Grundhaltung bei. Für Preußen war wirtschaftliche Blüte Mittel zum Zweck. Demzufolge hatte es das aufstrebende Bürgertum in Preußen immer schwer, sich gegen den rückständigen Landadel durchzusetzen. Dresden und Leipzig waren Horte von Kunst, Handel und Kultur, was sich auch im Stadtbild widerspiegelte. Berlin erreichte niemals dieses Selbstverständnis und diese Eleganz.

Österreich war stärker spanisch dominiert und der dreißigjährige Krieg hatte der Entwicklung Böhmens stark zugesetzt. Allerdings mussten die Kaiser aufgrund steuerlicher Bedürfnisse immer wieder Zugeständnisse machen, was im Endeffekt dazu führte, dass die Freiheiten der einzelnen Stände relativ groß waren.

Die Entwicklung von Kultur und Denken

Das aufstrebende Bürgertum war eine positive neue Kraft, die vor allem Freiheit vom Joch des Adels forderte. Dieses Bestreben schlug sich in der Doktrin des Laissez-faire nieder. Als aufstrebende Kraft versuchten die Bürger nicht nur wirtschaftlich stärker, sondern auch moralisch und kulturell besser zu sein als der Adel. Ein guter Bürger war strebsam, ehrlich und erzog seine Kinder. Musik- und Literaturpflege waren innere, bauliche Schönheit und Komfort von Gebäuden äußere Anzeichen des bürgerlichen Lebensgefühls.

Und diese Werte wurden auch in meiner Familie gelebt. Mein Urgroßvater war fleißig und wurde um die Jahrhundertwende (also 1900) Versicherungsdirektor bei der Aachener Versicherung, was ihm ermöglichte, ein komfortables Haus in Frankfurt/Main zu beziehen und meinem Großvater und seinem Bruder unter anderem den Klavierunterricht zu finanzieren.

Die andere Seite der Familie war eher ländlich geprägt. Ein Urgroßvater war Gutsverwalter, der andere Lehrer und Maler, was dazu führte, dass mein Großvater eine gute Geige spielte, und meine Großmutter zeitlebens ihre Finger nicht von der Kunst lassen konnte.

Der Verfall der bürgerlichen Werte

Aber diese Blüte war nicht von langer Dauer, denn die Evolution der Arbeitsteilung läutete eine neue geschichtliche Epoche ein – die der großen Monopole und des überbordenden Nationalismus. Während in den USA Madisons in der Verfassung verankerte Idee von den Checks and Balances letztendlich zur Einführung des Sherman Act (1890) und zur Zerschlagung von Rockefellers Standard Oil Company in „sieben Schwestern“ führte, verbanden sich in Europa die Interessen der Großindustriellen zunehmend mit den alten Vormachtsbestrebungen der Adelshäuser, was zur Kartellisierung der Wirtschaft und zum militärischen Wettrüsten führte.

Möglich wurde diese Entwicklung durch die Eisenbahn, welche die Märkte viel größer machte und durch die rasante technologische Entwicklung, welche zu immensen Skalenerträgen führte. Die Welt atomistischer Konkurrenz, also der Konkurrenz unter gleichen Preisnehmern begann zu verschwinden. An ihre Stelle traten Massenproduktion und –distribution, sowie großflächige Werbung – die Massenkommunikation.

Und plötzlich kamen die alten Dominanzbestrebungen wieder zum Vorschein. Endlich schien man nicht mehr auf diese selbst denkenden, kritischen und singenden Bürgersöhne angewiesen zu sein, endlich konnte man sich wieder mal so richtig austoben und den anderen zeigen, dass man der Stärkere war. Der erste Weltkrieg brach aus und beendete die Belle Epoque.

Der erste Weltkrieg war ein Nullsummenspiel, weil natürlich die anderen Nationen denselben dummen Traum geträumt hatten. Der Adel dankte ab und die Zeit der Wirren brachte Wien zumindest wissenschaftlich noch einmal zum neuem Glanz. Die Klavierstunden meines Großvaters konnten nur deshalb weiter bezahlt werden, weil mein Urgroßvater zu Inflationszeiten einen Teil seiner Bezüge in Dollar erhielt.

Großinteressen

Doch das strukturelle Problem bestand weiter, was sich, auch in einer Änderung der dominanten bürgerlichen Denkweise äußerte. Märkte waren nicht mehr Mittel zum Zwecke eines guten Lebens – voll von Kunst, Kultur und Humanismus – nein Märkte wurden zum Zweck an sich und dienten dabei den Interessen weniger Großindustrieller. An den Universitäten behauptete sich die ahumane und ahistorische neoklassische Ökonomie, die mit ihrem Anstrich von Berechenbarkeit und Logik stark der großindustriellen Planung ähnelte.

Gier verband sich mit Dummheit, Lokalpatriotismus und Brutalität. Hurra schreiende Horden liefen durch das Land, maschinengestanzte Papierhakenkreuze wurden aus Flugzeugen über Aachen abgeworfen (wo die Nazis wohl die Industriestanzen und die Flugzeuge herhatten?) und Großvater wurde Soldat. Die Gesellschaft verwandelte sich vom freien Athen zum despotischen Sparta und Drill und Kameraderie prägten das Leben der Jugend. Der öffentliche Raum der kleinen Polis, der wohltuende Wettbewerb, der gegenseitige Respekt waren verschwunden. Die künstlerische Begabung meines Großonkels, der manchmal noch heute – mit über neunzig – Walzer von Chopin auf seinem abgegriffenen Klavier spielt, diente nur noch dazu, die Truppe vor der Schlacht von Dünkirchen aufzumuntern, aus welcher zwei Drittel des Regiments nicht zurückkehrten. Meine Großeltern böhmischen Ursprungs verloren einen Großbauernhof und ein stattliches Bürgerhaus und eine vierhundert Jahre alte kulturelle Verwurzelung im Sudetenland galt auf einmal nichts mehr (meine Vorfahren waren mit dem Herzog von Luxemburg nach Prag gegangen, als dieser böhmischer König wurde). Beide Familienseiten hatten außerdem mit der Trennung durch die Mauer und dem Einleben in fremde Landstriche zu kämpfen, was in Zeiten wirtschaftlicher Knappheit nicht immer einfach war.

Nach Jahrhunderten sorgsam gepflegter Kultur und mühsam errungener Rechte schien die Zukunft der Gesellschaft Verrohung, Militarismus und Konflikt zu bedeuten. Die Feinde der offenen Gesellschaft dominierten. Nicht umsonst schrieb sogar Schumpeter vom Marsch in den Sozialismus.

Einhegung des Kapitalismus und Blüte

Doch zum Glück gab es Menschen, die ihre Herkunft nicht vergessen hatten und versuchten, die alten Werte wiederzubeleben. Eucken, Röpke und Hayek begründeten den Ordoliberalismus und beschworen die Tugenden der dezentralen Ordnung. Kreativität, Mittelstand und Völkerverständigung waren an der Tagesordnung, die UNO wurde gegründet und der Traum vom vereinigten Europa wurde langsam Wirklichkeit.

Ehrhardt bastelte an der sozialen Marktwirtschaft, der Mittelstand boomte und der Einfluss der Großindustrie wurde durch Kartellgesetze bzw. Zwangsverstaatlichung zurückgedrängt. Die Produkte wurden vielfältiger und auch lokaler und die Relevanz der Skalenerträge verringerte sich etwas. Von nun an sollten die Früchte der Entwicklung wieder vielen zu Gute kommen und sie sollten vor allem dem Leben dienen und nicht der
Selbstverwirklichung irgendeines größenwahnsinnigen Phantasten.

Aber es war auch viel zerschlagen worden und vor allem der Osten musste die Folgen des Wahns ausbaden. Aber auch hier zeigte sich trotz Planwirtschaft viel Gutes; trotz aller Schwierigkeiten gab es doch Theater, Ausstellungen, Musikpflege (meine Großmutter sparte sich das Geld für den Klavierunterricht meiner Mutter vom Mund ab, sowie übrigens auch die Stalinbände, die man in der frühen DDR kaufen musste…) und den Willen zum Frieden – heimlich pflegte man bürgerliche Tugenden. Letztendlich versank aber auch das Sparta des Ostens, da sich die kreativen Kräfte nicht gegen den Altersstarrsinn und die militaristische Prägung der Führungsriege durchsetzen konnten. In der Pionierzeit hasste ich den sportlichen Drill und den Gruppenzwang und meine Mutter war heilfroh, dass die Mauer fiel, bevor ich mir mit meinen Zweifeln und meinem eigenen Kopf bei der FDJ richtig Ärger einhandeln konnte.

Neues Spiel, neues Glück

Das Zusammenrücken der Welt nach dem Ende des kalten Krieges und die technologische Entwicklung der letzten 20 Jahre haben ein neues Zeitalter eingeläutet. Alles wird größer, schöner und effizienter, aber auch unsicherer, unhöflicher und unmenschlicher. Und schon wieder gibt es sie – diese Herolde, welche die Interessen der Großindustrie und das ungehinderte Schalten großindustrieller Planer als „natürlichen Kapitalismus“ verkaufen wollen und schon wieder ist der bürgerliche Mittelstand, und all das was er verkörpert, in Gefahr.

Bezahlte Schreiberlinge verkünden uns von den zukünftigen Wonnen der Technologie und den Wundern unkontrollierter Märkte, wo doch das letzte Jahrhundert gezeigt hat, dass das mit der Technologie und den Versuchungen des Menschen ganz schön schief gehen kann. Die Gesellschaft teilt sich und Klavierunterricht ist zwar wieder bezahlbar geworden, erscheint aber nur noch als ein Mittel zum Zweck; auf das der Zögling ein begabter Stratege im Kampf um die besseren Verkaufszahlen werde. Wer nicht dem Diktat der technischen Effizienz folgt und gern entdeckt, denkt oder komponiert, riskiert ein Schattendasein. An die Stelle von selbstständig denkenden Menschen treten ängstliche Dogmatiker, die niemals wagen würden, den Status quo in Zweifel zu ziehen.

In der deutschen Wissenschaft zählt oft nicht mehr, ob man denken kann und kreativ ist; nein heute zählen die Publikationen, was dann oft dazu führt, dass ein wenig an den Variablen irgendeines Modells herumgespielt wird, anstatt Neues zu erdenken. Das ganze braucht dann bloß noch in ein fesch klingendes Paper verpackt werden und schon kann man weiterhetzen auf der Suche nach noch mehr falscher Anerkennung.

Allerdings gibt es auch Zeichen der Hoffnung. Langsam scheinen auch die Großindustriellen zu begreifen – diejenigen nämlich, die international wettbewerbsfähig sein müssen – dass es nicht gut sein kann, die Gesellschaft vor die Hunde gehen zu lassen. Deshalb hat sich zum Beispiel neulich in Italien Luca Montezemolo, seines Zeichens Vorsitzender der Confindustria, mit Silvio Berlusconi angelegt.

Und hier beobachtet man einen interessanten Interessenkonflikt innerhalb der Industriellen. Wer begabte Ingenieure und Manager braucht, um in internationalen und dynamischen Märkten wettbewerbsfähig zu bleiben, hat ein Interesse an bürgerlichen Tugenden, wie Bildung, Kreativität und Selbstorganisation (Es lebe der internationale Wettbewerb!) Wer sein Geld hingegen in lokal geschützten Märkten und Quasimonopolen wie den Unterhaltungsmedien, der Versorgungs- und Dienstleistungsbranche im allgemeinen verdient, der fälscht auch schon mal eher eine Bilanz oder manipuliert ein Gesetz zu seinen Gunsten. Ist ja einfacher. Und an Dummen verdient es sich leichter…

Doch dass der Gruppenkonformismus und der Wahn weniger, so manchen Firmen immer wieder zum Verhängnis werden, zeigt auch die „tolle“ Performance einiger deutscher Automobilbauer. Die Welt ist und bleibt nun einmal unsicher und man sollte den Kritikern schon ein bisschen Platz lassen, denn niemand kann, trotz aller sorgsam gehegten und umschmeichelten Wunschvorstellungen, hundertprozentig wissen, was morgen sein wird.

Die Polis und der öffentliche Raum sind also wieder zunehmend gefragt, denn mit ungebildeten und unkritischen Mitläufern wird man den Chinesen und Indern nicht das Wasser reichen können. Die Strukturen bleiben allerdings beunruhigend und die Bürgergesellschaft wird es mit allerlei Untiefen und Eisbergen zu tun bekommen.

Hoffentlich werden meine Kinder, so wie ich, die griechischen Sagen lesen, singen, Instrumente spielen und relativ unbekümmert leben können. Und dass, ohne das mir jemand versucht weiszumachen, was gutes Leben sei und welche Farbe meine Nase haben muss, damit ich auch noch mit 75 sexy bin.

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