Was bedeutet die Krise langfristig?

Der Kapitalismus war, wie auch schon der Merkantilismus vor ihm, ein Instrument der Akkumulation von Geld und damit Macht – mit dem Unterschied, dass der Merkantilismus eindeutig das Ziel hatte Geld für den jeweiligen Souverän anzuhäufen, während der Kapitalismus lange Zeit  mit dem utopischen Fortschrittsglauben dessen was wir als Moderne bezeichnen verknüpft war und in gewisser Hinsicht allen ein besseres materielles Leben versprach. Diese Idee liegt auch dem Konzept des Trickle-Down-Gedankens zugrunde, der eine Harmonie zwischen weiterer Akkumulation und Verbesserung des Lebens für den Rest der Gesellschaft unterstellt.

Historisch gesehen war dies auch über weite Strecken für den Kapitalismus gültig, denn es wurde nicht durch technische Neuerungen die Lebensqualität überhaupt erhöht, sondern sie konnte auch durch Fords Idee der Massenproduktion auf immer breitere Gesellschaftsschichten ausgedehnt werden.

Natürlich haben sich auch einige kapitalistische Gesellschaften so einige Unmenschlichkeiten und düstere Kapitel geleistet (Imperialismus durch Großbritannien und später auf versteckte Art und Weise durch die USA in Lateinamerika), aber die größeren Verbrechen wurden doch von „rückständigen Regimen“ wie dem damaligen Italien und dem Dritten Reich, oder auch dem kommunistischen Russland verübt.

Der Westen mit seinem wie auch immer politisch eingehegten Kapitalismus konnte sich also über lange Zeit moralisch überlegen fühlen, diese Zeit war aber im Grunde genommen schon spätestens 1980 vorbei. Denn der organisierte Kapitalismus (Welfare State, demokratische Interessenvertretung, Gewerkschaften, etc.) bekam eigentlich schon 1970 ein Profitproblem. Der Wiederaufbau war ausgereizt, die Sozialkosten stiegen und die internationale Konkurrenz zwischen den (wieder-)erstarkten Volkswirtschaften (USA, GB, Japan, Frankreich, Deutschland, Italien…) nahm immer mehr zu.

Dieses Profitproblem – von manchen als Profitklemme bezeichnet führte zu unterschiedlichen Lösungsversuchen. Deutschland und Japan bauten ihre Position als exportstarke Nationen weiter aus und Frankreich und Italien versuchten neben der Industrie, den Tourismus zu entwickeln. In diesen Ländern kamen die Errungenschaften des Welfare State zunehmend in Bedrängnis, aber es war wohl die Erfahrung mit den sozialen Spannungen der Kriegs- und Krisenjahre, die einen schnellen Abbau selbiger verzögerte. In allen Ländern kam es übrigens zu Konzentrationswellen, was zu immer größeren Holdings und Konzernen führte, welche dann genügend Kapital hatten, um die  anfänglich sehr teuren Instrumente der Automatisierung zu bezahlen.

Nun zur Entwicklung in den USA: Viele Industrielle hatten nach dem zweiten Weltkrieg wohl den Eindruck, dass ihnen die sozialen Errungenschaften unter Roosevelt in den Kriegsjahren mehr oder weniger aufgenötigt worden waren, weshalb spätestens unter Nixon die ohnehin schon wenig akzeptierten Unions immer mehr zurückgedrängt wurden. So sind dann auch die Reallöhne in den USA in den letzten dreißig Jahren kaum gestiegen.

Allerdings hatten die USA als Leader of the Western World – um nicht Master of the Universe zu sagen 😉 – noch ganz andere Möglichkeiten, um die Illusion einer Mittelstandsgesellschaft aufrechtzuerhalten. Drei finde ich besonders erwähnenswert.

Erstens – und dies ist hinreichend bekannt, wurden große Teile der Produktion in Schwellenländer und andere Länder der dritten Welt ausgelagert. Man konnte so Profit realisieren, die Erbärmlichkeit der Arbeitsverhältnisse amerikanischen Nichtwählern zumuten und sich außerdem einbilden, etwas zur Entwicklung der jeweiligen Länder beizutragen (was in manchen Fällen sogar stimmte).

Zweitens half die technologische Entwicklung der Medien (Farbfernsehen mit vielen Kanälen, später Internet) der immer schaler werdenden Fernsehberichterstattung (Infotainment) zum Durchbruch und erlaubte eine immer größere ideologischere Kontrolle und vor allem Ablenkung der Massen, zu welcher die indirekte Kontrolle an den Universitäten in den relevanten Wissenschaftsbereichen und die zunehmende Praxisorientierung der Studiengänge noch hinzukam.

Drittens, und dies ist wohl der wenigsten offensichtliche Punkt, haben die USA ihre Rolle als führende Finanzmacht mit dem Dollar als Leitwährung dazu benutzt, eine Kultur der Verschuldung zu etablieren, um somit weiteren Konsum und damit Profit zu ermöglichen – eine wahrhafte „Geldpolitik“ als Wachstumsmotor sozusagen. So ist nicht nur der Staat der USA bei der Welt verschuldet, sondern auch seine Bürger haben hohe Konsum- und Hauskreditschulden. Und diese Kultur hat ermöglicht, dass Konsum vorgezogen wurde – Es wurde ausgegeben, was noch gar nicht verdient war und das alles um noch weiter zu wachsen und um unter den gegebenen politischen Verhältnissen noch weiter Profit zu machen.

Aber diese Politik – und hiermit komme ich zur langfristigen Bedeutung der Krise – stößt zunehmend an ihre Grenzen, oder besser gesagt – ist durch die Finanzkrise schon an ihre Grenzen gestoßen. Wo der 11. September das politische Vorgehen der USA in Frage gestellt hat, stellt die Finanzkrise nun das wirtschaftliche Agieren selbiger in Frage. Die Zeit der Mittelstandsillusion in den USA ist vorbei und dies wird erhebliche Folgen politischer und gesellschaftlicher Natur in den USA, aber auch in der Welt haben.

Denn jetzt wird der Interessengegensatz zwischen der kapitalistischen Elite und der zunehmend verarmenden und ausgegrenzten Bevölkerung immer offener zu Tage treten. Und es kann durchaus sein, dass sich die „creative class“ irgendwo anders in der Welt niederlässt, um die multinationalen Konzerne zu führen. Was aber passiert, wenn die USA an Gewicht verliert, weil sie mit innenpolitischen Problemen beschäftigt ist und wenn dadurch das Ideal der Mittelstandsgesellschaft an Bedeutung gewinnt. Kommt dann das „asiatische Jahrhundert“ kontrollierter und sehr ungleicher Gesellschaften mit neuen Kriegen um Ressourcen und Einflussbereiche?

Letztendlich war die vielgescholtene Verschuldung zwar doch ein zweckdienliches Mittel, um Profite zu realisieren, aber eben doch auch – wenn auch ungewollt – eine Möglichkeit die Illusion einer demokratischen Gesellschaft mit Aufstiegschancen für viele aufrechtzuerhalten. Mit anderen Worten: Der Kapitalismus war schon einmal elitär und wir wissen, dass diese Eliten zweifelhafte Beziehungen zu Faschisten und Nazis hatten, aber das war vor der Erfindung des Massenkonsums und des ausgleichenden Wohlfahrtsstaates. Was kommt dann für eine Gesellschaft? Weltweite Unterdrückung und Solidarität der Eliten in  subtiler und offener Form – Zunahme von NoGo-Areas und Slums im Westen? Oder etwa freiwillig gezahltes Bürgergeld und Bürgergesellschaft?

Ich bin weit davon entfernt, in marxistischer Manier bei jeder Krise, dem Ende des Kapitalismus entgegenzufiebern. Das ist einfach unrealistisches Wunschdenken. Allerdings hat jede Krise des Kapitalismus weitreichende Konsequenzen gehabt und einige Möglichkeiten habe ich ja schon angesprochen. Nun möchte ich noch ein paar empirische Tatsachen hinzufügen, um die Lage noch etwas zu verdeutlichen.

  1. Elitenstudien zeigen, dass die westlichen Gesellschaften undurchlässiger werden und vor allem der Zusammenhalt der Topeliten zunimmt – Familien, hinzu kommt, dass die Eliten sich im Unterschied zu vor 80 Jahren, als die nationalen Eliten miteinander konkurrierten, immer besser untereinander verstehen.
  2. Überall in der westlichen Welt nehmen prekäre Beschäftigungsformen zu (Teilzeit, Praktika, etc.)
  3. Die Zahl der Arbeitslosen ist hoch und das obwohl die Geburtenraten sinken und die Zahlen geschönt werden und hier wird die Krise auch die „Arbeitsblase“ zerplatzen lassen…
  4. 500 Millionen Bürger in Europa und den USA müssen mit 1,5 Mrd. Menschen in Indien, China und anderen Schwellenländern konkurrieren, welche ähnliche Qualifikationen haben…

Angesichts dieser Tatsachen scheint eine gewisse Beunruhigung angebracht, auch wenn man sagen muss, dass sie nicht wirklich neu sind. Außerdem sind ja nicht alle sozialen Schichten gleichmäßig betroffen – Ärzte, Bauern und Anwälte fahren wohl noch etwas besser als Arbeiter und Angestellte in der Industrie. Allerdings scheint eine Gesellschaft der Zukunft mit recht großen Unterschieden und Almosen-Bürgergeld auch nicht sehr vielversprechend zu sein, zumal die soziale Kontrolle und Überwachung in vielen westlichen Staaten zunimmt.

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3 Kommentare - “Was bedeutet die Krise langfristig?”

  1. ziusudra Says:

    Ihre Blogs sind so gut, dass niemand darauf antwortet. Betrachten sie es als Zeichen für Qualität. Danke !

  2. Scrutograph Says:

    Lesenswert – aber im Medium Blog könnte vielleicht etwas mehr Kürze nicht schaden.

  3. Zunt Says:

    Notbetten im Gang in den Krankenhäusern, Warteschlange bis auf die Strasse hinaus am Wochenende bei den Notdiensten, so ist derzeit die Situation im Gesundheitswesen. auch andere Bereiche, wie Apotheken und Optiker sind ausgelastet. Viele Arztpraxen und Krankenhäuser nehmen derzeit kaum noch Kassenpatienten auf. Die Praxen und Kliniken gehen dabei sehr nach dem Geld, obschon gerade ja auch die, die viel Geld haben, eventuell auch viel von anderen holen. In heutiger Zeit Eigentum zu haben ist nicht nur Glück, vielleicht sind auch teilweise unsaubere Geschäfte dabei, wie Handel mit Drogen, und Ausbeutung von anderen. Die Kassenärztliche Vereinigung gibt als Grund für überfüllte Praxen und Misständen in Krankenhäusern eine Form von falscher CDU/CSU Politik an, die ihrer Ansicht nach immer mehr krank machen würde. Einige der Ärzteschaft, wie auch das Klinikpersonal sind konkret gegen die CDU/CSU.
    Vieles wird in der Behandlung auch aufgrund unterschiedlicher Krankenversicherungen anders behandelt. So erhält der eine Patient eine gute Behandlung, und andere wiederum gehen leer aus. Speziell auch mit Impfungen und der Behandlung der Zähne wird das unterschiedlich gehandhabt. Vieles im bereich der Behandlung der Zähne wird nicht übernommen.
    http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,614949,00.html


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