Archiv für Februar 2009

Was bedeutet die Krise langfristig? – Teil 2

14. Februar 2009

Im ersten Teil habe ich mir über die Zukunft der Mittelstandsgesellschaft Gedanken gemacht, jetzt nachdem bestimmte Politiken der USA (also gar nicht aller kapitalistischen Länder) nicht mehr machbar erscheinen und ein politisches Problem aufgezeigt – das der zunehmenden Ausgrenzung von Bevölkerungsteilen im heutigen flexiblen Wissens- oder Technokapitalismus. Diesen Ansatz will ich nun vertiefen.

Das Problem ist, daß eine neoliberal orientierte Politik – also grob gesagt: Mehr Markt, weniger Staat! zu ungewollten Konsequenzen geführt hat, die den wirtschaftliche Stabilität der Welt und – und das erscheint mir besonders wichtig – die wirtschaftliche Machtposition der USA bedrohen. Denn auch wenn natürlich wieder meistens die Anleger und die Industriebetriebe die Rechnung der Banken begleichen müssen – nach den Rettungspaketen nun auch die Steuerzahler – so ist doch die Bilanz ernüchternd: Chinesisches und arabisches Kapital gewinnt an Einfluss und die Wirtschaft zeigt etwas, was nach der neoliberalen Theorie nicht vorkommen dürfte – sie ist in vielen Bereichen ineffizient.

Warum? Weil man sich damit beschäftigt hat – siehe Auto- und Finanzindustrie – die Bundesbehörden, also den Staat zu schmieren, um Wettbewerb abzuwenden und Kontrollen und Umweltauflagen zu vermeiden; mafiöse Vorgehensweisen also. Denn genau das steckte oft hinter der neoliberalen Rhetorik. Und was ist das Ergebnis des ganzen?

Nun ja, die Industrie geht nach China und Indien, die Zukunftstechnologien werden in Japan und Kalifornien entwickelt, was in seiner Politik eher Finnland als den tonangebenden US-Südstaaten ähnelt, die Schulen sind oft schlecht und die Mediengesellschaft so banal und fehlsteuernd, das viele junge Menschen Filmstar oder Anwalt, aber ja nicht Ingenieur oder Erfinder werden wollen. Deshalb muss auch ein Großteil der Talente aus dem Ausland angeworben werden.

In anderen Worten – die Institutionen sind mittlerweile so schlecht, dass sie die Führungsrolle nicht nur außenpolitisch, sondern auch wirtschaftlich gesehen zunehmend gefährden. Und diese Problematik hat etwas mit dem Charakter des sich immer stärker herausbildenden Techno- oder Wissenkapitalismus zu tun. Wissensentwicklung ist unsicher und oft müssen Topinnovationen von langer Hand vorbereitet und unterstützt werden. Es ist ja kein Geheimnis, dass die staatliche Finanzierung von Militärforschung viele ungewollte privatwirtschaftliche Anwendungen hatte. Und wird heute Topforschung sehr oft staatlich gestützt und das natürlich auch in den USA, die mehr als wir Europäer (in % des BIP) für Forschung und Entwicklung ausgeben.

Sämtliche Topforschungsregionen der Welt wissen um diese Langfristigkeit und versuchen die beste Mischung aus Markt und Staat zu finden (um es mal etwas vereinfacht auszudrücken), um vorn mitzuspielen. Sie folgen also nicht einem abstrakten, ahistorischen Kriterium einer ökonomischen Theorie, deren Basis mittlerweile 200 Jahre alt ist, sondern suchen pragmatisch nach best practices.

Anders ausgedrückt – sie haben implizit begriffen, das es mehrere Kategorien von Marktversagen gibt, die die Leistungsfähigkeit von modernen Marktwirtschaften in Frage stellen. Zu Polanyis klassischen Problemen (fictitious commodities) der Übernutzung von Land (Umweltbelastung), der Fehlallokation von menschlicher Arbeitskraft (soziale Spannungen) und der Fehlsteuerung der Geldpolitik fügt z.B Block noch die Bereitstellung von gesellschaftlichem Wissen und die Erhaltung eines Umfeldes echten Wettbewerbs (Antitrust, etc.) hinzu.

Und der jetzige Macht- und Prestigeverlust hat implizit gezeigt, dass es sich auch die USA im aufkommenden Wettbewerb mit China und Indien es sich nicht mehr leisten können, im großen Stil an einer im Grunde genommen längst veralteten und im Laufe der letzten zweihundert Jahre immer wieder kritisierten Ideologie (Marx – Weber – Polanyi – Perroux, Beaud und viele andere) festzuhalten.

Und das erklärt auch den schnellen Aufstieg von Barack Obama. Denn seine Themen entsprechen denjenigen der sogenannten Bilderberggruppe, dem Council on Foreign Relations und der trilateralen  Kommission – drei einflussreichen US-amerikanischen Gremien (denjenigen, die Französisch sprechen, will ich den spannenden Link nicht vorenthalten (http://www.michelbeaud.com/bilet.htm#decembre%202008). Und auch sein Ministerpersonal entstammt mehr oder weniger diesen Gremien.

Die USA werden also „klammheimlich“ von oben her modernisiert und dass wohl nicht aus Liebe zur Demokratie, sondern weil es der internationale Wettbewerb um die „creative class“ (siehe Richard Florida) es langfristig gesehen erfordert. Und auch deshalb kann Obama, ohne das viel Gewese gemacht wird, so manche heilige Kuh schlachten – Abtreibungsdiskussion, Reduzierung der Atomwaffen, Umweltverordnungen für Autos, Förderung grüner Technologien, etc. Wir sehen also den Anpassungsdruck des Kapitalismus in Aktion und zwar hin zu besseren Institutionen. Denn mittlerweile haben die Asiaten, Lateinamerikaner und Russen gelernt, dass zuviel freier Markt ihnen Schaden zufügt und schauen sehr genau hin, wem sie wann und wo Zutritt erlauben.

Allerdings löst das Verblassen der neoliberalen Ideologie in der Regierungspraxis noch nicht die Frage, wie man in Europa und in den USA mit den sich abzeichnenden sozialen Spannungen umgehen soll, die der Technokapitalismus offensichtlich hervorruft und die ich im ersten Teil schon angedeutet habe. Denn Prekarität und Ängste welche durch zuviel Flexibilität hervorgerufen werden, stellen die in der westlichen Welt die Vorstellungen vom guten Leben in der Mittelschicht in Frage und stören die ohnehin schon schwierige Entwiclklung von guten Institutionen, die erforderlich sind, um weltweit vorn mitzuspielen. Und hier haben wir einen Nachteil gegenüber aufsteigenden Nationen, die eine weniger alte Bevölkerung haben. Allerdings haben die wiederum andere Probleme.

Die Krise zeigt also nicht nur deutlich, dass die kulturelle Hegemonie der USA geringer wird, da bestimmte Praktiken an Glaubwürdigkeit (militärisch und wirtschaftlich) verlieren, sondern auch – und das habe ich im ersten Teil versucht zu sagen – dass das Mittelstandsideal problematisch wird, jetzt da seine künstliche Aufrechterhaltung (durch eine andere – konservative – Art und Weise der Sicherung des sozialen Friedens) nicht mehr machbar scheint.

Die momentane Transformation des Kapitalismus (in seiner Form des flexiblen Technokapitalismus) bringt uns also offensichtlich eine Welt, die sich stark vom bürgerlichen Mittelstandsideal entfernt – eine effiziente, aber zunehmend ungleiche und
flexible Welt, welche das Gerechtigkeitsempfinden vieler belastet. In dieser Welt werden viele Menschen nicht gebraucht und sich selbst überlassen. Das aber ist auch nichts wirklich Neues, denn wo Weltwirtschaftskrise die Schwachpunkte des nationalen Industriekapitalismus aufgezeigt hat, da zeigt die heutige Krise die Schwachpunkte des flexiblen agierenden Techno- und Wissenskapitalismus auf. (Und viele Firmen nutzen die Krise auch um ordentlich Stellen zu streichen…)

Die Frage nach der Zukunft der Arbeit ist also weiterhin spannend, wie auch die Frage, wie man den Technokapitalismus institutionell einbetten sollte, jetzt, da sich seine Konturen immer stärker abzeichnen. Und natürlich auch die Frage, welche Auswirkungen die asiatische Konkurrenz auf die westliche Welt haben. Aber darüber schreibe ich ein anderes Mal.

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Was bedeutet die Krise langfristig?

7. Februar 2009

Der Kapitalismus war, wie auch schon der Merkantilismus vor ihm, ein Instrument der Akkumulation von Geld und damit Macht – mit dem Unterschied, dass der Merkantilismus eindeutig das Ziel hatte Geld für den jeweiligen Souverän anzuhäufen, während der Kapitalismus lange Zeit  mit dem utopischen Fortschrittsglauben dessen was wir als Moderne bezeichnen verknüpft war und in gewisser Hinsicht allen ein besseres materielles Leben versprach. Diese Idee liegt auch dem Konzept des Trickle-Down-Gedankens zugrunde, der eine Harmonie zwischen weiterer Akkumulation und Verbesserung des Lebens für den Rest der Gesellschaft unterstellt.

Historisch gesehen war dies auch über weite Strecken für den Kapitalismus gültig, denn es wurde nicht durch technische Neuerungen die Lebensqualität überhaupt erhöht, sondern sie konnte auch durch Fords Idee der Massenproduktion auf immer breitere Gesellschaftsschichten ausgedehnt werden.

Natürlich haben sich auch einige kapitalistische Gesellschaften so einige Unmenschlichkeiten und düstere Kapitel geleistet (Imperialismus durch Großbritannien und später auf versteckte Art und Weise durch die USA in Lateinamerika), aber die größeren Verbrechen wurden doch von „rückständigen Regimen“ wie dem damaligen Italien und dem Dritten Reich, oder auch dem kommunistischen Russland verübt.

Der Westen mit seinem wie auch immer politisch eingehegten Kapitalismus konnte sich also über lange Zeit moralisch überlegen fühlen, diese Zeit war aber im Grunde genommen schon spätestens 1980 vorbei. Denn der organisierte Kapitalismus (Welfare State, demokratische Interessenvertretung, Gewerkschaften, etc.) bekam eigentlich schon 1970 ein Profitproblem. Der Wiederaufbau war ausgereizt, die Sozialkosten stiegen und die internationale Konkurrenz zwischen den (wieder-)erstarkten Volkswirtschaften (USA, GB, Japan, Frankreich, Deutschland, Italien…) nahm immer mehr zu.

Dieses Profitproblem – von manchen als Profitklemme bezeichnet führte zu unterschiedlichen Lösungsversuchen. Deutschland und Japan bauten ihre Position als exportstarke Nationen weiter aus und Frankreich und Italien versuchten neben der Industrie, den Tourismus zu entwickeln. In diesen Ländern kamen die Errungenschaften des Welfare State zunehmend in Bedrängnis, aber es war wohl die Erfahrung mit den sozialen Spannungen der Kriegs- und Krisenjahre, die einen schnellen Abbau selbiger verzögerte. In allen Ländern kam es übrigens zu Konzentrationswellen, was zu immer größeren Holdings und Konzernen führte, welche dann genügend Kapital hatten, um die  anfänglich sehr teuren Instrumente der Automatisierung zu bezahlen.

Nun zur Entwicklung in den USA: Viele Industrielle hatten nach dem zweiten Weltkrieg wohl den Eindruck, dass ihnen die sozialen Errungenschaften unter Roosevelt in den Kriegsjahren mehr oder weniger aufgenötigt worden waren, weshalb spätestens unter Nixon die ohnehin schon wenig akzeptierten Unions immer mehr zurückgedrängt wurden. So sind dann auch die Reallöhne in den USA in den letzten dreißig Jahren kaum gestiegen.

Allerdings hatten die USA als Leader of the Western World – um nicht Master of the Universe zu sagen 😉 – noch ganz andere Möglichkeiten, um die Illusion einer Mittelstandsgesellschaft aufrechtzuerhalten. Drei finde ich besonders erwähnenswert.

Erstens – und dies ist hinreichend bekannt, wurden große Teile der Produktion in Schwellenländer und andere Länder der dritten Welt ausgelagert. Man konnte so Profit realisieren, die Erbärmlichkeit der Arbeitsverhältnisse amerikanischen Nichtwählern zumuten und sich außerdem einbilden, etwas zur Entwicklung der jeweiligen Länder beizutragen (was in manchen Fällen sogar stimmte).

Zweitens half die technologische Entwicklung der Medien (Farbfernsehen mit vielen Kanälen, später Internet) der immer schaler werdenden Fernsehberichterstattung (Infotainment) zum Durchbruch und erlaubte eine immer größere ideologischere Kontrolle und vor allem Ablenkung der Massen, zu welcher die indirekte Kontrolle an den Universitäten in den relevanten Wissenschaftsbereichen und die zunehmende Praxisorientierung der Studiengänge noch hinzukam.

Drittens, und dies ist wohl der wenigsten offensichtliche Punkt, haben die USA ihre Rolle als führende Finanzmacht mit dem Dollar als Leitwährung dazu benutzt, eine Kultur der Verschuldung zu etablieren, um somit weiteren Konsum und damit Profit zu ermöglichen – eine wahrhafte „Geldpolitik“ als Wachstumsmotor sozusagen. So ist nicht nur der Staat der USA bei der Welt verschuldet, sondern auch seine Bürger haben hohe Konsum- und Hauskreditschulden. Und diese Kultur hat ermöglicht, dass Konsum vorgezogen wurde – Es wurde ausgegeben, was noch gar nicht verdient war und das alles um noch weiter zu wachsen und um unter den gegebenen politischen Verhältnissen noch weiter Profit zu machen.

Aber diese Politik – und hiermit komme ich zur langfristigen Bedeutung der Krise – stößt zunehmend an ihre Grenzen, oder besser gesagt – ist durch die Finanzkrise schon an ihre Grenzen gestoßen. Wo der 11. September das politische Vorgehen der USA in Frage gestellt hat, stellt die Finanzkrise nun das wirtschaftliche Agieren selbiger in Frage. Die Zeit der Mittelstandsillusion in den USA ist vorbei und dies wird erhebliche Folgen politischer und gesellschaftlicher Natur in den USA, aber auch in der Welt haben.

Denn jetzt wird der Interessengegensatz zwischen der kapitalistischen Elite und der zunehmend verarmenden und ausgegrenzten Bevölkerung immer offener zu Tage treten. Und es kann durchaus sein, dass sich die „creative class“ irgendwo anders in der Welt niederlässt, um die multinationalen Konzerne zu führen. Was aber passiert, wenn die USA an Gewicht verliert, weil sie mit innenpolitischen Problemen beschäftigt ist und wenn dadurch das Ideal der Mittelstandsgesellschaft an Bedeutung gewinnt. Kommt dann das „asiatische Jahrhundert“ kontrollierter und sehr ungleicher Gesellschaften mit neuen Kriegen um Ressourcen und Einflussbereiche?

Letztendlich war die vielgescholtene Verschuldung zwar doch ein zweckdienliches Mittel, um Profite zu realisieren, aber eben doch auch – wenn auch ungewollt – eine Möglichkeit die Illusion einer demokratischen Gesellschaft mit Aufstiegschancen für viele aufrechtzuerhalten. Mit anderen Worten: Der Kapitalismus war schon einmal elitär und wir wissen, dass diese Eliten zweifelhafte Beziehungen zu Faschisten und Nazis hatten, aber das war vor der Erfindung des Massenkonsums und des ausgleichenden Wohlfahrtsstaates. Was kommt dann für eine Gesellschaft? Weltweite Unterdrückung und Solidarität der Eliten in  subtiler und offener Form – Zunahme von NoGo-Areas und Slums im Westen? Oder etwa freiwillig gezahltes Bürgergeld und Bürgergesellschaft?

Ich bin weit davon entfernt, in marxistischer Manier bei jeder Krise, dem Ende des Kapitalismus entgegenzufiebern. Das ist einfach unrealistisches Wunschdenken. Allerdings hat jede Krise des Kapitalismus weitreichende Konsequenzen gehabt und einige Möglichkeiten habe ich ja schon angesprochen. Nun möchte ich noch ein paar empirische Tatsachen hinzufügen, um die Lage noch etwas zu verdeutlichen.

  1. Elitenstudien zeigen, dass die westlichen Gesellschaften undurchlässiger werden und vor allem der Zusammenhalt der Topeliten zunimmt – Familien, hinzu kommt, dass die Eliten sich im Unterschied zu vor 80 Jahren, als die nationalen Eliten miteinander konkurrierten, immer besser untereinander verstehen.
  2. Überall in der westlichen Welt nehmen prekäre Beschäftigungsformen zu (Teilzeit, Praktika, etc.)
  3. Die Zahl der Arbeitslosen ist hoch und das obwohl die Geburtenraten sinken und die Zahlen geschönt werden und hier wird die Krise auch die „Arbeitsblase“ zerplatzen lassen…
  4. 500 Millionen Bürger in Europa und den USA müssen mit 1,5 Mrd. Menschen in Indien, China und anderen Schwellenländern konkurrieren, welche ähnliche Qualifikationen haben…

Angesichts dieser Tatsachen scheint eine gewisse Beunruhigung angebracht, auch wenn man sagen muss, dass sie nicht wirklich neu sind. Außerdem sind ja nicht alle sozialen Schichten gleichmäßig betroffen – Ärzte, Bauern und Anwälte fahren wohl noch etwas besser als Arbeiter und Angestellte in der Industrie. Allerdings scheint eine Gesellschaft der Zukunft mit recht großen Unterschieden und Almosen-Bürgergeld auch nicht sehr vielversprechend zu sein, zumal die soziale Kontrolle und Überwachung in vielen westlichen Staaten zunimmt.

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