Archiv für April 2008

Kapitalismusformen und menschliche Entwicklung

19. April 2008

In der Debatte um die Wirtschaftsordnungen wird sich häufig am Gegensatz Kapitalismus – Kommunismus orientiert und es wird vergessen, dass die einzelnen Ausprägungen des Kapitalismus recht unterschiedlich sind.

Es gibt aber eine mittlerweile sehr umfangreiche Literatur über die verschiedenen Kapitalismusformen. Typischerweise wird zwischen dem nordischen, dem kontinentaleuropäischen und dem angelsächsischen Modell unterschieden. Diese Klassifizierung geht auf Esping-Andersen zurück.

Andere Autoren wie Michael Mann, David Soskice, Bruno Amable oder Manuel Ferrera verwenden etwas andere Klassifikationen, aber die Grundidee ist dieselbe. Deswegen will ich nur auf die Dreiteilung Esping-Andersens eingehen, der, und das ist der entscheidende Punkt, auch auf die historischen Wurzeln der jeweiligen Typen eingeht.

Der nordische Kapitalismus wurzelt im Gleichheits- und Einigkeitsgedanken der die skandinavische Welt auszeichnet. Es kommt aber auch eine guter Schuss Individualismus hinzu, weshalb nordische Wohlfahrtsstaaten ihre Leistungen, an den Bedürfnissen des Individuums ausrichten und es in der Praxis schaffen, Arbeitsmarktflexibilität und Risikoabsicherung der Einzelnen, vor allem auch der Frauen, zu vereinen.

Der kontinentaleuropäische Kapitaslismus ist sehr vielfältig, zeichnet sich aber durch die Perpetuation von Ständeprivilegien, also Segregation aus und überlässt die Absicherung individueller Risiken zu einem großen Teil den Familien. Ein großer Vorteil der ständischen Organisation (Korporatismus) ist die langfristige Stabilität und das Vorhandensein von bestimmten Rollenverständnissen (Facharbeiter, etc.), welches hochkomplexe Produktionsabläufe, in denen Konstanz und Loyalität eine Rolle spielen erst ermöglicht. Nicht umsonst kommen die besten Autos aus Deutschland und Japan und eben nicht aus den USA.

Der angelsächsische Kapitalismus ist der urwüchsigste, hatte aber starke Probleme in der Umsetzung komplexer Produktionsprozesse (englische Wirtschaftskrise und Deindustrialisierung in den 70er Jahren). Im Zuge der Tertiarisierung wurden die Mitarbeiter aber zunehmend austauschbar. Es gibt zwarauch in den USA noch einige Fachgewerkschaften und spezialisierte Arbeitskräfte, der Trend ist jedoch eine Zweiteilung der Arbeitenden in flexible Billigjobs und hochbegehrte Spezialisten. Es ist auch hier interessant, die historischen Wurzeln zu beleuchten. Aufgrund der graduellen Entwicklung wurde am wenigsten mit der britischen, aristokratischen Tradition gebrochen – also anders als in Frankreich und Deutschland, wo dies recht blutig ablief – weshalb selbige sich in Großbritannien halten konnte und auch in sämtlichen ehemaligen Kolonien durchsetzte. Die neureichen US-amerikanischen Industriemagnaten wie Rockefeller haben sich genau an diesem Klassensystem orientiert, als sie europäische Adelsbauten von zum Teil gigantischen Ausmassen errichten liessen. Letzendlich fußt aber das angelsächsiche Modell auf Segregation, welche seit der Schlacht von Hastings 1066 die britische Gesellschaft auszeichnet.

Die jüngere US-amerikanische Entwicklung lässt sich übrigens gut anhand dieser Typologie interpretieren – mit dem abnehmenden Einfluss der nordischen und deutschen Einwanderer in den USA hat sich die Sozialpolitik von einer nordisch-kontinentaleuropäischen Linie hin zu einer angelsächsisch, vielleicht auch spanischen Tradition von Ausgrenzung und Zweiklassengesellschaft verschoben. Denn der momentane wirtschaftliche Erfolg der Südstaaten impliziert eben auch einen Erfolg der Südstaaten-Institutionen – also ein ungeregelter, menschenfeindlicher, wenn nicht auf Sklavenhaltertraditionen beruhender Kapitalismus.

Was hat das ganze nun mit Liberalismus zu tun? Nun ja, ich habe meine Schwierigkeiten, mit Leuten, die Liberalismus sagen, aber Klassengesellschaft und Unmenschlichkeit meinen. Neoliberale Argumentationen sind häufig nicht nur sehr ideologisch und halten einer empirischen Prüfung nicht stand, sondern sie berufen sich auf zweifelhafte Quellen und Denker. Hayek war sicherlich ein hochintelligenter und vielseitig denkender Mann, aber er war eben auch ein österreichischer Aristokrat, der sich im konservativen Grossbritannien natürlich wohlgefühlt haben muss. Ähnliches lässt sich auch für Ayn Rand formulieren, deren Radikalität ich als eine Art Gegenreaktion auf die Grausamkeiten des unmenschlichen, russischen Kommunismus interpretiere. Diese Einzelschicksale sind tragisch und menschlich nachzuvollziehen, aber wenn sie ihrerseits dazu benutzt werden, eine weitere menschenverachtende Ideologie – und nichts anderes ist der real-existierende Neoliberalismus, so kann ich mich nur abwenden.

Vielleicht haben wir Menschen nach 10000 Jahren Zivilisation, die weitgehend auf Ausgrenzung, Gewalt und Unterdrückung beruht hat, noch zuviel Hass und Machtgier in uns, um eine humane Welt zu gestalten, aber ich finde es ist an der Zeit, die Spirale von Gewalt und Gegengewalt zu beenden. Die nordischen Völker – die Eroberer par excellence – die als Wikinger und Normannen soviel Leid über den Rest Europas gebracht haben, haben dies zu Hause einigermassen geschafft. Anderswo herrschen sie immer noch mit den üblichen Mitteln, oder was bedeuteten Apartheid bis vor 20 Jahren und weiße südamerikanische Eliten heute?