Archiv für März 2008

Die Terrordebatte, die Verdrängung von Problemen und die moralische Schwäche des Westens

28. März 2008

In der Presse wird viel über die Gefährlichkeit des islamischen Terrors berichtet, so auch anlässlich des erneuten Streits um die Karikaturen in Dänemark. So sehr aber die Bestürzung über neu aufflammenden Hass nachvollziehbar ist, umso mehr kann ich nicht umhin, die Aufmerksamkeit auf drei wunde Punkte zu lenken, die da wären:

1. Das Problem ist zum Teil von den USA, wenn nicht gewollt, so doch hausgemacht.

2. Ich halte das Islambashing für eine gefährliche Form von Rhetorik, um in unserer westlichen Welt freiheitsbeschneidende Politiken durchzusetzen.

3. Die Konzentration auf die islamische Welt führt zu einer Vernachlässigung anderer wichtiger Politikfelder, z.B. die China-Tibet-Problematik, oder überhaupt, wie mit autoritären, menschenverachtenden Staaten umgegangen werden soll.

zu 1. Spätestens seit Volker Pispers wissen wir um die unrühmliche Rolle der USA nicht nur in Vietnam oder Lateinamerika, sondern auch in der islamischen Welt. Man könnte glatt argumentieren, dass Amerika sich die heutige Form von terroristischem Islam selbst eingebrockt hat, indem es durch Stützung des persischen Schahs (heute Iran) den Gottesstaat unter Khomeini mitverursacht und dann später durch Stützung der Saudis, die ja die ganzen konservativen Islamtraditionen erst so richtig mit dem Geld aus den Ölverkäufen in die heute existierende islamische Welt eingepflanzt haben. Auch dass man aus innenpolitischen Gründen einen der wenigen nichtreligiösen Diktatoren – Saddam Hussein – abgeschossen hat, nachdem man ihn Jahre zuvor gefördert hat, war langfristig betrachtet nicht gut für das Gleichgewicht in der Region. Aber die Amerikaner spielen ja gern herum, ohne eigentlich zu wissen, womit sie spielen.

zu 2. Anstatt, sich für eine gerechtere, friedvollere und grünere Welt einzusetzen, haben sich die USA nicht davor gescheut, die Aussenpolitik vor die Hunde gehen zu lassen, um die neue interne Ungleichheit zu rechtfertigen. Seit Nixon, aber spätestens ab Reagan, war dazu jedes Mittel recht. Gewerkschaftsbashing, Nichteinhalten internationaler Abkommen, Outsourcing und Verlagerung von Arbeit in Gebiete, in denen Menschenrechte mit Füssen getreten werden, Erhöhung der Zinssätze unter Paul Volcker, die eine ganze Reihe von Entwicklungsländern in eine Schuldenkrise stürzte, um aus der Stagflation herauszukommen, ungezügelter Waffenhandel und vieles mehr. Die USA sind ein viel stärker segregiertes Land, als wir uns das eigentlich klar machen wollen, in denen aufmüpfige, nicht-integrierte Elemente ganz schnell mal eben weggesperrt werden und in dem alle, die Big Business im Weg stehen, sehr schlechte Karten haben. Diese innenpolitische Abkehr von uramerikanischen Werten wird fortgesetzt und die USA beginnen schon jetzt den Preis zu zahlen: eine weniger kreative Elite, geringere Attraktivität, größere interne Unsicherheit etc. Und zu allem Überdruss werden diese Probleme selten rational angegangen und diskutiert, sondern die Medien führen eine Scheindebatte, in der eben die extreme Konzentration auf den islamischen Terror eine zentrale Rolle spielt.

zu 3. Meiner Meinung nach haben die USA die historische Chance vertan, die Welt ein wenig schwedischer oder sagen wir protestantisch-christlicher zu machen und zahlen nun den Preis für diesen Fehler. Man hätte bestimmte Dinge besser regeln können, z.B. durch das Vorantreiben lokal verträglicher Entwicklungspolitiken. Aber man hat die Lateinamerikaner dominiert und die islamische und afrikanische Welt – aus Geiz und Kurzsichtigkeit – vernachlässigt, bzw. aktiv die jeweils „dunkle Seite der Macht“ unterstützt. Dasselbe moralisch zwielichtige Verhalten finden wir heute gegenüber China und aller Voraussicht nach wird bezüglich Tibet nicht viel geschehen, denn es wurde schon an ganz anderen Brandherden einfach tatenlos zugeschaut, wobei man sich die Hände mit schalen Theorien kultureller Toleranz wusch. Ich glaube auch nicht, dass sich an dieser Tendenz viel ändern wird – nur was wird geschehen, wenn die Asiaten ökonomisch aufsteigen und in den Großkonzernen, die sie jetzt schon fast besitzen, auch entscheiden möchten?

Schluss

Ich kann nur hoffen, dass wir Europäer nicht die Fehler der USA wiederholen, auch wenn es ganz den Anschein hat, dass wir in ähnliche verfallen. Wie auch aus dem Artikel deutlich wird, ist es Zeit, dass wir uns auf unsere eigenen Traditionen besinnen und versuchen mit den verschiedenen Regionen dieser Welt in Kontakt zu bleiben und eben eine positive Rolle spielen. Aber dazu müssen wir uns vor allem von einer bigotten Ideologie lösen und den Tatsachen ins Auge blicken und sicher auch Gut und Böse neu definieren.

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