Archiv für Februar 2008

Von Machtdifferenzen, Freiheit und Mindestlohn

15. Februar 2008

1. Wenn wir in einer Welt leben würden, in der relative Chancengleichheit besteht, so wäre der Ansatz – niedrige Steuern, wer nicht arbeitet soll auch nicht essen, etc. – der richtige. Diese Chancengleichheit ist aber zunehmend nicht mehr gegeben, denn Großunternehmen dominieren zunehmen die Wirtschaftslandschaft und können aufgrund ihres Machtpotentials nicht nur andere kleinere Wettbewerber mit unterschiedlichsten Strategien ausschalten, sondern auch den Arbeitnehmern zunehmend ihre Bedingungen aufdrängen.

2. Eine liberale Grundidee ist Freiheit von Zwang. Traditionell haben sich Liberale immer gegen einen starken bzw. totalen Staat gewehrt, weil ein solcher Lebenswünsche der Individuen ignorieren kann und der Einzelne ihm im Zweifelsfall hilflos ausgesetzt wäre. Im Zuge dieses wichtigen Gedankens ist dann immer die Wichtigkeit der Marktwirtschaft betont wurden, wobei sich hier leider die Interessen von überzeugten Liberalen und auf Machterhaltung erpichte bürgerliche Schichten oft vermischten, wobei das eigentlich wichtige Kriterium vergessen wurde. Denn Märkte sind nur dann wichtig für das liberale Anliegen, wenn sie die Wahlfreiheit und die Verwirklichungschancen der Individuen erhöhen.

3. Dies ist der Fall, solange eben z.B. auf den Arbeitsmärkten Wahlfreiheit existiert, weil die Unternehmenslandschaft aus vielen, untereinander um die besten Mitarbeiter buhlenden Firmen besteht. Was geschieht aber, wenn die großen Organisationen ein Machtpotential aufbauen, dass jenes mancher Staaten sogar noch übertrifft, sie sich also immer weniger um die Belange der Menschen kümmern müssen?

4. Die Antwort kennen wir. Es werden schlechtere Arbeitsbedingungen und niedrigere Löhne durchgesetzt, Politiker manipoliert, etc. Organisationen, die Freiheit garantieren sollen, bescheiden sie, die Belange der Menschen missachtend. Konkret heisst das, wie aus einer EU-Studie hervorgeht, die Arbeitsstress als häufigsten Grund für Krankmeldungen ausmacht, dass „unsichere Arbeitsverhältnisse, hoher Termindruck, unflexible und lange Arbeitszeiten, Mobbing und nicht zuletzt die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie“ die Lebensqualität der Menschen stark beeinträchtigen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,533007,00.html

5. Deshalb sollten neue freiheitsfördernde Ansätze versuchen, eben neue Frei- und Rückzugsräume zu schaffen, um den Druck auf die Individuen zu verringern. Und dazu kann der Staat als Regulator (wenn er nicht von den großen Interessengruppen unterwandert wird…) einen wichtigen regulativen Beitrag leisten, indem er sich gegen die Dominanz der großen Organisationen stellt.

6. Und eine dieser extern zu definierenden Koordinaten könnte eben ein Mindestlohn sein, aber auch andere, nichtmonetäre Maßnahmen sind denkbar, wie z.B. die Einhaltung von Pausen und Urlaubsphasen, die Beschränkung von überzogener Werbung, etc. Denn die Kosten von kranken, falsch ernährten, beziehungsgeschädigten und überarbeiteten Menschen muss nämlich die ganze Gesellschaft tragen, ebenso wie die Kosten zur Integration vernachlässigter Kinder, wobei prügelnde Rechtsradikale nur die Spitze des Eisbergs sind.

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Humarkt – Auf der Suche nach einer nachhaltigen und menschlicheren Wirtschaftsordnung

6. Februar 2008

Als der Zweite Weltkrieg im Mai 1945 zu Ende ging, schien der Kapitalismus als Wirtschaftsordnung keine Zukunft mehr zu haben.[1] Denn Adam Smiths Votum für das Vertrauen in die unsichtbare Hand hatte eben keine friedlichen Verhältnisse gebracht, sondern eine sich schnell wandelnde und zerrissene Gesellschaft erzeugt, in der Arbeitskampf und Konflikt an die Stelle von Wertschätzung von Arbeit und Verantwortung von Seiten der Eliten getreten waren.[2] Man streikte, schloss aus, kolonialisierte die Welt und führte Krieg.

Insbesondere der deutsche Sonderweg, der in der gezielten Entwicklung von Wissenschaft, Schwerindustrie bestand, hatte dazu geführt, dass nahezu mittelalterlich denkende Machthaber auf einmal über die produktivste und modernste Wirtschaft auf der Welt verfügten. Offensichtlich waren Demokratisierung und wirtschaftliche Entwicklung nicht zwangsläufig miteinander verbunden.[3]

Aber auch in anderen Ländern hatte das geradezu abergläubische Vertrauen in den „freien Markt“ dazu geführt, dass wichtige menschliche Bedürfnisse in Zeiten der Not nicht beachtet wurden. Erst mit der Weltwirtschaftskrise wurde klar, dass in einer von großen Industrieunternehmen dominierten Wirtschaftslandschaft wirtschaftliche Entwicklung und Stabilität, eben entscheidend vom Investitionsverhalten dieser wenigen und mächtigen Entscheidungsträger abhängen und dass man deren Dominanz und Einfluss auf irgendeine Art und Weise beschneiden sollte.[4] 

Aber der Kapitalismus hatte natürlich nicht nur Konflikt, sondern auch erhöhten Wohlstand gebracht. Die Suche nach fähigen Managern und Wissenschaftlern hatte eine bisher ungekannte soziale Mobilität in Gang gesetzt, die sich räumlich im raschen Wachstum der Städte ablesen ließ. Und diese Städte bestanden eben nicht nur aus Quartieren des Proletariats, sondern ermöglichten die freie Interaktion der Menschen in ganz unterschiedlichen Situationen. Das Individuum hatte auf einmal die Möglichkeiten aus den bisherigen festgefügten Standeszugehörigkeiten auszubrechen und sich selbst neu zu definieren.

Man begab sich in Vereine, Debattierklubs, Tanzsäle, kurzum entdeckte und bestaunte das Neue.[5] Dieses zaghafte Loslösen von den festgefügten Identitäten einer monarchischen und militaristisch geprägten Ständekultur möchte ich als ersten Freiheitsschub bezeichnen.

Allerdings hatten die neuen Freiheiten auch einen verunsichernden Charakter. Jeder war nun seines Glückes Schmied, und wer sich nicht integrieren konnte, hatte schnell mit einem Problem zu kämpfen, das von Durkheim als Anomie bezeichnet wurde, dem Alleinsein, der Ausgegrenztheit. Und in gewisser Weise kann man das nationalsozialistische Experiment auch als einen Versuch betrachten, zu einer Gesellschaft zurückzukehren, die den einzelnen einen konkreten Platz zuweist und ihnen dabei hilft, normale Lebensziele zu erreichen, was natürlich die Freiheit des Einzelnen sehr stark einschränkte.[6]

Die Nachkriegsordnung war ein gezielter Versuch, einen guten Kompromiss zwischen Dynamik und Stabilität, bzw. zwischen Freiheit und gefestigten Identitäten zu finden. Man versuchte die Konfliktpartner nicht nur international (UNO, EG), sondern auch national an den Verhandlungstisch zu holen. In den Industriestaaten entwickelte sich die Trias Staat – Unternehmen – Gewerkschaften, die im Grunde genommen eine Neuauflage des Ständesystems bedeutete.

Doch schon sehr bald zeigten sich die Grenzen eines solchen Systems.[7] Das Wachstum der Nachkriegsjahre erzeugte einen bisher ungekannten Wohlstand für breite Schichten der Bevölkerung und setzte einen zweiten Freiheitsschub in Gang – die kulturelle Revolution von 1968. Man wollte aus den engen Normen der bürgerlichen Gesellschaft ausbrechen und eine Welt schaffen, in der Klassenunterschiede weniger wichtig waren und in welcher der Einzelne sich selbst verwirklichen konnte, anstatt sich in ein Wirtschaftsystem mit vorgegebenen Lebensläufen einzufügen.

Diese neue Vielfalt wurde aber zunehmend durch eine Entwicklung in Frage gestellt, mit der in dieser extremen Form kaum jemand gerechnet hatte: Die Entwertung des Faktors Arbeit durch den technischen Fortschritt. Wo der Übergang von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft zunächst noch Entlastung und zusätzliche Freiheit bedeutet hatte, zeichnete sich jetzt immer mehr ab, dass auch Dienstleistungsjobs wegrationalisiert und verlagert werden können. Der neuen Freiheit fehlte zunehmend die materielle Grundlage, was bedeutete, dass zwar alle die gleichen Rockkonzerte hören konnten, sich die effektiven Verwirklichungschancen für viele jedoch verringerten. Dies ist gleichbedeutend mit einer Machtverschiebung weg von den Gewerkschaften hin zu den Unternehmen, welche die Arrangements aus der Nachkriegszeit zunehmend in Frage stellen.[8] 

Wir sind also in einer Situation, in der ökonomische Sachzwänge zunehmend das Leben der Menschen bestimmen und in dieses empfindlich eingreifen. Die neue Flexibilität[9] verhindert nicht nur die Konstruktion starker Identitäten (Stichworte: Weltflucht und Drogenkonsum), sondern bedroht z.B. auch die Stabilität von Familien (Stichworte: Singlehaushalte, Fernbeziehungen und niedrige Geburtenrate).  

Das ist gleichbedeutend mit der Aussage, dass ein möglicher dritter Freiheitsschub, der durch eine mehr auf menschliche Bedürfnisse ausgerichtete humane Marktordnung – Humarkt – ausgelöst werden könnte, durch Tendenzen wie die Bündelung von Wirtschaftsmacht in wenigen Unternehmen und an wenigen Orten und die Verringerung der Handlungsspielräume der nationalen und internationalen Politik verhindert wird. Denn nach der graduellen Loslösung von staatlichen Zwängen (Befehl) und wirtschaftlichen Sachzwängen (Anreiz), hatte sich eine Verlagerung der Koordination des praktischen Lebens in Richtung Kooperation abgezeichnet (Partizipation).

Doch wie genau sollte eine solche humane Marktordnung aussehen? Nun, die Menschen sollten in der Lage sein, selbstständig (Frage nach dem Wie?) die ihnen wichtigen Ziele zu verwirklichen (Frage nach dem Was?).

Es geht also um Selbstorganisation, um partizipative Verfahren und um Konsensfindung anstatt der autoritären Durchsetzung von Zielen. Und diese Ziele sollten die Menschen zunehmend aus sich heraus finden, anstatt gesellschaftliche Moden zu übernehmen, die meist einer kleinen Elite dienen. Konkret denke ich da etwa an Reformen des Geldsystems, dass neben strikt materiellen Komponenten, die dem Wirtschaftsprozess dienen, auch immaterielle Komponenten belohnen sollte, die für den weiter gefassten Sozialprozess wichtig sind. Wenn etwa Erziehungsarbeit, Vereinsarbeit oder politische Arbeit über Wertschätzer Anerkennung findet, haben die Bürger auch wieder die Möglichkeit sich über mehrere Zugehörigkeiten zu definieren, was insgesamt die Stabilität und Nachhaltigkeit der Gesellschaft erhöht. Durch solche Maßnahmen könnte auch die abnehmende Wichtigkeit der Erwerbsarbeit im sozialen Gefüge kompensiert werden.[10]

Ein weiterer Ansatz besteht in der bewussten Lokalisierung von Wertschöpfung, gemäß dem Motto – Effizienz nur da, wo sie wirklich Sinn macht! Denn all die Wirtschaftsbereiche, die nicht direkt auf dem Weltmarkt konkurrieren müssen, bzw. deren Beitrag zur Gesamtproduktivität und damit zum Wohlstand eher gering ist, können nach Kriterien organisiert werden, die der menschlichen Natur mit ihrer Fragilität, Langsamkeit und Kreativität eher entsprechen.[11]

Es gilt also nach der Kulturkritik nun auch die Sozialkritik an der Moderne umzusetzen[12] und Institutionen zu schaffen, die ein größeres Bedürfnisspektrum als die bisherigen thematisieren. Ziel solcher Reformen sollte es sein, erstens größere soziale Konflikte zu vermeiden, zweitens, nicht in die Enge klassischer korporativistischer Strukturen zurückzufallen und drittens, eine Gesellschaft zu ermöglichen, die meritokratisch ist (hohe soziale Mobilität) und so vielen Menschen wie möglich erlaubt, an ihr als vollwertiges Mitglied teilzuhaben.

 


[1] Selbst Joseph Schumpeter hatte in „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ (1944) wenig Vertrauen in die Zukunft des Kapitalismus.

[2] Verglichen mit den Verwerfungen des 19. und 20. Jahrhunderts, kann man das 18. Jahrhundert durchaus als ein eher friedliches und harmonisches Zeitalter betrachten, in dem sich das aufstrebende Bürgertum viele Rechte erkämpfen konnte.

[3] Vgl. Max Webers Gedanken zur Monopolisierung und dem Machtüberhang der Großunternehmen in Wirtschaft und Gesellschaft (1922), Kap. VI Die Marktvergesellschaftung (Fragment).

[4] Hieraus erwuchsen zwei Strömungen: Die der Stabilisierung mit Hilfe von Fiskal- und Geldpolitik und die der Machtbegrenzung durch Kartellbehörden. Siehe auch Walter Euckens Schriften zu Macht und Markt.

[5] Vgl. Georg Simmel „Die Großstädte und das Geistesleben“ (1903).

[6] Bedeutende Soziologen wie Sombart, Durkheim und Weber waren sich dieses Problems bewusst. Durkheim und Sombart plädierten zu Beginn des 20. Jahrhunderts für eine korporativistiche Gesellschaftsordnung und Weber implizit wohl auch, obwohl er der neuen Bürokratie misstrauisch gegenüber stand, da er die Freiheit des Individuums gefährdet sah.

[7] Auf die Umweltproblematik, also auf die berühmten biologischen „Grenzen des Wachstums“ will ich hier nicht weiter eingehen, obwohl ich mir ihrer Wichtigkeit sehr bewusst bin.

[8] Die Reallöhne stagnieren seit etwa 20 Jahren und die Produktivitätssteigerungen kommen fast ausschließlich den Kapitaleignern und dem Management zugute.

[9] Vgl. Richard Sennett „Der flexible Mensch“ und „Die Kultur des neuen Kapitalismus“. Interessant sind auch die Überlegungen zur Brasilianisierung der Arbeitswelt und Zygmunt Baumans Gedanken zur Gesellschaft der Unsicherheit. Ein gutes Begriffspaar zur Beschreibung von sozialer Ausgrenzung ist die Unterteilung in Citizens und Denizens, also in Menschen, die erfolgreich an der Gesellschaft teilnehmen können und solche, die nicht dazu in der Lage sind.

[10] Auch die Eigentumsstruktur der Betriebe kann und sollte im Hinblick auf mehr Teilhabe der Mitarbeiter hin überdacht werden.

[11] Vgl. Richard Sennetts neues Buch „Handwerk“ (2008) .

[12] Vgl. Boltanski, L. / Chiapello, E. „Der neue Geist des Kapitalismus“ (2006)

 

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