Von der Kurzsichtigkeit der Mächtigen, von Ausgrenzung und von der Notwendigkeit des Dialogs

Die vor kurzem durch geführte Protestaktion ‚Geld oder Leben‘, deren Erklärung übrigens sehr lesenswert ist, macht mehr als deutlich, dass etwas faul ist. Und das nicht nur im Staate Dänemark, und auch nicht nur in Deutschland, sondern in weiten Teilen Europas, wenn nicht gar der Welt.

Das große Thema heißt Ausgrenzung. Wir leben in einer Gesellschaft, in der auf der einen Seite einige wenige Reiche offensichtlich nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen (siehe Gumball 3000), auf der anderen Seite aber immer mehr Menschen Schwierigkeiten haben, ein Auskommen zu finden. Und mittlerweile scheinen wir an einem Punkt angekommen zu sein, in dem selbst krasse ‚Lebenslaufoptimierung‘, also die Ausrichtung von Ausrichtung von Studien- und Lehrzeit an den Anforderungen der Wirtschaft, nicht mehr unbedingt zum Ziel führt.

Die Folge sind Proteste, Apathie und Vereinzelung (hier sei nur der Begriff von der negativen Individualisierung erwähnt) und eine ansteigende Unzufriedenheit mit der derzeitigen Ordnung.

All diese Phänomene sind nicht neu, denn ein kurzer Blick auf die Geschichte zeigt, dass sowohl die wirtschaftlichen Veränderungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts (Weberaufstände, krasse Arbeitsbedingungen der ersten Industriearbeiter), als auch die Ursachen und Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zum Muster von Ausgrenzung – Unzufriedenheit – Reaktion führten. Im Zuge der ersten Welle entstand der Marxismus und im Zuge der zweiten Welle der Faschismus – bedenklich, oder?

Allerdings ist etwas neu an der heutigen Situation und das könnte man mit der Schwachheit der Mächtigen beschreiben. Denn wir haben heute weder einen herrschgewohnten Adel, noch ein rücksichtslos aufstrebendes Großbürgertum. An die Stelle von Unterdrückung und Ausbeutung (19. Jh.) und Diffamierung und politischer Verfolgung (20. Jh.) ist die stille Manipulation, die Verstrickung im System getreten.

Und manchmal kann man von den Mächtigen fast meinen: „…und sie wissen nicht was sie tun. “ Wie anders kann man sich den Rückzieher bei der Rallye Gumball 3000 erklären? Man missbraucht und missachtet Strukturen und Gesetze, kann dann aber mit den Folgen der eigenen Handlungen nicht wirklich umgehen.

Diese Überlegung läßt sich auch auf die Manipulation der Politik übertragen. Das blinde Vertreten des Eigeninteresses, oft halbseiden gerechtfertigt durch eine für heutige Zeiten zu einfach gestrickte Ideologie ruft Wirkungen hervor, die man nicht wahrhaben will, zu denen man nicht den Mumm hat, offen zu stehen. Man streitet ab, verliert sich in Statistiken oder wechselt einfach zum nächsten Punkt der Tagesordnung. So verwundert es vielleicht auch nicht, dass die Partei, welche die Interessen der Wirtschaft am vehementesten vertritt – die FDP – den Beinamen ‚Spaßpartei‘ trägt.

Nun ist es aber nicht leicht zu sagen, ob diese Schwäche eher positiv oder negativ zu bewerten ist. Fakt ist, dass sie Folge sowohl eines tieferen Verständnisses der menschlichen Natur, als auch einer Kultur des Dialogs ist, welche sich zumindest in manchen Bereichen unserer Gesellschaft etablieren konnte. Der Wohlstand hat die Härte vermindert und der Dialog zwischen den Ethnien und das Wegbrechen altehrwürdiger Wahrheiten haben dazu geführt, dass man heutzutage nicht mehr mit dem Selbstverständnis eines preußschen Generals durch die Welt stolzieren kann. Dazu ist zuviel passiert. Die Linie von Gut und Böse lässt sich nur verschwommen zeichnen.

Das Wegbrechen des Absoluten, die Befreiung also von simplen Ideologien ist übrigens schon von Michel Foucault thematisiert worden, der empfahl nicht zu polemisieren, sondern zu problematiseren. Denn Polemik ist die Verteidigung einer Ideologie durch sprachliche Mittel wie Diffamierung oder Leugnung. Beim Problematiseren erkannt man hingegen implizit an, das es keinen Sinn hat, die Welt in das Korsett einer Ideologie pressen zu wollen, dass es nun einmal Grauzonen gibt, das Perfektion in menschlichen Gesellschaften ein Ideal bleiben wird.

Und im Grunde ist dieser Übergang von der Polemik zum Problematisieren ein gewaltiger zivilisatorischer Fortschritt, denn an die Stelle von Aggression tritt zunehmend Empathie und Verständnis. Denn als Diskursstrategie impliziert das Problematisieren pragmatische Lösungen im Gegensatz zu ungesundem Aktionismus, welcher der Strategie der Polemik eigen ist.

Man kann nur hoffen, dass wir die anstehenden Probleme in diesem Sinne lösen, uns also für die Strategie des Dialogs anstatt der Polemik entscheiden werden. Denn was auf der Agenda steht, ist alles andere als einfach – und hier sei nur das Wegbrechen von Arbeitsplätzen in allen drei Sektoren, in der Landwirtschaft, der Industrie und bei den Dienstleistungen erwähnt, welches eben zum wiederholten Male zum Problem der Ausgrenzung führt.

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2 Kommentare - “Von der Kurzsichtigkeit der Mächtigen, von Ausgrenzung und von der Notwendigkeit des Dialogs”

  1. Lone Wolf Says:

    Interessanter Gedanke, da ich mich auch, nicht ganz ungern, der Polemik bediene. Auf Grund eines extrem starken Gerechtigkeitssinnes und dem oft erfahrenen Eindruck, mich gedanklich mit reflexionsunfähigen, in ihrem Bewußtsein stark eingeschränkten Halbmenschen auszutauschen, versucht mein Verstand polemische Schärfe an Stelle von purer Gewalt im Zorn des Gerechten treten zu lassen! Besser ist das…meistens! Nichtsdestotrotz erscheint es objektivere Disskussionsgrundlage zu sein, Ziele des Diskurses zu problematisieren.

  2. DDH Says:

    Aus Stefan Blankertz, “Die Therapie der Gesellschaft”:

    157.

    Opfer oder Täter? – Manche Liberale meinen, die „Besserverdienenden“ bräuchten Schutz vor der Ausbeutung durch den Umverteilungsstaat. Es gibt dagegen soziologisch gesehen keinen Zweifel, daß die Mächtigen im Staat darum „mächtig“ heißen, weil sie es vermögen, einen großen Anteil an den finanziellen und politischen Ressourcen des Landes auf sich zu vereinigen. Egal, wie die Mächtigen z.B. den Spitzensteuersatz gestalten, sie werden in der Endabrechnung ihren Schnitt machen. Naiv wäre es, etwas anderes anzunehmen. Wer sollte glauben, daß man dadurch reich und mächtig wird, indem man alles, was man hat, freizügig weggibt?

    158.

    Cry for me, Argentinia. – Nein, die Opfer des Sozialstaates sind nicht die vielzitierten Besserverdienenden. Geschichtlich gesehen haben die Besserverdienenden den Sozialstaat geschaffen, und heute verteidigen sie ihn, aus einem ganz einfachen Grund: Der Sozialstaat ist ein Instrument der herrschenden Klasse, um sich auf Kosten der weniger einflußreichen Mitmenschen zu bereichern und gleichzeitig das Mäntelchen der Nächstenliebe umzuhängen.

    Die Besserverdienenden haben öffentliche Schulen eingerichtet, um die Ausbildung ihrer Kinder von den weniger Bemittelten via Steuern finanzieren zu lassen; haben Zwangsversicherungen eingeführt, um ihre höheren Ansprüche von den Bescheideneren absichern zu lassen; haben Sozialhilfe eingeführt, um ein Heer von Wohlfahrtsbürokraten zu schaffen, die loyale Wähler sind.

    Die Besserverdienenden streiten für Subventionen, um sich selbst gegen Marktrisiken abzuschotten; propagieren „Resozialisierung bzw. Psychiatrisierung anstatt Strafe“, um Arbeitsplätze für Psychologen zu schaffen; polemisieren gegen die Privatisierung der Polizei, um nicht für ihre eigenen erhöhten Sicherheitsinteressen aufkommen zu müssen.

    Für jede einzelne Maßnahme des Sozialstaates läßt sich angeben, wer in Wahrheit der Nutznießer ist. Die Opfer sind die Enteigneten, die Entmündigten, die Schwachen, die Übervorteilten, die Armen und die Menschen, die mit Zukunftsideen auf eine offene, veränderbare Gesellschaft hoffen.

    159.

    Empirie des Spätetatismus. – Für alle Interventionen des Staates ist schon gezeigt worden, wie sie objektiv antisozial wirken.
    Angebliche Mieterschutzgesetze z.B. schaffen Wohnraumknappheit gerade für die Schwachen. Diese Beobachtung hat Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem Sozialisten Ludwig von Mises einen radikalen Liberalen gemacht.
    Privilegierung von Berufsgruppen wie Ärzten schützt nicht vor Scharlatanen, sondern hilft, überdurchschnittliche Einkommen gegen die Markttendenz durchzusetzen. Die Folge sind hohe Preise einerseits und arbeitslose Akademiker andererseits.
    Steuern verlangsamen Wirtschaftstätigkeit. Mehr als zweimal war die Folge einer Steuererhöhung, daß der Staat letztlich weniger Steuern eingenommen hat. Das ist immer dann der Fall, wenn Steuererhöhungen deutliche Irritationen auf dem Markt erzeugen. Und wenn es zur Krise kommt, ist klar, wer als erstes entlassen wird und wessen Einkommen als erstes sinkt: Es trifft die Schwachen. Denn wer stark ist, kann seinen Teil besser verteidigen. Das liegt in der Natur der Begriffe „schwach“ und „stark“. Objektiv gesehen zahlen immer die Schwachen alle Steuern (unabhängig von irgendwelchen Steuerprogressionen).

    Inflation, selbst die „kontrollierte“ Inflation der Keynesianer, schafft nach einem kurzen trügerischen Boom eine Rezension, die Arbeitslosigkeit herbeiführt. Konservative Regierungen behaupten, die Inflation „besiegt“ zu haben. Das ist keineswegs der Fall. Die Vergrößerung der Geldmenge ist nach wie vor ein wichtiges Instrument der Politik. Anfang des Jahres 1994 hat die Regierung Kohl zur Vorbereitung ihrer Wiederwahl die Geldmenge um über 20 Prozent gesteigert und damit tatsächlich eine scheinbare wirtschaftliche Gesundung ausgelöst, die sie die Abstimmung gewinnen ließ. Danach schlug die Arbeitslosigkeit um so erbarmungsloser zu. Daß die Preise nicht so sehr steigen, hat nicht mit einem Erfolg im Kampf gegen die Inflation zu tun. Aufgrund des Produktivitätszuwachses hätten die Preise sinken müssen.

    Auch Mindest- und Tariflohnbestimmungen führen zu Arbeitslosigkeit. Wenn etwa im Baugewerbe Mindestlöhne festgesetzt werden, soll das nicht etwa wenig verdienenden Bauarbeitern zu mehr Einkommen verhelfen, sondern die am schlechtesten verdienenden Bauarbeiter vom Arbeitsmarkt zugunsten der besser verdienenden Bauarbeiter verdrängen. Die Gewerkschaften vertreten sehr oft die Interessen der gut verdienenden Arbeiter gegen die Interessen der schlecht verdienenden Arbeiter oder der Arbeitslosen.
    Subventionen schaffen de facto arbeitslose Einkommen. Unternehmen, die Subventionen bekommen, wirtschaften unterhalb des Grenznutzens, das heißt, daß sie Kapital vergeuden. Subventionierte Unternehmen erhalten oder schaffen keine Arbeitsplätze, sondern sie vernichten Arbeitsplätze. Jeder subventionierte Arbeitsplatz bedeutet, daß an anderer Stelle zwei Arbeitsplätze wegfallen müssen. Ist Biedenkopf so schlecht informiert, daß er dies nicht weiß? Oder war seine Absicht nicht wirklich, Arbeitsplätze zu schaffen, sondern den VW-Konzern zu sanieren?
    Staatliche Ausgaben für Militär, Straßen, Schulen und repräsentative Bauwerke sind weit entfernt davon, die Wirtschaft anzukurbeln, sondern sie verhindern rationale, das heißt bedürfnisgerechte Entscheidungen über den Einsatz von Ressourcen.

    160.

    Strauß. – Kaum jemand traut sich, diese durchaus bekannten Einzelergebnisse zusammenzufassen und politisch auszuwerten. Denn eine solche Synthese müßte fast unweigerlich zu dem Schluß führen, daß der Staat nicht in mehr oder weniger vielen Teilbereichen versagt, sondern daß er als Sozialstruktur insgesamt eine verfehlte Konstruktion ist.


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