Entwicklung und die vier Möglichkeiten, die menschliche Zusammenarbeit zu organisieren

Manchmal bringen einen gute Gespräche wirklich weiter. Neulich habe ich mit einem Freund zusammengesessen und wir haben darüber diskutiert, wie wirtschaftliche Entwicklung langfristig möglich wird. Und abgesehen von den üblichen Schlagworten wie Bildung, Kapitalakkumulation und Technologietransfer sind uns einige Zusammenhänge aufgefallen, die ich hier kurz darstellen möchte.

Offensichtlich setzt eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung einige kulturelle Errungenschaften voraus. Und dazu lohnt sich ein kleiner Exkurs zu den vier Möglichkeiten, die menschliche Zusammenarbeit zu organisieren.

Die vier Möglichkeiten der Organisation

Es gibt vier Möglichkeiten Entscheidungen im zwischenmenschlichen Bereich zu treffen: Befehl, Tausch, Partizipation und Liebe. Und alle vier sind mehr oder weniger im Laufe der Geschichte eingesetzt worden.

Da wäre zunächst der Befehl. Arbeit ist oft befohlen worden, sei es in Form von Zwangsarbeit, Sklaverei oder in abgeschwächter Form auch in Planwirtschaften. Hinter dem Befehl stand dabei die Androhung von Strafen unterschiedlicher Form.

Die zweite Form ist der Tausch. Menschen bieten ihre Arbeitskraft auf Märkten an und tauschen Arbeitsleistungen gegen das Tauschmittel Geld. Offensichtlich erlaubt diese Form der Koordination eine größere Flexibilität, Effizienz und Dezentralität beim Wirtschaften, weshalb eine Tauschwirtschaft die Bedürfnisse der Individuen besser abdeckt als eine Zwangswirtschaft. Das Problem einer auf Tausch basierenden Wirtschaft ist aber der Umstand, dass ein Tausch unfair sein und der an sich freiwillige Tausch Zwangscharakter annehmen kann, wenn einer „seine Haut zu Markte tragen“ muss.

Die dritte Form ist die Partizipation. Diese Art der Entscheidungsfindung ist oft recht aufwendig, ist aber langfristig am ehesten geeignet, nachhaltige Resultate hervorzubringen. Wenn alle mit im Boot sitzen, ist es wahrscheinlich, das keiner ausgegrenzt wird und einmal getroffene Entscheidungen auch mitgetragen werden.

Die vierte Form ist die Liebe. Die Bedürfnisse der anderen und sich selbst kennend, tut man einfach was gut und wichtig für die anderen ist und trägt somit zum Wohle der Gemeinschaft bei. Der Nachteil dieser Koordinationsform ist, dass sie wohl immer auf wenige besondere Individuen und Gruppen begrenzt sein wird. Allerdings betonen alle großen Religionen die Wichtigkeit dieser Koordinationsform.

Wirtschaftliche Komplexität und die vier Formen

Mal abgesehen von der From der Liebe, die als Ideal immer wieder auftaucht, aber eben eher ideelle Bedeutung besitzt, hat die technisch-organisatorische Entwicklung der letzten einhundert Jahre einiges zur Verbreitung von Partezipation und damit von Demokratie beigetragen.

Denn es liegt ja auf der Hand: Feldarbeit und einfache handwerkliche Tätigkeiten kann man gegen das Vertrauen der Menschen unter Androhung von Strafe durchsetzen. Und die meisten Formen der bäuerlichen Abhängigkeit von einer sie ausbeutenden, sie gelichzeitig aber auch beschützenden kriegerischen Kaste haben durch krude Ausübung von Macht funktioniert.

Auch die ersten Fabrikarbeiter mussten unter menschenunwürdigen Bedingungen ihr Brot erwerben und die damaligen Bürgerlichen machten zuerst keine Anstalten ihre neuen Privilegien mit den unteren Schichten zu teilen.

Aber je komplexer die Wirtschaft wurde, umso wichtiger wurde die Ausbildung der Menschen – das Humankapital, umso wichtiger wurde der einzelne. Denn einem Verantwortlichen für eine Großchemieanlage gibt man besser keine Befehle, sondern versucht eine vertrauensvolle und verantwortliche Atmosphäre zu schaffen.

Und ausgebildete Menschen wollen in der Regel bei Entscheidungen mitreden, weshalb sich letztendlich die offene Gesellschaft mit relativ großen Verwirklichungschancen für den Einzelnen durchsetzte. Wer etwas aus sich machen wollte, konnte dies in Zeiten, in denen gutausgebildete Fachkräfte gesucht wurden, auch tun. Die Zeit des partizipativen Entscheidens war gekommen.

Dunkle Wolken am Himmel

Das Problem bei jeder Form von kulturellen Errungenschaft ist aber, dass sie nicht von Dauer sein muss. Dies gilt auch für die partezipative und demokratische Entscheidungsfindung. Denn schon wenige Veränderungen in der technischen Produktionsweise können zu einer radikalen Veränderung des sozialen Aktionsfeldes führen.

So scheint zum Beispiel die moderne Kommunikationstechnologie zwei problematische Folgen zu haben: Zum einen macht sie viele Arbeitnehmer überflüssig, was zu einem harten Konkurrenzkampf um die wenigen verbliebenen Stellen führt und weshalb immer schlechtere Arbeitsbedingungen akzeptiert werden. Zum anderen ermöglichen Internet & Co. auch eine viel bessere Überwachung der Arbeitnehmer.

Beide Tendenzen öffnen indirektem Zwang und Kontrolle Tür und Tor und führen begleitet von Existenzangst zu einer Repression von Partezipation und Selbstverwirklichung, was dramatische Auswirkungen auf das Glück der Menschen hat.

Denn wer nicht beteiligt wird, ist nicht wirklich bei der Sache und hat Schwierigkeiten sich wirklich mit seiner Arbeit zu identifizieren, mal abgesehen von der Tatsache, das die empfundene Unfreiheit auch nicht mit Leichtigkeit akzeptiert wird.

Was können wir tun?

Soziale Entwicklung war immer eine schwierige Sache und gesellschaftliche Neuerungen brauchten Zeit, um sich durchzusetzen. Allerdings bedeutet das nicht sozialen Rückschritt stillschweigend zu akzeptieren. Denn immerhin gibt es eine lebendige Kultur der Partezipation – das wird allein schon durch die heutigen, wenig autoritären Familienmodelle deutlich – und ein Zurück zur Duckmäuser- oder gar Sklavengesellschaft ist schwer vorstellbar.

Daher sollten wir gezielt überlegen, welche gesellschaftlichen Innovationen eingeführt werden können, um die Kultur der Partezipation zu festigen. Es gilt also, den Respekt für das Individuum wieder mehr in den Mittelpunkt zu stellen und von Argumentationen, die mit Sachzwängen argumentieren, loszukommen.

Denn immerhin sind wir die drittreichste Nation der Welt, eine Tatsache, die sich auch im kulturellen Niveau widerspiegeln sollte.

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5 Kommentare - “Entwicklung und die vier Möglichkeiten, die menschliche Zusammenarbeit zu organisieren”

  1. Lone Wolf Says:

    Sinnige Schlußfolgerungen! Löblich!


  2. ich wäre vorsichtig damit, aus der Bildung auf eine offene Gesellschaft zu schließen. Ich habe immer häufiger den EIndruck, dass das, was unter Bildung firmiert, letzlich nicht mehr ist als eine fachspezifische Abrichtung. Insbesondere die verkürzten universitären Studien erlauben es kaum noch, einen Blick jenseits des eigenen Faches zu werfen.

    Allein das WIssen von einem Fach reicht aber nicht aus, um von Bildung zu sprechen, denn es vermittelt doch nur eine sehr einseitige Sicht auf die DInge, obwohl gerade ein breiteres Verständnis notwendig wäre. Damit ist bestenfalls eine sehr eingeschränkte Partizipation möglich.

    Ich empfinde es aber als unzureichend, wenn der Laborant deiner Chemiefabrik mitbestimmen und mitreden kann, wenn er an seinem Arbeitsplatz sitzt, aber in dem Moment, wo bspw. die Politik Themen diskutiert, die jenseits seines Fachs liegen, auf die Aussagen der Politik/Medien vertrauen muss.

    Das ist keine Bildung die eine Partizipation erlaubt, sondern eine die diese gerade verhindert. Im Ergebnis unterscheidet sich ein so „Gebildeter“ nicht mehr wesentlch vom „Ungebildeten“. Er steht lediglich hierachisch und gesellschaftlich höher und verdient mehr Geld.


  3. Danke für den guten Kommentar.

    Natürlich ist der Einwand richtig und berechtigt. Deshalb bin ich auch weit davon entfernt, die Gesellschaft etwa der 70er Jahre als Idealgesellschaft darzustellen. Es ging mir nur darum Tendenzen aufzuzeigen.

    Auch ich finde es bedenklich, dass humanistische Bildung immer weniger an Schulen und Universitäten vermittelt wird und habe dieses Manko durch private Studien ausgeglichen.

    Immerhin gilt es sich von bestimmten Traditionen zu lösen – also z.B. dem deutschen Obrigkeitsstaat – und das ist nicht einfach und braucht eben seine Zeit. Und leider scheinen bestimmte Traditionen wieder aufzuflammen, von denen man glaubte, dass wir sie schon hinter uns gelassen hätten.


  4. Das einen solch wesentlichen Beitrag zum Studium ein Student aus eigenem Antrieb in seiner knappen freien Zeit leisten soll, finde ich dabei allerdings bereits bedenklich.

    Ich selber bin dabei, genau dasselbe zu unternehmen wie du. Allerdings ist die Menge an Stoff, die ich Tag für Tag alleine im eigenen Fach vermittelt bekommt, schon kaum schaffbar. Und ich denke, das ist in anderen Fächern nicht anders.

    Trotzdem wird immer mehr gestrichen und komprimiert. Ich befürchte, wenn ich wirklich diesen Bildungsschlagseite ausgleichen will, dann komme ich nicht drum herum, so ziemlich alle angeblichen No-Go’s mitzunehmen, die angeblich das Ende vom Abendland bdeuten: Längere Studiendauer, Lücken im Lebenslauf, etc.

    Warum ich das hier thematisiere? Ich stelle mir zwei Gruppen vor. Die erste zusammengesetzt aus idealtypischen Menschen, die das Label „gebildet“ zu Recht tragen.

    Die zweite, die, die lediglich das Label „partiell gebildet“ trägt. Und beide Gruppen lasse ich Entscheidungen treffen. Auch wenn sie alle auf die von dir angeführten 4 Möglichkeiten der Entscheidungsfindung zurückgreifen werden, so bin ich überzeugt, dass die Kommunikation der ersten Gruppe besser funktioniert und sich dabei zum Wohle aller auswirkt.

    Wenn diese Prämisse aber stimmt, und davon bin ich überzeugt, dann lässt sich die „bessere wirtschaftliche Entwicklung“ nicht bzw. nur begrenzt auf politischer Ebene anstoßen, sondern ihr Keim ist die Bildung im tatsächlichen Sinne einer Vielzahl von Menschen.

    Kinder, Nachbarn, Manager, Politiker, Feindbilder – alles Menschen.


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