Archiv für Mai 2007

Von der Kurzsichtigkeit der Mächtigen, von Ausgrenzung und von der Notwendigkeit des Dialogs

7. Mai 2007

Die vor kurzem durch geführte Protestaktion ‚Geld oder Leben‘, deren Erklärung übrigens sehr lesenswert ist, macht mehr als deutlich, dass etwas faul ist. Und das nicht nur im Staate Dänemark, und auch nicht nur in Deutschland, sondern in weiten Teilen Europas, wenn nicht gar der Welt.

Das große Thema heißt Ausgrenzung. Wir leben in einer Gesellschaft, in der auf der einen Seite einige wenige Reiche offensichtlich nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen (siehe Gumball 3000), auf der anderen Seite aber immer mehr Menschen Schwierigkeiten haben, ein Auskommen zu finden. Und mittlerweile scheinen wir an einem Punkt angekommen zu sein, in dem selbst krasse ‚Lebenslaufoptimierung‘, also die Ausrichtung von Ausrichtung von Studien- und Lehrzeit an den Anforderungen der Wirtschaft, nicht mehr unbedingt zum Ziel führt.

Die Folge sind Proteste, Apathie und Vereinzelung (hier sei nur der Begriff von der negativen Individualisierung erwähnt) und eine ansteigende Unzufriedenheit mit der derzeitigen Ordnung.

All diese Phänomene sind nicht neu, denn ein kurzer Blick auf die Geschichte zeigt, dass sowohl die wirtschaftlichen Veränderungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts (Weberaufstände, krasse Arbeitsbedingungen der ersten Industriearbeiter), als auch die Ursachen und Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zum Muster von Ausgrenzung – Unzufriedenheit – Reaktion führten. Im Zuge der ersten Welle entstand der Marxismus und im Zuge der zweiten Welle der Faschismus – bedenklich, oder?

Allerdings ist etwas neu an der heutigen Situation und das könnte man mit der Schwachheit der Mächtigen beschreiben. Denn wir haben heute weder einen herrschgewohnten Adel, noch ein rücksichtslos aufstrebendes Großbürgertum. An die Stelle von Unterdrückung und Ausbeutung (19. Jh.) und Diffamierung und politischer Verfolgung (20. Jh.) ist die stille Manipulation, die Verstrickung im System getreten.

Und manchmal kann man von den Mächtigen fast meinen: „…und sie wissen nicht was sie tun. “ Wie anders kann man sich den Rückzieher bei der Rallye Gumball 3000 erklären? Man missbraucht und missachtet Strukturen und Gesetze, kann dann aber mit den Folgen der eigenen Handlungen nicht wirklich umgehen.

Diese Überlegung läßt sich auch auf die Manipulation der Politik übertragen. Das blinde Vertreten des Eigeninteresses, oft halbseiden gerechtfertigt durch eine für heutige Zeiten zu einfach gestrickte Ideologie ruft Wirkungen hervor, die man nicht wahrhaben will, zu denen man nicht den Mumm hat, offen zu stehen. Man streitet ab, verliert sich in Statistiken oder wechselt einfach zum nächsten Punkt der Tagesordnung. So verwundert es vielleicht auch nicht, dass die Partei, welche die Interessen der Wirtschaft am vehementesten vertritt – die FDP – den Beinamen ‚Spaßpartei‘ trägt.

Nun ist es aber nicht leicht zu sagen, ob diese Schwäche eher positiv oder negativ zu bewerten ist. Fakt ist, dass sie Folge sowohl eines tieferen Verständnisses der menschlichen Natur, als auch einer Kultur des Dialogs ist, welche sich zumindest in manchen Bereichen unserer Gesellschaft etablieren konnte. Der Wohlstand hat die Härte vermindert und der Dialog zwischen den Ethnien und das Wegbrechen altehrwürdiger Wahrheiten haben dazu geführt, dass man heutzutage nicht mehr mit dem Selbstverständnis eines preußschen Generals durch die Welt stolzieren kann. Dazu ist zuviel passiert. Die Linie von Gut und Böse lässt sich nur verschwommen zeichnen.

Das Wegbrechen des Absoluten, die Befreiung also von simplen Ideologien ist übrigens schon von Michel Foucault thematisiert worden, der empfahl nicht zu polemisieren, sondern zu problematiseren. Denn Polemik ist die Verteidigung einer Ideologie durch sprachliche Mittel wie Diffamierung oder Leugnung. Beim Problematiseren erkannt man hingegen implizit an, das es keinen Sinn hat, die Welt in das Korsett einer Ideologie pressen zu wollen, dass es nun einmal Grauzonen gibt, das Perfektion in menschlichen Gesellschaften ein Ideal bleiben wird.

Und im Grunde ist dieser Übergang von der Polemik zum Problematisieren ein gewaltiger zivilisatorischer Fortschritt, denn an die Stelle von Aggression tritt zunehmend Empathie und Verständnis. Denn als Diskursstrategie impliziert das Problematisieren pragmatische Lösungen im Gegensatz zu ungesundem Aktionismus, welcher der Strategie der Polemik eigen ist.

Man kann nur hoffen, dass wir die anstehenden Probleme in diesem Sinne lösen, uns also für die Strategie des Dialogs anstatt der Polemik entscheiden werden. Denn was auf der Agenda steht, ist alles andere als einfach – und hier sei nur das Wegbrechen von Arbeitsplätzen in allen drei Sektoren, in der Landwirtschaft, der Industrie und bei den Dienstleistungen erwähnt, welches eben zum wiederholten Male zum Problem der Ausgrenzung führt.

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Entwicklung und die vier Möglichkeiten, die menschliche Zusammenarbeit zu organisieren

1. Mai 2007

Manchmal bringen einen gute Gespräche wirklich weiter. Neulich habe ich mit einem Freund zusammengesessen und wir haben darüber diskutiert, wie wirtschaftliche Entwicklung langfristig möglich wird. Und abgesehen von den üblichen Schlagworten wie Bildung, Kapitalakkumulation und Technologietransfer sind uns einige Zusammenhänge aufgefallen, die ich hier kurz darstellen möchte.

Offensichtlich setzt eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung einige kulturelle Errungenschaften voraus. Und dazu lohnt sich ein kleiner Exkurs zu den vier Möglichkeiten, die menschliche Zusammenarbeit zu organisieren.

Die vier Möglichkeiten der Organisation

Es gibt vier Möglichkeiten Entscheidungen im zwischenmenschlichen Bereich zu treffen: Befehl, Tausch, Partizipation und Liebe. Und alle vier sind mehr oder weniger im Laufe der Geschichte eingesetzt worden.

Da wäre zunächst der Befehl. Arbeit ist oft befohlen worden, sei es in Form von Zwangsarbeit, Sklaverei oder in abgeschwächter Form auch in Planwirtschaften. Hinter dem Befehl stand dabei die Androhung von Strafen unterschiedlicher Form.

Die zweite Form ist der Tausch. Menschen bieten ihre Arbeitskraft auf Märkten an und tauschen Arbeitsleistungen gegen das Tauschmittel Geld. Offensichtlich erlaubt diese Form der Koordination eine größere Flexibilität, Effizienz und Dezentralität beim Wirtschaften, weshalb eine Tauschwirtschaft die Bedürfnisse der Individuen besser abdeckt als eine Zwangswirtschaft. Das Problem einer auf Tausch basierenden Wirtschaft ist aber der Umstand, dass ein Tausch unfair sein und der an sich freiwillige Tausch Zwangscharakter annehmen kann, wenn einer „seine Haut zu Markte tragen“ muss.

Die dritte Form ist die Partizipation. Diese Art der Entscheidungsfindung ist oft recht aufwendig, ist aber langfristig am ehesten geeignet, nachhaltige Resultate hervorzubringen. Wenn alle mit im Boot sitzen, ist es wahrscheinlich, das keiner ausgegrenzt wird und einmal getroffene Entscheidungen auch mitgetragen werden.

Die vierte Form ist die Liebe. Die Bedürfnisse der anderen und sich selbst kennend, tut man einfach was gut und wichtig für die anderen ist und trägt somit zum Wohle der Gemeinschaft bei. Der Nachteil dieser Koordinationsform ist, dass sie wohl immer auf wenige besondere Individuen und Gruppen begrenzt sein wird. Allerdings betonen alle großen Religionen die Wichtigkeit dieser Koordinationsform.

Wirtschaftliche Komplexität und die vier Formen

Mal abgesehen von der From der Liebe, die als Ideal immer wieder auftaucht, aber eben eher ideelle Bedeutung besitzt, hat die technisch-organisatorische Entwicklung der letzten einhundert Jahre einiges zur Verbreitung von Partezipation und damit von Demokratie beigetragen.

Denn es liegt ja auf der Hand: Feldarbeit und einfache handwerkliche Tätigkeiten kann man gegen das Vertrauen der Menschen unter Androhung von Strafe durchsetzen. Und die meisten Formen der bäuerlichen Abhängigkeit von einer sie ausbeutenden, sie gelichzeitig aber auch beschützenden kriegerischen Kaste haben durch krude Ausübung von Macht funktioniert.

Auch die ersten Fabrikarbeiter mussten unter menschenunwürdigen Bedingungen ihr Brot erwerben und die damaligen Bürgerlichen machten zuerst keine Anstalten ihre neuen Privilegien mit den unteren Schichten zu teilen.

Aber je komplexer die Wirtschaft wurde, umso wichtiger wurde die Ausbildung der Menschen – das Humankapital, umso wichtiger wurde der einzelne. Denn einem Verantwortlichen für eine Großchemieanlage gibt man besser keine Befehle, sondern versucht eine vertrauensvolle und verantwortliche Atmosphäre zu schaffen.

Und ausgebildete Menschen wollen in der Regel bei Entscheidungen mitreden, weshalb sich letztendlich die offene Gesellschaft mit relativ großen Verwirklichungschancen für den Einzelnen durchsetzte. Wer etwas aus sich machen wollte, konnte dies in Zeiten, in denen gutausgebildete Fachkräfte gesucht wurden, auch tun. Die Zeit des partizipativen Entscheidens war gekommen.

Dunkle Wolken am Himmel

Das Problem bei jeder Form von kulturellen Errungenschaft ist aber, dass sie nicht von Dauer sein muss. Dies gilt auch für die partezipative und demokratische Entscheidungsfindung. Denn schon wenige Veränderungen in der technischen Produktionsweise können zu einer radikalen Veränderung des sozialen Aktionsfeldes führen.

So scheint zum Beispiel die moderne Kommunikationstechnologie zwei problematische Folgen zu haben: Zum einen macht sie viele Arbeitnehmer überflüssig, was zu einem harten Konkurrenzkampf um die wenigen verbliebenen Stellen führt und weshalb immer schlechtere Arbeitsbedingungen akzeptiert werden. Zum anderen ermöglichen Internet & Co. auch eine viel bessere Überwachung der Arbeitnehmer.

Beide Tendenzen öffnen indirektem Zwang und Kontrolle Tür und Tor und führen begleitet von Existenzangst zu einer Repression von Partezipation und Selbstverwirklichung, was dramatische Auswirkungen auf das Glück der Menschen hat.

Denn wer nicht beteiligt wird, ist nicht wirklich bei der Sache und hat Schwierigkeiten sich wirklich mit seiner Arbeit zu identifizieren, mal abgesehen von der Tatsache, das die empfundene Unfreiheit auch nicht mit Leichtigkeit akzeptiert wird.

Was können wir tun?

Soziale Entwicklung war immer eine schwierige Sache und gesellschaftliche Neuerungen brauchten Zeit, um sich durchzusetzen. Allerdings bedeutet das nicht sozialen Rückschritt stillschweigend zu akzeptieren. Denn immerhin gibt es eine lebendige Kultur der Partezipation – das wird allein schon durch die heutigen, wenig autoritären Familienmodelle deutlich – und ein Zurück zur Duckmäuser- oder gar Sklavengesellschaft ist schwer vorstellbar.

Daher sollten wir gezielt überlegen, welche gesellschaftlichen Innovationen eingeführt werden können, um die Kultur der Partezipation zu festigen. Es gilt also, den Respekt für das Individuum wieder mehr in den Mittelpunkt zu stellen und von Argumentationen, die mit Sachzwängen argumentieren, loszukommen.

Denn immerhin sind wir die drittreichste Nation der Welt, eine Tatsache, die sich auch im kulturellen Niveau widerspiegeln sollte.

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