Archiv für April 2007

Klavierstunden und Freiheit

21. April 2007

Vom Aufstieg Europas

Nach mehr als tausend Jahren Finsternis begann sich Europa einem Organisationsmodell zuzuwenden, das schon einmal die menschliche Kultur auf einen Höhepunkt gebracht hatte – der Polis. An verschiedenen Stellen Europas begann im 15. Jh. der Handel zu blühen und die Städte konnten sich aufgrund verschiedener Umstände der Kontrolle von Adel und Klerus entziehen.

Diese Befreiung von starrer Autorität manifestierte sich auch innerhalb der Gesellschaften und zu den Ständen Adel, Klerus und Bauern gesellte sich das Bürgertum, welches sich langsam aber sicher immer mehr Rechte erkämpfte. Die Geschicke der Bürger unterschiedlicher Ecken Europas gestalteten sich jedoch unterschiedlich. So erlaubte es die Dominanz Spaniens den Südeuropäern oft nicht, sich frei zu entfalten. Auch die Rückständigkeit vieler deutscher Fürsten bremste den Handel und Wandel. Dabei waren entweder zu hohe Steuerlasten oder das Zugestehen exklusiver Monopole der Grund für das Versickern von Initiative und Kreativität.

Und so begab es sich, dass England und die Niederlande zu Motoren der freien Initiative wurden, wobei zu Beginn interessanterweise das steuerliche Interesse Burgunds dazu führte einigen Großkaufleuten ihre monopolistischen Bestrebungen zu verbieten. Später wurden dann diese Regeln, sowie ein starker Föderalismus in die Verfassung der Generalstaaten aufgenommen.

Die Entwicklung in Deutschland und Österreich

Während in England und den Niederlanden relative Religionsfreiheit herrschte, war der Einfluss Spaniens in Deutschland viel stärker zu spüren. Der dreißigjährige Krieg bremste die allgemeine Entwicklung und nach seinem Ende gelang es Preußen und Sachsen sich neben einigen süddeutschen Fürstentümern wirtschaftlich und kulturell zu behaupten. Dabei wurden beide zum Motor der deutschen Entwicklung, jedoch mit unterschiedlichen Grundprägungen und Zielen. Die Sachsen bezogen ihren Reichtum aus Bergbau und Handel und strebten natürlich auch nach größerem politischen Einfluss, letztendlich gaben sie jedoch viel Geld für Kunst und Kultur aus.

Preußens Entwicklung war, wie wir wissen, asketischer und militaristischer. Die Demütigung der Brandenburger führte, wie das bei Demütigungen oft der Fall ist, zu unterschwelligen Rache- und Dominanzgelüsten. Auch die napoleonische Invasion trug zur Verstärkung dieser Grundhaltung bei. Für Preußen war wirtschaftliche Blüte Mittel zum Zweck. Demzufolge hatte es das aufstrebende Bürgertum in Preußen immer schwer, sich gegen den rückständigen Landadel durchzusetzen. Dresden und Leipzig waren Horte von Kunst, Handel und Kultur, was sich auch im Stadtbild widerspiegelte. Berlin erreichte niemals dieses Selbstverständnis und diese Eleganz.

Österreich war stärker spanisch dominiert und der dreißigjährige Krieg hatte der Entwicklung Böhmens stark zugesetzt. Allerdings mussten die Kaiser aufgrund steuerlicher Bedürfnisse immer wieder Zugeständnisse machen, was im Endeffekt dazu führte, dass die Freiheiten der einzelnen Stände relativ groß waren.

Die Entwicklung von Kultur und Denken

Das aufstrebende Bürgertum war eine positive neue Kraft, die vor allem Freiheit vom Joch des Adels forderte. Dieses Bestreben schlug sich in der Doktrin des Laissez-faire nieder. Als aufstrebende Kraft versuchten die Bürger nicht nur wirtschaftlich stärker, sondern auch moralisch und kulturell besser zu sein als der Adel. Ein guter Bürger war strebsam, ehrlich und erzog seine Kinder. Musik- und Literaturpflege waren innere, bauliche Schönheit und Komfort von Gebäuden äußere Anzeichen des bürgerlichen Lebensgefühls.

Und diese Werte wurden auch in meiner Familie gelebt. Mein Urgroßvater war fleißig und wurde um die Jahrhundertwende (also 1900) Versicherungsdirektor bei der Aachener Versicherung, was ihm ermöglichte, ein komfortables Haus in Frankfurt/Main zu beziehen und meinem Großvater und seinem Bruder unter anderem den Klavierunterricht zu finanzieren.

Die andere Seite der Familie war eher ländlich geprägt. Ein Urgroßvater war Gutsverwalter, der andere Lehrer und Maler, was dazu führte, dass mein Großvater eine gute Geige spielte, und meine Großmutter zeitlebens ihre Finger nicht von der Kunst lassen konnte.

Der Verfall der bürgerlichen Werte

Aber diese Blüte war nicht von langer Dauer, denn die Evolution der Arbeitsteilung läutete eine neue geschichtliche Epoche ein – die der großen Monopole und des überbordenden Nationalismus. Während in den USA Madisons in der Verfassung verankerte Idee von den Checks and Balances letztendlich zur Einführung des Sherman Act (1890) und zur Zerschlagung von Rockefellers Standard Oil Company in „sieben Schwestern“ führte, verbanden sich in Europa die Interessen der Großindustriellen zunehmend mit den alten Vormachtsbestrebungen der Adelshäuser, was zur Kartellisierung der Wirtschaft und zum militärischen Wettrüsten führte.

Möglich wurde diese Entwicklung durch die Eisenbahn, welche die Märkte viel größer machte und durch die rasante technologische Entwicklung, welche zu immensen Skalenerträgen führte. Die Welt atomistischer Konkurrenz, also der Konkurrenz unter gleichen Preisnehmern begann zu verschwinden. An ihre Stelle traten Massenproduktion und –distribution, sowie großflächige Werbung – die Massenkommunikation.

Und plötzlich kamen die alten Dominanzbestrebungen wieder zum Vorschein. Endlich schien man nicht mehr auf diese selbst denkenden, kritischen und singenden Bürgersöhne angewiesen zu sein, endlich konnte man sich wieder mal so richtig austoben und den anderen zeigen, dass man der Stärkere war. Der erste Weltkrieg brach aus und beendete die Belle Epoque.

Der erste Weltkrieg war ein Nullsummenspiel, weil natürlich die anderen Nationen denselben dummen Traum geträumt hatten. Der Adel dankte ab und die Zeit der Wirren brachte Wien zumindest wissenschaftlich noch einmal zum neuem Glanz. Die Klavierstunden meines Großvaters konnten nur deshalb weiter bezahlt werden, weil mein Urgroßvater zu Inflationszeiten einen Teil seiner Bezüge in Dollar erhielt.

Großinteressen

Doch das strukturelle Problem bestand weiter, was sich, auch in einer Änderung der dominanten bürgerlichen Denkweise äußerte. Märkte waren nicht mehr Mittel zum Zwecke eines guten Lebens – voll von Kunst, Kultur und Humanismus – nein Märkte wurden zum Zweck an sich und dienten dabei den Interessen weniger Großindustrieller. An den Universitäten behauptete sich die ahumane und ahistorische neoklassische Ökonomie, die mit ihrem Anstrich von Berechenbarkeit und Logik stark der großindustriellen Planung ähnelte.

Gier verband sich mit Dummheit, Lokalpatriotismus und Brutalität. Hurra schreiende Horden liefen durch das Land, maschinengestanzte Papierhakenkreuze wurden aus Flugzeugen über Aachen abgeworfen (wo die Nazis wohl die Industriestanzen und die Flugzeuge herhatten?) und Großvater wurde Soldat. Die Gesellschaft verwandelte sich vom freien Athen zum despotischen Sparta und Drill und Kameraderie prägten das Leben der Jugend. Der öffentliche Raum der kleinen Polis, der wohltuende Wettbewerb, der gegenseitige Respekt waren verschwunden. Die künstlerische Begabung meines Großonkels, der manchmal noch heute – mit über neunzig – Walzer von Chopin auf seinem abgegriffenen Klavier spielt, diente nur noch dazu, die Truppe vor der Schlacht von Dünkirchen aufzumuntern, aus welcher zwei Drittel des Regiments nicht zurückkehrten. Meine Großeltern böhmischen Ursprungs verloren einen Großbauernhof und ein stattliches Bürgerhaus und eine vierhundert Jahre alte kulturelle Verwurzelung im Sudetenland galt auf einmal nichts mehr (meine Vorfahren waren mit dem Herzog von Luxemburg nach Prag gegangen, als dieser böhmischer König wurde). Beide Familienseiten hatten außerdem mit der Trennung durch die Mauer und dem Einleben in fremde Landstriche zu kämpfen, was in Zeiten wirtschaftlicher Knappheit nicht immer einfach war.

Nach Jahrhunderten sorgsam gepflegter Kultur und mühsam errungener Rechte schien die Zukunft der Gesellschaft Verrohung, Militarismus und Konflikt zu bedeuten. Die Feinde der offenen Gesellschaft dominierten. Nicht umsonst schrieb sogar Schumpeter vom Marsch in den Sozialismus.

Einhegung des Kapitalismus und Blüte

Doch zum Glück gab es Menschen, die ihre Herkunft nicht vergessen hatten und versuchten, die alten Werte wiederzubeleben. Eucken, Röpke und Hayek begründeten den Ordoliberalismus und beschworen die Tugenden der dezentralen Ordnung. Kreativität, Mittelstand und Völkerverständigung waren an der Tagesordnung, die UNO wurde gegründet und der Traum vom vereinigten Europa wurde langsam Wirklichkeit.

Ehrhardt bastelte an der sozialen Marktwirtschaft, der Mittelstand boomte und der Einfluss der Großindustrie wurde durch Kartellgesetze bzw. Zwangsverstaatlichung zurückgedrängt. Die Produkte wurden vielfältiger und auch lokaler und die Relevanz der Skalenerträge verringerte sich etwas. Von nun an sollten die Früchte der Entwicklung wieder vielen zu Gute kommen und sie sollten vor allem dem Leben dienen und nicht der
Selbstverwirklichung irgendeines größenwahnsinnigen Phantasten.

Aber es war auch viel zerschlagen worden und vor allem der Osten musste die Folgen des Wahns ausbaden. Aber auch hier zeigte sich trotz Planwirtschaft viel Gutes; trotz aller Schwierigkeiten gab es doch Theater, Ausstellungen, Musikpflege (meine Großmutter sparte sich das Geld für den Klavierunterricht meiner Mutter vom Mund ab, sowie übrigens auch die Stalinbände, die man in der frühen DDR kaufen musste…) und den Willen zum Frieden – heimlich pflegte man bürgerliche Tugenden. Letztendlich versank aber auch das Sparta des Ostens, da sich die kreativen Kräfte nicht gegen den Altersstarrsinn und die militaristische Prägung der Führungsriege durchsetzen konnten. In der Pionierzeit hasste ich den sportlichen Drill und den Gruppenzwang und meine Mutter war heilfroh, dass die Mauer fiel, bevor ich mir mit meinen Zweifeln und meinem eigenen Kopf bei der FDJ richtig Ärger einhandeln konnte.

Neues Spiel, neues Glück

Das Zusammenrücken der Welt nach dem Ende des kalten Krieges und die technologische Entwicklung der letzten 20 Jahre haben ein neues Zeitalter eingeläutet. Alles wird größer, schöner und effizienter, aber auch unsicherer, unhöflicher und unmenschlicher. Und schon wieder gibt es sie – diese Herolde, welche die Interessen der Großindustrie und das ungehinderte Schalten großindustrieller Planer als „natürlichen Kapitalismus“ verkaufen wollen und schon wieder ist der bürgerliche Mittelstand, und all das was er verkörpert, in Gefahr.

Bezahlte Schreiberlinge verkünden uns von den zukünftigen Wonnen der Technologie und den Wundern unkontrollierter Märkte, wo doch das letzte Jahrhundert gezeigt hat, dass das mit der Technologie und den Versuchungen des Menschen ganz schön schief gehen kann. Die Gesellschaft teilt sich und Klavierunterricht ist zwar wieder bezahlbar geworden, erscheint aber nur noch als ein Mittel zum Zweck; auf das der Zögling ein begabter Stratege im Kampf um die besseren Verkaufszahlen werde. Wer nicht dem Diktat der technischen Effizienz folgt und gern entdeckt, denkt oder komponiert, riskiert ein Schattendasein. An die Stelle von selbstständig denkenden Menschen treten ängstliche Dogmatiker, die niemals wagen würden, den Status quo in Zweifel zu ziehen.

In der deutschen Wissenschaft zählt oft nicht mehr, ob man denken kann und kreativ ist; nein heute zählen die Publikationen, was dann oft dazu führt, dass ein wenig an den Variablen irgendeines Modells herumgespielt wird, anstatt Neues zu erdenken. Das ganze braucht dann bloß noch in ein fesch klingendes Paper verpackt werden und schon kann man weiterhetzen auf der Suche nach noch mehr falscher Anerkennung.

Allerdings gibt es auch Zeichen der Hoffnung. Langsam scheinen auch die Großindustriellen zu begreifen – diejenigen nämlich, die international wettbewerbsfähig sein müssen – dass es nicht gut sein kann, die Gesellschaft vor die Hunde gehen zu lassen. Deshalb hat sich zum Beispiel neulich in Italien Luca Montezemolo, seines Zeichens Vorsitzender der Confindustria, mit Silvio Berlusconi angelegt.

Und hier beobachtet man einen interessanten Interessenkonflikt innerhalb der Industriellen. Wer begabte Ingenieure und Manager braucht, um in internationalen und dynamischen Märkten wettbewerbsfähig zu bleiben, hat ein Interesse an bürgerlichen Tugenden, wie Bildung, Kreativität und Selbstorganisation (Es lebe der internationale Wettbewerb!) Wer sein Geld hingegen in lokal geschützten Märkten und Quasimonopolen wie den Unterhaltungsmedien, der Versorgungs- und Dienstleistungsbranche im allgemeinen verdient, der fälscht auch schon mal eher eine Bilanz oder manipuliert ein Gesetz zu seinen Gunsten. Ist ja einfacher. Und an Dummen verdient es sich leichter…

Doch dass der Gruppenkonformismus und der Wahn weniger, so manchen Firmen immer wieder zum Verhängnis werden, zeigt auch die „tolle“ Performance einiger deutscher Automobilbauer. Die Welt ist und bleibt nun einmal unsicher und man sollte den Kritikern schon ein bisschen Platz lassen, denn niemand kann, trotz aller sorgsam gehegten und umschmeichelten Wunschvorstellungen, hundertprozentig wissen, was morgen sein wird.

Die Polis und der öffentliche Raum sind also wieder zunehmend gefragt, denn mit ungebildeten und unkritischen Mitläufern wird man den Chinesen und Indern nicht das Wasser reichen können. Die Strukturen bleiben allerdings beunruhigend und die Bürgergesellschaft wird es mit allerlei Untiefen und Eisbergen zu tun bekommen.

Hoffentlich werden meine Kinder, so wie ich, die griechischen Sagen lesen, singen, Instrumente spielen und relativ unbekümmert leben können. Und dass, ohne das mir jemand versucht weiszumachen, was gutes Leben sei und welche Farbe meine Nase haben muss, damit ich auch noch mit 75 sexy bin.

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