Dialektik der Aufklärung

Das soziale Gefüge ist in Unordnung. Das kann man unschwer an Artikeln wie diesem oder auch einem meiner älteren Beiträge erkennen.

Der Lebensstil, in den wir gerutscht sind, hat einen bitteren Beigeschmack bekommen. Dabei sind es wie so oft die fast unscheinbaren Veränderungen des täglichen Lebens, welche große Probleme verursachen.

Man ist Individuum geworden, d.h. man braucht zwar immer noch sozialen Kontakt, aber die Bindung zu Gruppen kann man zunehmend als auf einer „fragilen Freiwilligkeit“ beruhend beschreiben. Die Bedeutung der Familie nimmt ab, die Bedeutung der Kirche nimmt ab, die Bedeutung der Gewerkschaften nimmt ab.

Überhaupt wird uns ein Idealtypus vermittelt, dass ich den gierig-intelligenten Menschen nennen möchte. Jeder versucht, basierend auf seiner Intelligenz und Schönheit, das Beste für sich herauszuschlagen. Heraus kommt eine dem Konsum verfallene Kultur mit vielen physisch schönen Menschen, großen Autos und Eigenheimen.

Dieser Individualismus stößt jedoch immer mehr an seine Grenzen, denn er unterhöhlt nicht nur die natürlichen Grundlagen, wie unsere Umwelt im allgemeinen, sondern auch die sozialen Grundlagen, wie das Vertrauen ineinander und den sozialen Zusammenhalt. Heraus kommen oft Personen, die aneinander vorbeireden, nicht mehr zuhören können und im Kopf eigentlich schon bei ihrem nächsten, wie auch immer gearteten, Projekt sind.

In einem gewissen Sinne kann man auch vom Verlust der Weiblichkeit, der Toleranz und Sanftheit in der Gesellschaft sprechen, was mich zum Titel führt. Horkheimer und Adorno haben „Dialektik der Aufklärung“ geschrieben, um festzustellen, dass das blinde Vertrauen in die Vernunft, dem Menschen z.B. immer mehr Mittel zur Beherrschung der Natur in die Hand gegeben hat, aber eben nicht die Reife mit diesen Mitteln auch umzugehen.

So hat z.B. die Einführung der Demokratie den Effekt gehabt, dass im Grunde genommen kleingeistige und verantwortungslose Typen wie Hitler oder Mussolini mit dem Schicksal ganzer Nationen spielen konnten.

Heute würde keiner mehr Kriege vom Zaun brechen, um polnische Bauernhöfe zu erobern, aber die Mentalität der Gier, das schneidige Egomanentum ist dieselbe geblieben. Anstatt den geschaffenen Reichtum zu pflegen und etwas für die langfristige Gesundheit unserer Kultur zu tun, geben wir Leuten das Steuer in die Hand, die, vollkommen an der Realität vorbei, von Wachstum schwärmen, eigentlich aber auf Umverteilung von unten nach oben aus sind.

Dabei will ich nicht behaupten, dass kein Wachstum möglich ist, denn auf qualitativer Ebene gibt es immer wieder Veränderungen. Nur ist es eben einfacher Wachstum in einer weitgehend ineffizienten Gesellschaft, wie etwa dem ländlichen China, zu erzeugen, als in einer durchorganisierten Gesellschaft, die nicht nur physisch, sondern vor allem auch psychisch an die vielzitierten „Grenzen des Wachstums“ stößt.

Wobei ich wieder beim Thema bin. Wir müssen uns fragen, ob wir für unseren materialistischen Lebensstil nicht nur unsere psychische Gesundheit, sondern auch das Wohlbefinden weiter Teile der Bevölkerung und vielleicht sogar die Zukunft unseres Planeten opfern wollen. Und diese Frage ist nicht neu, wenn auch extrem wichtig, denn all diese Dinge sind schon oft gesagt worden.

Im Grunde genommen geht es um den Konflikt zwischen Weit- und Engherzigkeit. Eine weitherzig geprägte Intelligenz sieht die Zwiespältigkeiten unserer heutigen Gesellschaft und versucht, mitfühlend, für alle einen Platz sicherzustellen. Eine engherzige Intelligenz lebt hingegen in einem wie auch immer gearteten Konflikt mit den anderen und versucht das Beste für sich herauszuschlagen.

Und genau hierin zeigt sich nämlich eine weitere Dialektik der Aufklärung: Es ist nicht nur problematisch engstirnigen Typen das Herrschen zu überlassen, sondern wenn es unterlassen wird, gemeinschaftliche Werte zu pflegen, kann eine Kultur ganz schnell in „kurzfristig vernünftige Unvernunft“ abgleiten und dabei die eigene Zukunft aus dem Blickfeld verlieren.

Die USA sind sicherlich etwas weiter vorn auf dem Pfad der Unvernunft, aber auch die momentane Entwicklung in Europa verheißt wenig Gutes.

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One Comment - “Dialektik der Aufklärung”

  1. Lone Wolf Says:

    Unbergrenztes Wachstum gibt es! Das nennt man dann Krebs! „kurzfristig vernünftige Unvernunft“…etwas kompliziert gedacht, aber einleuchtend! Ohne das ideologisch verblendete, degenerierte Amerika ging es der Welt weitaus besser!


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