Man muss seine Feinde kennen

Angesichts der Veränderungen der letzten Jahre meint so mancher wohl, dass es schlimmer nicht mehr kommen könnte. Der Mittelstand rutscht ab, die benachteiligten Schichten werden mehr oder weniger bewußt sozial ausgegrenzt und auch der einst in Deutschland so wichtige Umweltgedanke verliert an Bedeutung.

Doch halt! Die Anzeichen mehren sich, dass das ganze Methode hat. Im Artikel „Straubhaar und die Erbschaftssteuer“ habe ich darüber berichtet, dass jetzt auch in Deutschland immer mehr privat finanzierte Institute wirtschaftspolitische Handlungsempfehlungen abgeben, deren Umsetzung oft nicht das Wohl der Allgemeinheit, sondern das weniger Privilegierter erhöhen würde.

Letztendlich scheinen wir einen ähnlichen Prozess durchzumachen, wie die Amerikaner oder die Briten, die sich von der Mittelstandsgesellschaft immer mehr verabschieden. Paul Krugman hat dieser Entwicklung den Namen „The great unraveling“ gegeben, was soviel wie Entwirrung oder auch Ausverkauf bedeutet. Krugman schreibt im gleichnamigen Buch (In Deutsch „Der große Ausverkauf“) über die Auflösung sozialstaatlicher Institutionen durch die radikale Rechte in den USA.

Genauer und weit ausgreifender kann man die Entwicklung in Richard Parkers Biografie von John Kenneth Galbraith „His Life, His Politics, His Economics“ verfolgen. Galbraith war einer der einflussreichsten amerikanischen Ökonomen des 20. Jahrhunderts und hat seitdem er für John F. Kennedy tätig war, so ziemlich alle demokratischen Präsidentschaftskandidaten beraten.

Im Buch erfährt man z. B. wie der American Business Roundtable immer mehr Einfluss auf die amerikanische Politik gewann und auch das seit Anfang der siebziger Jahre, kritische Ökonomen zunehmend an Einfluss verloren. Die Rückständigkeit der Ökonomie als Wissenschaft hat also Methode, denn die Themen die Galbraith während seiner Amtszeit als Vorsitzender der American Economic Association (AEA) ansprach, sind auch heute noch hochinteressant. Er gab auch den Anstoß zu Joan Robinsons berühmter Rede „What are the questions?“, die im Paper „The Second Crisis of Economic Theory“, 1972, American Economic Review wiedergegeben ist. Insgesamt ist das Buch nicht nur eine Beschreibung von Galbraiths Leben, sondern gibt so manchen interessanten Einblick in die jüngere Geschichte der USA.

Beide hier kurz vorgestellten Bücher eignen sich dazu zu begreifen, wo momentan in Deutschland die Reise hingeht. Denn es gibt eindeutige Parallelen. Anstatt sich aber davor zu fürchten, was noch alles kommt, sollten wir uns anhand solcher Bücher klar darüber werden, was möglich ist und unser Schicksal in die Hand nehmen. Denn die neue Welt wird nur für sehr, sehr wenige schön werden.

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3 Kommentare - “Man muss seine Feinde kennen”

  1. Bernd Says:

    Ja, das Wegbrechen des Mittelstandes haben wir auch beschrieben: http://www.deutschland-debatte.de/?p=188. Allerdings haben wir diesen Sachverhalt in den Gesamtzusammenhang gestellt, dass beginnend mit der relativen Sättigung der Privathaushalte, „ich brauche nicht einen dritten Kühlschrank zusätzlich“, eine 50 jährige Nachkriegsentwicklung zu Ende zu gehen scheint.
    Damit beginnt eine Spirale, die nur noch auf sehr niedrigem Level aufhaltbar ist, weil die aus der Sättigung folgende Konsequenz des Arbeitsplatzabbaus zur Reduzierung der Produktionskapazitäten auf die jeweilige Nachfragehöhe bedeutet, dass weniger verfügbares und somit konsumierbares Einkommen vorhanden ist. Ist weniger konsumierbares Einkommen vorhanden, reduziert sich die Nachfrage nicht allein aus der Sättigung sondern auch aus dem Verfügbarkeitsvolumen.
    Ist staatlicherseits das Einkommen geringer, kann der Staat auch nicht mehr in dem Maße investieren, wie es die Volkswirtschaft brauchen würde. Es setzt dann auch auf der Budgetebene Staat eine Abwärtsspirale ein.
    .
    Nun kann man ja sagen, es wird alles aufgefangen dadurch, dass wir Exportweltmeister sind. Ja, wir sind Exportweltmeister, noch, und zwar so lange, bis die Schwellenländer beginnen, immer mehr selber zu fertigen anstelle zu importieren. Die Schwellenländer können es schlichtweg nicht durchhalten, eine dauerhafte negative Handelsbilanz zu haben. Außerdem, wir sollten doch nicht glauben, dass in den Schwellenländern nicht auch überaus kluge Menschen erfindungsreich am Markt bestehen können.
    China, und das ist wichtig, hat bereits umgeschwenkt; man hat den Entschluß gefasst, Werkzeugmaschinen selber zu produzieren, die dann für einen Bruchteil des Preises zum schnelleren Ausbau der Industrie auf dem heimischen Markt zur Verfügung steht. Das ist in Indien schon lange so geschehen.
    Es wird nur noch eine gewisse Zeit Nischenprodukte geben, die den Export dann unterstützen. Spätestens dann stehen wir vor einem unlösbar erscheinenden Loch.
    .
    Vielleicht machen wir alle die Augen davor zu, weil wir die Konsequenzen nicht wahrhaben wollen! Wir können nur alle die, die sagen, dass eine solche Richtung denkbar ist, aufrufen: kommt, laßt uns gemeinsam nachdenken, welche Lösungen bestehen.

  2. Lone Wolf Says:

    Zu Bernd:
    Sehr schön zu Ende gedacht! Klasse!

    Zur Lage der weltökonomischen Machtbestrebungen von WHO, IWF und Weltbank sei hier höllenheiß „Global Brutal“ von Michel Chossudovsky ans Herz gelegt! Wirft einen evtl. mehrere Monate in eine prä-suizidale Mega-Depression, aber der Biss in die Matrix oder das aufwachen im Apfel der Erkenntnis sind zwar schmerzlich, aber dringendst notwendig!

    Zur Lage selbstverschuldeter Unmündigkeit des Weltbürgertums sei hier fast ganz so heiß „Hundert Jahre Psychotherapie – und der Welt geht’s immer schlechter“ von Hillman & Ventura empfohlen!

    Zu guter Letzt sei hier ebenfalls die filmische Grundmedizin „The Corporation“ zur Einnahme befohlen! Diesen Film MUSS jeder einzelne Erdenbürger zu sehen bekommen, um in Grundzügen zu verstehen, wie der Hase bald nicht mehr läuft!


  3. >Herzlichen Dank für diesen Informativen Blog. Habe ihn gleich in meine Bookmarks eingetragen. Maschinenbau ist eine der ältesten Ingenieursdisziplinen, dabei bildet die klassische Physik die Grundlage der technischen Mechanik, Thermodynamik und Werkstoffwissenschaften und somit die Grundlage für weitere Aspekte (Konstruktion, Simulation, Materialmodellierungen). Mit alle diesen Disziplinen und weiteren Themengebieten des Maschinenbau finden sich aktuelle Anwenderreportagen und Applikationsbeispiele auf dem Industrieportal industriepraxis.de

    Weiter so……


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