Warum kam Karl Marx aus Deutschland?

Perspektive 2010 hat einen Artikel des Schweizer Magazins „Blick“ ausfindig gemacht, der den denkwürdigen Namen „Flucht aus dem Armenhaus“ trägt. Die Schweizer empfinden offensichtlich die durch die deutsche Wirtschaftspolitik verursachte Zuwanderung als Zumutung, weil sie Druck auf die Schweizer Löhne ausübt.

Der Artikel übt massiv Kritik an der Politik der Lohnzurückhaltung der letzten Jahre, welche Deutschland im europäischen Vergleich zu einem Auswanderungsland gemacht haben.

Offenbar haben wir Deutschen eine Ader für falschen Heroismus und sind nicht in der Lage die Bedürfnisse der verschiedenen sozialen Gruppen angemessen zu befriedigen. Statt dessen wird manipuliert, abgestritten oder von Notsituationen gesprochen, die so gar nicht existieren.

Und diese Art von Härte von Seiten der Verantwortlichen hat eine lange Tradition, die vielleicht sogar bis zum dreißigjährigen Krieg zurückreicht. Auf jeden Fall spielt die Eroberung der deutschen Fürstentümer durch Napoleon und die darauf folgende, durch Metternich eingeleitete Restaurationsphase eine wichtige Rolle.

Denn es war in dieser rückwärts gerichteten Phase, in der die Ideen der deutschen Romantik mit all ihrer Weltabgewandtheit geboren wurden. Eine Verbesserung des Alltags war kaum möglich. Und diese Einstellung hat auch Marx beeinflußt, was mich zur Erklärung des Titels bringt. Denn meiner Meinung nach konnte eine Ideologie des Klassenkampfes und der gewaltsamen Revolution eben nur in einem repressiven Klima gedeihen.

Uns fehlt Gelassenheit und immer wieder gesunder Menschenverstand. Wenn der Kapitalismus nun einmal entweder zyklische Krisen erzeugt, oder sich wie heute in einer Sättigungphase befindet, in der viele durch moderne Techologie ausgegrenzt werden – na und? Dann muss man eben abwarten, bis es wieder besser wird und die Krisenzeiten durch geeignete Hilfsmaßnahmen überbrücken.

Aber genau diese Art zu denken scheint uns nicht gegeben zu sein. Wir helfen uns nicht, wir geben nicht zu, dass die Dinge nicht funktionieren, wir suchen auch keine pragmatischen Lösungen – nein, wir unterdrücken (Revolution von1848), lassen Mitbürger auswandern (Auswanderungswellen 1860-70) oder lassen uns unser Ansehen in der Welt, unsere Innenstädte, sowie unsere wirtschaftliche und geistige Führungspositionen von irgendwelchen „Heilsbringern“ zerstören, um es mal vorsichtig auszudrücken. Dabei hätte es 1933 genügt, den 6 Millionen Arbeitslosen etwas mehr Unterstützung zukommen zu lassen.

Leider scheint sich an dieser Mentalität nicht viel geändert zu haben, denn offenbar war der „Rheinische“ Kapitalismus nur eine glückliche Zwischenphase. Denn viele der Errungenschaften aus dieser Zeit sind inzwischen wieder verloren gegangen. Die Monopolkontrolle funktioniert kaum noch (siehe Clements Ministererlaubnis für RWE) und auch die Löhne haben sich von der Produktivitätsentwicklung abgekoppelt. Heute gilt nicht mehr „Leben und leben lassen“, sondern die Mächtigen nehmen sich, was sie bekommen können.

Und wieder tauchen neue Visionen auf – Freiwirtschaft, Entmachtung oder noch radikalere Massnahmen. Und es ist typisch deutsch, dass es eben wieder Theorien sind, die vom „großen Sprung“, von der großen Veränderung sprechen.

Dabei liegt das Problem nicht unbedingt im Wirtschaftssystem, sondern am fehlenden Verantwortungsbewußtsein und am Dogmatismus der Eliten. Eine Art blinde Verbissenheit und Durchhalteparolen machen sich breit und schaffen ein wohl nur der deutschen Kultur eigenes Spannungsfeld, was sich häufig auf irrationale Weise, z.B in der Form eines Führerkults (Bismarck, Hitler) entlädt.

Wir sollten das ändern. Das Land mit dem drittgrößten Bruttosozialprodukt der Welt kann es sich erlauben, auch die Bedürfnisse von ausgegrenzten oder benachteiligten Menschen zu berücksichtigen. Die Zeiten sind schwierig, aber mittlerweile sollten wir aus unserem Schaden klug geworden sein und uns in Pragmatismus und Solidarität üben.

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2 Kommentare - “Warum kam Karl Marx aus Deutschland?”

  1. Seraja Ten Says:

    Das Schlimme daran ist ja, dass sich diese Mentalität immer tiefer in die Gesellschaft frisst und irgendwann sogar die Armen den Ärmsten ihre Armut vorhalten, als hätten sie die alleinige Schuld daran.

  2. Lone Wolf Says:

    *loool* Sehr geil! Armenhaus Deutschland! Sehr gut recherchiert!

    Bald knallts…! Rote Wolken des Sturms türmen sich entfernt am Firmament! Riecht ihr sie schon…? Ihr tiefes Grollen zieht in sonnig dekadente Gefilde der Unwissenheit über Elend und Verzweiflung! Und wenn der Blitz schlägt, fragen verbildete Kinderaugen in luftigen Greisenköpfen ob Ihrer Schuld, das Schwert des Unrechts, welch Hohn, hoch erhoben! Es regnet…


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