Archiv für März 2007

Dialektik der Aufklärung

27. März 2007

Das soziale Gefüge ist in Unordnung. Das kann man unschwer an Artikeln wie diesem oder auch einem meiner älteren Beiträge erkennen.

Der Lebensstil, in den wir gerutscht sind, hat einen bitteren Beigeschmack bekommen. Dabei sind es wie so oft die fast unscheinbaren Veränderungen des täglichen Lebens, welche große Probleme verursachen.

Man ist Individuum geworden, d.h. man braucht zwar immer noch sozialen Kontakt, aber die Bindung zu Gruppen kann man zunehmend als auf einer „fragilen Freiwilligkeit“ beruhend beschreiben. Die Bedeutung der Familie nimmt ab, die Bedeutung der Kirche nimmt ab, die Bedeutung der Gewerkschaften nimmt ab.

Überhaupt wird uns ein Idealtypus vermittelt, dass ich den gierig-intelligenten Menschen nennen möchte. Jeder versucht, basierend auf seiner Intelligenz und Schönheit, das Beste für sich herauszuschlagen. Heraus kommt eine dem Konsum verfallene Kultur mit vielen physisch schönen Menschen, großen Autos und Eigenheimen.

Dieser Individualismus stößt jedoch immer mehr an seine Grenzen, denn er unterhöhlt nicht nur die natürlichen Grundlagen, wie unsere Umwelt im allgemeinen, sondern auch die sozialen Grundlagen, wie das Vertrauen ineinander und den sozialen Zusammenhalt. Heraus kommen oft Personen, die aneinander vorbeireden, nicht mehr zuhören können und im Kopf eigentlich schon bei ihrem nächsten, wie auch immer gearteten, Projekt sind.

In einem gewissen Sinne kann man auch vom Verlust der Weiblichkeit, der Toleranz und Sanftheit in der Gesellschaft sprechen, was mich zum Titel führt. Horkheimer und Adorno haben „Dialektik der Aufklärung“ geschrieben, um festzustellen, dass das blinde Vertrauen in die Vernunft, dem Menschen z.B. immer mehr Mittel zur Beherrschung der Natur in die Hand gegeben hat, aber eben nicht die Reife mit diesen Mitteln auch umzugehen.

So hat z.B. die Einführung der Demokratie den Effekt gehabt, dass im Grunde genommen kleingeistige und verantwortungslose Typen wie Hitler oder Mussolini mit dem Schicksal ganzer Nationen spielen konnten.

Heute würde keiner mehr Kriege vom Zaun brechen, um polnische Bauernhöfe zu erobern, aber die Mentalität der Gier, das schneidige Egomanentum ist dieselbe geblieben. Anstatt den geschaffenen Reichtum zu pflegen und etwas für die langfristige Gesundheit unserer Kultur zu tun, geben wir Leuten das Steuer in die Hand, die, vollkommen an der Realität vorbei, von Wachstum schwärmen, eigentlich aber auf Umverteilung von unten nach oben aus sind.

Dabei will ich nicht behaupten, dass kein Wachstum möglich ist, denn auf qualitativer Ebene gibt es immer wieder Veränderungen. Nur ist es eben einfacher Wachstum in einer weitgehend ineffizienten Gesellschaft, wie etwa dem ländlichen China, zu erzeugen, als in einer durchorganisierten Gesellschaft, die nicht nur physisch, sondern vor allem auch psychisch an die vielzitierten „Grenzen des Wachstums“ stößt.

Wobei ich wieder beim Thema bin. Wir müssen uns fragen, ob wir für unseren materialistischen Lebensstil nicht nur unsere psychische Gesundheit, sondern auch das Wohlbefinden weiter Teile der Bevölkerung und vielleicht sogar die Zukunft unseres Planeten opfern wollen. Und diese Frage ist nicht neu, wenn auch extrem wichtig, denn all diese Dinge sind schon oft gesagt worden.

Im Grunde genommen geht es um den Konflikt zwischen Weit- und Engherzigkeit. Eine weitherzig geprägte Intelligenz sieht die Zwiespältigkeiten unserer heutigen Gesellschaft und versucht, mitfühlend, für alle einen Platz sicherzustellen. Eine engherzige Intelligenz lebt hingegen in einem wie auch immer gearteten Konflikt mit den anderen und versucht das Beste für sich herauszuschlagen.

Und genau hierin zeigt sich nämlich eine weitere Dialektik der Aufklärung: Es ist nicht nur problematisch engstirnigen Typen das Herrschen zu überlassen, sondern wenn es unterlassen wird, gemeinschaftliche Werte zu pflegen, kann eine Kultur ganz schnell in „kurzfristig vernünftige Unvernunft“ abgleiten und dabei die eigene Zukunft aus dem Blickfeld verlieren.

Die USA sind sicherlich etwas weiter vorn auf dem Pfad der Unvernunft, aber auch die momentane Entwicklung in Europa verheißt wenig Gutes.

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Man muss seine Feinde kennen

22. März 2007

Angesichts der Veränderungen der letzten Jahre meint so mancher wohl, dass es schlimmer nicht mehr kommen könnte. Der Mittelstand rutscht ab, die benachteiligten Schichten werden mehr oder weniger bewußt sozial ausgegrenzt und auch der einst in Deutschland so wichtige Umweltgedanke verliert an Bedeutung.

Doch halt! Die Anzeichen mehren sich, dass das ganze Methode hat. Im Artikel „Straubhaar und die Erbschaftssteuer“ habe ich darüber berichtet, dass jetzt auch in Deutschland immer mehr privat finanzierte Institute wirtschaftspolitische Handlungsempfehlungen abgeben, deren Umsetzung oft nicht das Wohl der Allgemeinheit, sondern das weniger Privilegierter erhöhen würde.

Letztendlich scheinen wir einen ähnlichen Prozess durchzumachen, wie die Amerikaner oder die Briten, die sich von der Mittelstandsgesellschaft immer mehr verabschieden. Paul Krugman hat dieser Entwicklung den Namen „The great unraveling“ gegeben, was soviel wie Entwirrung oder auch Ausverkauf bedeutet. Krugman schreibt im gleichnamigen Buch (In Deutsch „Der große Ausverkauf“) über die Auflösung sozialstaatlicher Institutionen durch die radikale Rechte in den USA.

Genauer und weit ausgreifender kann man die Entwicklung in Richard Parkers Biografie von John Kenneth Galbraith „His Life, His Politics, His Economics“ verfolgen. Galbraith war einer der einflussreichsten amerikanischen Ökonomen des 20. Jahrhunderts und hat seitdem er für John F. Kennedy tätig war, so ziemlich alle demokratischen Präsidentschaftskandidaten beraten.

Im Buch erfährt man z. B. wie der American Business Roundtable immer mehr Einfluss auf die amerikanische Politik gewann und auch das seit Anfang der siebziger Jahre, kritische Ökonomen zunehmend an Einfluss verloren. Die Rückständigkeit der Ökonomie als Wissenschaft hat also Methode, denn die Themen die Galbraith während seiner Amtszeit als Vorsitzender der American Economic Association (AEA) ansprach, sind auch heute noch hochinteressant. Er gab auch den Anstoß zu Joan Robinsons berühmter Rede „What are the questions?“, die im Paper „The Second Crisis of Economic Theory“, 1972, American Economic Review wiedergegeben ist. Insgesamt ist das Buch nicht nur eine Beschreibung von Galbraiths Leben, sondern gibt so manchen interessanten Einblick in die jüngere Geschichte der USA.

Beide hier kurz vorgestellten Bücher eignen sich dazu zu begreifen, wo momentan in Deutschland die Reise hingeht. Denn es gibt eindeutige Parallelen. Anstatt sich aber davor zu fürchten, was noch alles kommt, sollten wir uns anhand solcher Bücher klar darüber werden, was möglich ist und unser Schicksal in die Hand nehmen. Denn die neue Welt wird nur für sehr, sehr wenige schön werden.

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Warum kam Karl Marx aus Deutschland?

6. März 2007

Perspektive 2010 hat einen Artikel des Schweizer Magazins „Blick“ ausfindig gemacht, der den denkwürdigen Namen „Flucht aus dem Armenhaus“ trägt. Die Schweizer empfinden offensichtlich die durch die deutsche Wirtschaftspolitik verursachte Zuwanderung als Zumutung, weil sie Druck auf die Schweizer Löhne ausübt.

Der Artikel übt massiv Kritik an der Politik der Lohnzurückhaltung der letzten Jahre, welche Deutschland im europäischen Vergleich zu einem Auswanderungsland gemacht haben.

Offenbar haben wir Deutschen eine Ader für falschen Heroismus und sind nicht in der Lage die Bedürfnisse der verschiedenen sozialen Gruppen angemessen zu befriedigen. Statt dessen wird manipuliert, abgestritten oder von Notsituationen gesprochen, die so gar nicht existieren.

Und diese Art von Härte von Seiten der Verantwortlichen hat eine lange Tradition, die vielleicht sogar bis zum dreißigjährigen Krieg zurückreicht. Auf jeden Fall spielt die Eroberung der deutschen Fürstentümer durch Napoleon und die darauf folgende, durch Metternich eingeleitete Restaurationsphase eine wichtige Rolle.

Denn es war in dieser rückwärts gerichteten Phase, in der die Ideen der deutschen Romantik mit all ihrer Weltabgewandtheit geboren wurden. Eine Verbesserung des Alltags war kaum möglich. Und diese Einstellung hat auch Marx beeinflußt, was mich zur Erklärung des Titels bringt. Denn meiner Meinung nach konnte eine Ideologie des Klassenkampfes und der gewaltsamen Revolution eben nur in einem repressiven Klima gedeihen.

Uns fehlt Gelassenheit und immer wieder gesunder Menschenverstand. Wenn der Kapitalismus nun einmal entweder zyklische Krisen erzeugt, oder sich wie heute in einer Sättigungphase befindet, in der viele durch moderne Techologie ausgegrenzt werden – na und? Dann muss man eben abwarten, bis es wieder besser wird und die Krisenzeiten durch geeignete Hilfsmaßnahmen überbrücken.

Aber genau diese Art zu denken scheint uns nicht gegeben zu sein. Wir helfen uns nicht, wir geben nicht zu, dass die Dinge nicht funktionieren, wir suchen auch keine pragmatischen Lösungen – nein, wir unterdrücken (Revolution von1848), lassen Mitbürger auswandern (Auswanderungswellen 1860-70) oder lassen uns unser Ansehen in der Welt, unsere Innenstädte, sowie unsere wirtschaftliche und geistige Führungspositionen von irgendwelchen „Heilsbringern“ zerstören, um es mal vorsichtig auszudrücken. Dabei hätte es 1933 genügt, den 6 Millionen Arbeitslosen etwas mehr Unterstützung zukommen zu lassen.

Leider scheint sich an dieser Mentalität nicht viel geändert zu haben, denn offenbar war der „Rheinische“ Kapitalismus nur eine glückliche Zwischenphase. Denn viele der Errungenschaften aus dieser Zeit sind inzwischen wieder verloren gegangen. Die Monopolkontrolle funktioniert kaum noch (siehe Clements Ministererlaubnis für RWE) und auch die Löhne haben sich von der Produktivitätsentwicklung abgekoppelt. Heute gilt nicht mehr „Leben und leben lassen“, sondern die Mächtigen nehmen sich, was sie bekommen können.

Und wieder tauchen neue Visionen auf – Freiwirtschaft, Entmachtung oder noch radikalere Massnahmen. Und es ist typisch deutsch, dass es eben wieder Theorien sind, die vom „großen Sprung“, von der großen Veränderung sprechen.

Dabei liegt das Problem nicht unbedingt im Wirtschaftssystem, sondern am fehlenden Verantwortungsbewußtsein und am Dogmatismus der Eliten. Eine Art blinde Verbissenheit und Durchhalteparolen machen sich breit und schaffen ein wohl nur der deutschen Kultur eigenes Spannungsfeld, was sich häufig auf irrationale Weise, z.B in der Form eines Führerkults (Bismarck, Hitler) entlädt.

Wir sollten das ändern. Das Land mit dem drittgrößten Bruttosozialprodukt der Welt kann es sich erlauben, auch die Bedürfnisse von ausgegrenzten oder benachteiligten Menschen zu berücksichtigen. Die Zeiten sind schwierig, aber mittlerweile sollten wir aus unserem Schaden klug geworden sein und uns in Pragmatismus und Solidarität üben.

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