Die Gedanken sind frei… oder doch nicht?

Richard Wilk hat einmal gesagt, dass die Ökonomen die Hohepriester unserer Zeit seien, weil sie den öffentlichen Diskurs und die getroffenen Entscheidungen mit ihren Lehren prägen.

Das an sich ist erst einmal nichts Neues. Interessant wird es aber, wenn sich etwas mehr mit dieser Aussage beschäftigt. Es ist nämlich nicht nur so, dass Ökonomen im Allgemeinen den Diskurs um WIrtschaftsthemen bestimmen, was im Falle einer pluralistisch orientierten Ökonomie ja nichts besonderes wäre, sondern dass bestimmte Ökonomen von bestimmten Universitäten seit Jahrzehnten die wichtigsten Fachzeitschriften dominieren und die Nobelpreise unter sich ausmachen.

Wie auf der Webseite von PAECON, dem Netzwerk für eine post-autistische, also pluralistisch orientierte Wissenschaft, dargelegt wird, dominieren eine Handvoll von Universitäten das ökonomische Denken. Alle diese Universitäten sind von der Rand-Corporation – einem Ableger der Pentagons finanziert worden und sie rekrutieren ihr Personal hauptsächlich untereinander.

„In 1965, RAND created a fellowship program for economics graduate students at the Universities of California, Harvard, Stanford, Yale, Chicago, Columbia and Princeton, and in addition provided postdoctoral funds for those who best fitted the mold. These seven economics departments along with MIT’s, an institution long regarded by many as a branch of the Pentagon, have come to dominate economics globally to an astonishing extent.“

Das ökonomische Denken ist also hochgradig kontrolliert und manipuliert. Es erhält nur der Anerkennung und Forschungsressourcen, der die „richtigen“ Methoden benutzt und in den anerkennten Journals publiziert. Es versteht sich von selbst, dass nur linientreue Artikel in letzteren publiziert werden. Und natürlich kommt auch nur diese Art von „Elite“ an die wichtigen Stellen bei der Weltbank und dem IWF. Dass sie nicht sehr erfolgreich beim Aufbau der Welt waren, wissen wir.

Nun könnte man glauben, dass solch ein amerikanisches Phänomen uns in Europa nicht weiter zu interessieren hätte. Aber auch die europäische Volkswirtschaftslehre orientiert sich stark an Amerika und auch hier hat Erfolg, wer auf amerikanische Art und Weise publiziert und denkt. Denn auch in unseren Wirtschaftsforschungsinstituten zählt immer mehr, ob man ein paar Jahre in den USA verbracht hat und kontinentaleuropäische Denkrichtungen sind in Vergessenheit geraten.

Das ist auch der Grund, warum mit Ausnahme einiger seltener und tolerierter Querdenker von den großen Instituten kaum interessante Vorschläge gemacht werden und man progressives Gedankengut eher bei alternativen Forschungsinstituten, wie etwa dem Wuppertal-Institut suchen muss.

Aber die intellektuelle Prägung unserer Eliten ist entscheidend für den wirtschaftspolitischen Kurs der Zukunft – eine Tatsache, die viele, vor allem linke Politker offensichtlich nicht begriffen haben. Jegliche Politik wird, wie Keynes einmal so schön sagte, von den Ideen eines vielleicht längst verstorbenen Denkers inspiriert.

Und wenn unser akademischer Nachwuchs noch immer mit einer zutiefst konservativen und unrealistischen Lehre indoktriniert wird, brauchen wir uns auch nicht wundern, warum wir für unsere Industriegesellschaft keinen neuen gesellschaftlichen Konsens finden, der den Besonderheiten und der Komplexität unserer Zeit gerecht wird.

Es gilt also, Freiraum für andersdenkende Ökonomen zu schaffen, denn ansonsten werden sie nicht gehört, nicht verstanden und vergessen. Wer eine Alternative zum Neoliberalismus will, muss Orte schaffen, an denen neue Gedanken gedeihen können. Heute gibt es davon leider viel zu wenig, auch wenn es einige interessante Ausnahmen gibt.

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2 Kommentare - “Die Gedanken sind frei… oder doch nicht?”


  1. Danke für den Link 😉 In der Tat ist Gesellschaftsforschung ebenso wie Gesellschaftspolitik als praktische Umsetzung dieser Forschung längst überfällig. Wir sehen die Defizite des bestehenden Systems Tag für Tag, ohne dass öffentlich wirklich über Konzepte zur Lösung nachgedacht würde. Die Anhänger des Neoliberalismus wollen die Welt glauben machen, dass der Kapitalismus in seiner bestehenden Form gesiegt hätte. Das ist so nicht richtig, es ist lediglich der Sozialismus der DDR und im Ostblock früher zusammengebrochen. Alles andere ist lediglich übrig geblieben, da gibt es keine Sieger. Zeit für etwas Neues und Tauglicheres, z.B. eine Gesellschaft, die vorrangig auf humanistischen Werten und Vorstellungen basiert, aber auch ökologische Aspekte nicht unbeachtet läßt.

    Gruß

    Alex

  2. Lone Wolf Says:

    Richtig bemerkt, Perspektive2010!
    Der Mensch hat den Sozialismus überlebt, jetzt muss noch das andere Extrem fallen…! Et wiad schon, et wiad…!


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