Im Netz entdeckt: Japans dritter Weg

Es ist selten, dass mich ein Artikel wirklich begeistert, aber Robert Lockes „Japan, Refutation of neoliberalism“ war dazu in der Lage. Was hat dazu geführt, dass ich so hingerissen war?

Nun Locke beschreibt, wie Japan manche der Probleme löst, vor denen wir heute stehen. Zählen wir einige wichtige auf:

1. Wir sind Zeuge einer Entwicklung, in welcher privates Interesse immer öfter über öffentliches Interesse triumphiert. Politiker werden zu Handlangern einer kleinen sehr reichen Elite. Kurz, wir beobachten in zunehmendem Maße das Entstehen einer Plutokratie.

2. Diese Plutokraten haben in einem international organisierten Kapitalismus keine Anreize, die Interessen bestimmter Standorte oder Nationen zu vertreten. Probleme wie die Arbeitslosigkeit, die nationale Sparquote oder die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit der heimischen Industrien finden unzureichend Beachtung in einem an kurzfristigen Profiten interessiertem System. Das trifft auch für globale Probleme, wie etwa die Umweltverschmutzung, zu.

3. Die westlichen Gesellschaften scheinen kaum noch Kontrolle über private Interessen zu haben. Das geht soweit, dass langfristig und auf der globalen Ebene mehr als notwendige Maßnahmen nicht ergriffen werden und wir zusehen müssen, wie der überbordende Militarismus der USA eine Region nach der anderen ergreift. Das schliesst die bewußte Nichtentwicklung weiter Teile der Welt ein und führt zur Aufrechterhaltung des Status quo als einzigem Politikziel. Insgesamt scheint die westliche Welt gelähmt, deprimiert und zu „Panem et ciscensis“ verdammt.

Japan zeigt, dass Kapitalismus nicht notwendigerweise so funktionieren muss. Dabei führen recht geringfüge Eingriffe führen zu erstaunlich anderen gesellschaftlichen Dynamiken.

Doch was ist so besonders am japanischen Weg? Wie der Artikel ausführlich beschreibt, wird die japanische Industrie auf sehr indirekte Weise vom japanischen Finanzministerium gelenkt. Dabei wird hauptsächlich die Aktivität der Banken kontrolliert, welche die Aufgabe haben, dem hochproduktiven Industriesektor günstige Kredite zur Verfügung zu stellen. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass die Banken ihr Geld hauptsächlich mit der Finanzierung von Industrieprojekten verdienen, was letztendlich dem Wohle der gesamten japanischen Gesellschaft dient.

Diese Konzentration auf den Industriebereich hat zum Aufstieg Japans zur zweitbedeutendsten Volkswirtschaft der Welt geführt. Japan ähnelt übrigens Deutschland in vielen wichtigen Punkten, denn auch Deutschland verdankt seinen Wohlstand seiner hochentwickelten Industrie.

Der von der Industrie erzeugte Reichtum erlaubt den Japanern einigen Spielraum, was zum Beispiel ihre Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik angeht. So sind einige Dienstleistungsbereiche bewusst recht ineffizient organisiert, was aber auf der anderen Seite eine recht geringe Arbeitslosenquote von nur 5% bedeutet. Diese bewusste Ineffizienz ermöglicht es u.a. dass Bereiche des täglichen Lebens nicht nur nach den Regeln des Marktes funktionieren. Warum soll auch alles effizient sein, wenn man hinterher mehr für Reintegration, Arbeitslosigkeit und auch Altenpflege ausgeben muss, als eigentlich eingespart wurde?

Im Grunde konzentrieren sich die Japaner auf die wichtigen Dinge und handeln recht pragmatisch, auch und gerade was den Anspruch an die Menschen angeht. So setzt die Industrie auf Langzeit-Loyalität und geht pfleglicher mit ihren Mitarbeitern um, als dies hierzulande der Fall ist.

Die Banken verwenden ihre Energie für die Verbesserung der realen Wirtsachaftsbasis und nicht für das Zocken an den Börsen. Das trifft auch für die Bürger zu, deren Freiheit insofern eingeschränkt ist, als dass sie nicht einfach ihr Geld an der Börse anlegen können. Dies führt zur Verwendung japanischer Ersparnisse für japanische Firmen und hat nebenbei den Vorteil, dass die Menschen nicht so locker mit Geld umgehen wie hierzulande. So ist denn auch die Verschuldung viel niedriger.

Diese Art von Lenkung führt natürlich auch zu einigen spezifischen Problemen. Im Besonderen ist natürlich ein elitäres Beamtensystem nicht sehr demokratisch. Allerdings bin ich der Meinung dass Europa einiges von Japan lernen kann und mehr dafür tun sollte, das Europa eine Mittelstandsgesellschaft bleibt.

Und (was vielleicht noch hinzugefügt werden sollte) solch eine Lenkung kann zu einer besseren Produktivitätsentwicklung als im Falle freier Märkte führen, denn bezeichnenderweise haben Japan und Deutschland besser bei selbiger abgeschnitten als die USA.

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2 Kommentare - “Im Netz entdeckt: Japans dritter Weg”


  1. […] Im Netz entdeckt: Japans dritter Weg Über Robert Lockes “Japan, Refutation of neoliberalism”, der beschreibt, wie Japan manche der Probleme löst, vor denen wir heute stehen. Quelle: Sozialliberal blog […]

  2. Bernd Says:

    Ich war sehr oft in Japan und kann bestätigen, dass die Art und Weise, wie mit den Mitarbeitern umgegangen wird, gänzlich würdiger ist als hier in der westlichen Welt. Wenn ich sage „würdiger“, dann meine ich, dass in Japan noch moralisches Miteinander besteht, das von fast allen Seiten akzeptiert ist.
    Dennoch sollte man sich nicht täuschen: auch dort besteht eine knallharte Machtpolitik, die besonders an dem immer noch lebendigen Kairetsu- Prinzip gebunden ist. Auch dieses Kairetsu habe ich teilweise schmerzhaft erfahren dürfen. Ich habe Japaner gefragt, „besteht denn wirklich noch Kairetsu, das war doch verboten!“ Man lächtelte mich freundlich an und nach dem 10. Glas Sake kam sie Bestätigung.
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    Ich teile Eure Befürchtung, dass zukünftig alles immer mehr nach dem Prinzip läuft „Kann man sich die politische Welt von morgen so vorstellen, dass eine Regierung die Organisationsabteilung der Vereinigung aller Unternehmen und Selbstständigen ist unseres Landes ist?“. Bitte schaut Euch mal diesen Beitrag an: http://www.deutschland-debatte.de/?p=90#more-90.
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    Ich sage, die wenigsten haben begriffen, was wirklich läuft, viele machen die Konflikte leider an Nebenkriegsschauplätzen fest. Vieles ist schlimmer als manche befürchten: wir haben zu lange über unsere Verhältnisse gelebt und beuten zu lange die Natur in unverantwortlicher Weise aus.
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    Die Kämpfe, die derzeit passieren, sind Kämpfe um die letzten Krümel eines Kuchens, der schon verteilt ist.


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