Ideologischer Liberalismus? Ein Einwurf

von Björn Jesse

In der Debatte um die Rückkehr des Sozialliberalismus und die Zukunft des Liberalismus tritt nicht selten ein bemerkenswertes und gleichwohl befremdliches Phänomen auf: ein Überbietungswettbewerb in die Richtung, wer nun die reine Lehre reiner vertrete, bzw. welche Denkpartikelchen der Reinheit des Klassischen abträglich sind.

Dem ist entgegenzuhalten: Weniger Ideologie, bitte! Oder sollte es doch ein Grundirrtum sein, dass nämlich der Liberalismus die am wenigsten dogmatische, am wenigsten ideologieanfällige politische Weltsicht sei?
Nun stecken Liberale ohnehin in der Zwickmühle: entweder kommt „man“ ihnen mit dem Beliebigkeitsvorwurf oder damit, den Menschen in seiner komplexen sozialen Umwelt allein zu lassen und ihn zu überfordern. Ob das tatsächlich so ist, lasse ich dahingestellt.

Entscheidend scheint mir aber zu sein, dass es gerade eine anspruchsvolle Idee wie die des Liberalismus ohnehin mangels einfacher Antworten (es sei denn die: der Markt wird’s richten – aber die Antwort scheint nur einfach; vielmehr ist sie falsch) ein Vermittlungsproblem hat. Offenbar ist die Idee des Liberalismus doch nicht so stark, dass alle freiheitsliebenden Menschen ihr froh anhingen. Offenbar liegt es eher so, dass viele Menschen das Dilemma der Freiheit ohne reale Teilhabe- bzw. Verwirklichungschancen erkennen.

Die Realität mit Ideologie passend zu machen, hat noch nie funktioniert. Eine ökonomische/soziale/juristische/… Theorie, die sich nicht an und in der Wirklichkeit bewährt, ist daher bestenfalls Ausgangsort für weitere Überlegungen. Wissenschaftstheoretisch frei nach Weber: unser Schicksal und Streben ist es, bald von der besseren Idee überholt zu werden. Die „reine Lehre“, und damit meine ich das „der Markt wird’s richten“-Argument, funktioniert nur, wenn die Wirklichkeit „rein“ ist. Ist sie aber nicht. Ergo.

Liberalismus kann und darf sich nicht auf seine theoretische Richtigkeit berufen und zurückziehen. Überzeugender Liberalismus muss in der Lage sein, realistische Antworten, das heißt, realistische Perspektiven, hervorzubringen. Die sozialliberale Idee ist dazu in der Lage.

Björn Jesse ist Altstipendiat der Friedrich Naumann Stiftung. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Konstanz und promoviert in Völkerstrafrecht.

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4 Kommentare - “Ideologischer Liberalismus? Ein Einwurf”

  1. Stefan Sasse Says:

    Liberalismus war schon immer eine Ideologie, genauso wie jede andere auch. Der Anspruch der Liberalen, eben KEINE Ideologie zu sein, sondern quasi die „alleinseligmachende Wahrheit“ in Händen zu halten zeigt dies offen auf. Entstanden war der Liberalismus im frühen 19. Jahrhundert, und sein Ziel war damals das der Errichtung einer rein bürgerlichen und liberalen Gesellschaft. Bereits in den 1830er war mit der Bildung von Klassen (Proletariat auf der einen Seite, Kapitalisten auf der anderen) und der Spaltung der Bürgerlichen klar, dass dieses Ziel nicht erreicht werden kann – die Heilslehre des Liberalismus wurde eine auf einen kleinen Kreis beschränkte Ideologie, mit ihren Hochs und Tiefs, wurde wie jede andere Ideologie auch von Feinden der Freiheit vereinnahmt (man nennt sie Neoliberale) und wird – vielleicht – wieder eine Rennaissance erleben. Trotz allem: Liberalismus ist eine Ideologie, eine gute und richtige zwar, aber nichts desto trotz eine Ideologie, so ungern viele Liberale das auch hören wollen.


  2. Hallo Stefan!

    Alles Denken ist letztendlich ideologisch, weil unvollkommen. Das haben die tiefgründigen Denker meist erkannt. Deshalb kommt Popper ja zu dem scheinbar einfachen Satz „Alles Leben ist Problemlösen.“, hinter dem aber viel steckt. Denn jede Ideologie, jedes Denksystem ist an den Problemen der jeweiligen Zeit zu messen, also daran, ob es zu ihrer Lösung beiträgt oder nicht.
    Ideologien, die Probleme negieren, bzw. an den Besonderheiten des Menschen vorbeigehen, haben nicht nur einen menschenverachtenden Touch und dienen deshalb auch oft bestimmten Partikularinteressen, sondern führen langfristig leider auch zur Verschlimmerung der Zustände.

  3. Stefan Sasse Says:

    Richtig. Womit wir beim Neoliberalismus sind 🙂

  4. Frank Martin Says:

    Leider wird der Neoliberalismus heute weitestgehend mit dem Liberalismus an sich identifiziert. Eine zentrale Aufgabe für aktive Sozialliberale ist deshalb aus meiner Sicht, das neoliberale Einheitsdenken gerade aus liberaler Perspektive aufzubrechen und diese auch verständlich und öffentlichkeitswirksam zu kommunizieren.


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