Rahmenbedingungen, Löhne und Kultur: Teil 1 – Aktivierung

Hans-Peter Büttner hat einen interessanten Gastbeitrag im Oeffinger Freidenker verfasst, in welchem er den Inhalt und die Ergebnisse der Cambridge-Cambridge-Kontroverse beschreibt.

In den sechziger Jahren hatte eine Gruppe von Ökonomen um Joan Robinson und Piero Sraffa die neoklassische Theorie kritisiert und einige fundamentale Widersprüche aufgedeckt, sodaß man sagen kann, daß Politikempfehlungen auf ihrer Basis nicht ohne Probleme getroffen werden können.

Das Hauptproblem besteht in der Behandlung des Arbeitsmarktes. In der Neoklassik (siehe Abbildung) wird das Arbeitsangebot AA von Seiten der Arbeitnehmer, wie ein normales Angebot an Gütern behandelt. Ist der Lohn hoch, so steigt das Angebot, ist er niedrig, so sinkt es. Hieraus wird dann der Schluss gezogen, dass Arbeitslosigkeit die Folge eines Ungleichgewichtes zwischen Nachfrage und Angebot ist, die durch einen entweder explizit geregelten oder durch z.B. hohe Sozialabgaben implizit bestehenden Mindestlohn verursacht werden. Hieraus ergibt sich dann die bekannte Medizin zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit – die Senkung der Lohnkosten.

abb1bmp.jpe

Das Problem an dieser Angebotskurve ist, dass sie höchst unrealistisch ist, denn da die meisten Menschen von ihrer Arbeit leben müssen, sind sie gezwungen zu arbeiten. Die reale Angebotskurve sieht deshalb eher wie folgt aus:

abb2bmp.jpe

Wie wir sehen, ergeben sich mehrere Schnittpunkte zwischen den Kurven, was der Grund ist, warum ein Mindestlohn nicht nur negative Folgen haben muss. Denn letzendlich entscheidet ein Mindestlohn darüber, welchem Gleichgewicht man sich annähert, was wiederum enorme Konsequenzen für die Art das Selbstverständnis der jeweiligen Volkswirtschaft hat.

Betrachten wir zunächst den Punkt (A4, Wr1). Dies ist der Punkt ohne gesellschaftlichen Mindestlohn, also die Art von Gleichgewicht, welche die Neoklassiker mit ihrer Forderung nach einer Senkung des Mindestlohnes anstreben. Der Arbeiter ist gezwungen, seine Arbeitskraft zu einem sehr niedrigen Lohn anzubieten, um zu überleben. Er arbeitet sehr viel (Working poor), kommt jedoch kaum über die Runden. In einer solchen Situation hat er natürlich nicht die Ressourcen (Zeit und Geld), sich und seine Kinder weiterzubilden, weshalb es wahrscheinlich ist, dass sich seine soziale Position nicht ändern wird. In diesem Punkt, in welchem das Kapital seine Macht voll ausspielen kann, kommt es zum Phänomen der „Brasilianisierung der Arbeit“ (Ulrich Beck) und geringer sozialer Mobilität. Die Gesellschaft wird zur Klassengesellschaft, denn einer kleinen Elite von Kapitalbestitzern steht eine große Masse von Tagelöhnern gegenüber.

Der Punkt (A3, wr2) ist ein Gleichgewichtspunkt, der sich aufgrund eines gesellschaftlich als sinnvoll anerkannten Mindestlohnes einstellt. In dieser Situation hat der Arbeiter die Möglichkeit der Weiterbildung für sich und seine Kinder. Die Folge ist eine eher meritokratische Gesellschaft mit relativ großen Verwirklichungschancen für den Einzelnen, was sich positiv auf die kulturelle Kreativität, das allgemeine Bildungsniveau und die soziale Mobilität auswirkt.

In den beiden Punkten ergeben sich also verschiedene Anreizstrukturen, die ihrerseits den jeweiligen Volkswirtschaften zwei sehr unterschiedliche Entwicklungspfade nahe legen. In der Gesellschaft ohne Mindestlohn, gibt es klare Unterschiede zwischen Kapitaleignern und Arbeitern, was man auch an der klaren Trennung zwischen Luxus- und Massengütern erkennen kann. Aufgrund der geringen Kosten von Arbeit, gibt es geringe Anreize, in teure und effizientere Produktionsweisen zu investieren. Die verwandte Technologie ist eher arbeits- als kapitalintensiv. Hinzu kommt, dass natürlich eine technologische Elite (Siehe z. B. die Rolle, die Thorstein Veblen den Ingenieuren zugedachte) eine Bedrohung der Machtbasis der meist in oligopolistisch organisierten Kapitalbesitzer darstellt.

In einer Gesellschaft mit Mindestlohn und anderen wichtigen Rahmenbedingungen zur Sicherstellung von Wettberwerb hingegen, kann sich der Einzelne hocharbeiten und der Anreiz, neue Technologien zu entwickeln, ist groß. Die Gesellschaft entfernt sich von der festgefahrenen Klassenstruktur und wird kreativ und dynamisch. Es entsteht Massenproduktion, Massenkonsum und Massenwohlstand.

Diese Zusammenhänge sind insbesondere nach dem zweiten Weltkrieg sowohl in Amerika als auch in Europa implizit erkannt worden, was in den 50er und 60er Jahren zum Aufbau der Wohlfahrtsstaaten in Europa und den New Frontier- und New Growth-Programmen unter J.F. Kennedy und Lyndon B. Johnson geführt hat. Diese Entwicklung war dann auch die Grundlage für die kulturelle Revolution der 68er, die die Klassenunterschiede in Frage stellte und eine offene und eher egalitäre Gesellschaft anstrebte.

Allerdings hat die an sich positive Konzentration auf eine Verbesserung der Produktionseffizienz durch Bildung und technische Investitionen zu einer Reihe von Konsequenzen geführt, die unsere Kultur vor eine Reihe sehr schwierig zu lösender Probleme stellt.

Zur Aktivierung einer Volkswirtschaft taugt die Durchsetzung geeigneter Rahmenbedingungen und eines impliziten Mindestlohnes jedoch immer noch, wie uns nacheinander Japan, Korea und nun auch China, vorgemacht haben.

Wie man die Probleme von reifen Volkswirtschaften lösen könnte, wird Thema des zweiten Teils sein.

(Abbildungen Hans-Peter Büttner)

9.jpg

Advertisements
Explore posts in the same categories: Ökonomische Theorie

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: