Jenseits von Gier und Neid

Der Oeffinger Freidenker hat einen interessanten Kommentar zur Reaktion der Automobilindustrie auf schärfere CO2-Standards abgegeben. Mal abgesehen davon, dass auch ich nicht nachvollziehen kann, was schärfere Umweltstandards mit Standortverlagerungen zu tun haben, besorgt mich zunehmend die Art und Weise des Umgangs miteinander.

Hier wird auf ein Vorgehen, was nicht nur vielen Leuten am Herzen liegt, sondern auch angesichts eines nun auch in den USA langsam ansteigenden Umweltbewusstseins salonfähig wird, mit einer recht brachialen und im Grunde erpresserischen Drohung reagiert. Warum?

In Deutschland scheint sich eine recht materialistische Mentalität der Segregation schon mehr durchgesetzt zu haben, als uns das vielleicht bewußt ist. Wir bewerten die Menschen nach ihrer materiellen Leistungsfähigkeit, was sich auch in im europäischen Vergleich überdurchschnittlich großen Automobilen niederschlägt. Natürlich fahren reiche Menschen auch in anderen Ländern große Autos, aber oft ist zum Beispiel das oberste Lebensziel ein Haus oder eine Eigentumswohnung und nicht ein teures Auto. Vielleicht hat man anderswo auch nicht das Bedürfnis sich durch einen großen Wagen hervorzutun.

Unsere materialistische Kultur führt also zu Ab- und Ausgrenzung und je nach Einkommen zu einer blinden Gier und einem kurzsichtigen Neid. Wie kommt das? Um heutzutage finanziell erfolgreich zu sein, muss man in der Regel hart arbeiten und bestimmte Positionen erreicht man oft nur, wenn man andere, im Grunde wichtige Dinge, wie die Familie, Freunde oder öffentliches Engagement schleifen läßt. Man läuft im Hamsterrad. Na und wenn man schon laufen muss, versucht man in der Regel so viel wie möglich zu erhaschen. Somit kommt es zu einer zynischen Form von Gier, die manchmal schwer nachvollziehbare Verhaltensweisen nach sich zieht.

Nehmen wir beispielsweise den Fall Hartz. Da bringt es einer zum Personalmanager von VW und hat auch noch die Möglichkeit, politisch wirksam zu werden, nur um am Ende in Schande zu versinken, weil er Prostituierte aus der Betriebskasse bezahlt hat. Warum hat er die bei seinem beträchtlichen Gehalt nicht einfach aus eigener Tasche bezahlt und überhaupt, wenn man schon jemanden schmieren muss, gibt es doch elegantere Mittel und Wege, oder? Offenbar hat sich zu kleingeistiger Gier auch noch eine eher dem Adel typische Überheblichkeit gesellt.

Auf der Seite der Verlierer der Gesellschaft gibt es ein anderes Phänomen – Neid und Statusbewußtsein. Die Geringverdiener gönnen den Arbeitslosen ihre Bezüge nicht und wählen oft rechter im Spektrum als es für ihre soziale Position logisch wäre. Ich habe auch von einem Fall gehört, in dem ein Arbeitsloser es an der Versorgung von Frau und Kind hat mangeln lassen, nur um sich auch einen Mercedes leisten zu können. Da sage noch einer, dass Werbung nicht in der Lage sei, den gesunden Menschenverstand zu manipulieren…

Es ist traurig das sagen zu müssen, aber ich habe das Gefühl, dass wir Deutsche uns ganz schön vom materialistischen Rattenrennen haben fangen lassen. Die Gesellschaft wird immer individualistischer und auch immer rauher. Und das hat sicher auch mit den vielen Kirchenaustritten und der allgemein angestiegenen Flexibilität und Mobilität zu tun. Es ist mehr als an der Zeit, eine menschenfreundlichere Lebensweise zu etablieren – jenseits von Gier und Neid.

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2 Kommentare - “Jenseits von Gier und Neid”


  1. Es ist banal: entweder braucht der Kapitalismus wieder Schranken und Ketten, damit die Menschen wieder frei leben und atmen können oder – und das wäre die bessere Alternative – man denkt über ein neues globales Konzept des Lebens und Wirtschaftens nach. Es sind ja gerade die Fehler im System wie der Zins und der damit verbundene Wachstumszwang, die dafür sorgen, dass wir wesentlich mehr produzieren als wir brauchen, was dann als (nicht selten giftiger) Müll wieder im Erdboden verschwindet. Nicht zuletzt wäre auch diverse Privatisierungen umzukehren, beispielsweise bei der Energiewirtschaft. Dass da der Wettbewerb nicht funktioniert und ein korruptes Monopl / Oligopol die Menschen ausplündert, ist ja mittlerweile evident. Betriebe und Einrichtungen der Infrastruktur, die für alle zugänglich sein müssen, gehören nicht auf den asozialen Markt.

    Gruß

    Alex

  2. Frank Martin Says:

    Hervorragender Artikel! Leider verwechseln gerade viele „Mainstream-Liberale“ auf der persönlichen Ebene krankhaften Individualismus mit Freiheit, während sie im Bereich Wirtschaft die schädlichen (Monopol-/Oligopol-) Strukturen noch verteidigen oder zumindest akzeptieren.


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