Was Europa zu einer ausgeglicherenen Welt beitragen kann – Teil 1: Strukturelle Reformen

Damit Europa der Dominanz der amerikanischen Hauptquartierswirtschaft etwas entgegensetzen kann, muss es zuerst einmal daran arbeiten, nicht selbst zur Hauptquartierswirtschaft zu werden. Denn in weiten Teilen Europas bildet sich dieses Muster zunehmend heraus – namentlich in Großbritannien und Deutschland, wo internationale Konzerne die Szene in vielen Wirtschaftsbereichen dominieren.

Dies sieht man z.B. im Verhältnis von West- zu Osteuropa, was die Handelsformen anbetrifft, denn es hat sich ein Muster herausgebildet, welches wir relativ gut kennen: Der hochwertige Teil der Wertschöpfung, also Planung, Design und komplizierte Produktteile findet im Westen statt, die eher manuelle Produktion im Osten. Und da die Märkte von sehr großen Unternehmen dominiert werden, schließt Osteuropa eben nicht zur Produktivität Westeuropas auf, denn die Lücke ist ja durch eben diese Arbeitsteilung bedingt.

Das Problem liegt also in der aktuellen Wirtschaftstruktur, die Länder und Regionen in Zentrum und Peripherie einteilt. In den Zentren befinden sich hochwertige Arbeitsplätze, es existiert ein großen Angebot an Kunst, Kultur und Produkten aller Art – kurz: die Lebensqualität ist hoch. Die Peripherie hingegen ist unattraktiv – es fehlen Jobs und die Menschen, die weggehen können, weil sie gut genug ausgebildet sind, tun dies in der Regel.

Es gibt also nicht nur einen Trend zur immer deutlicheren Aufteilung in Zentrum und Peripherie, sondern auch einen Trend hin zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft. Die erste Klasse besteht aus Menschen, die Arbeit haben, also aus der Hauptquartierswirtschaft Nutzen ziehen. Die zweite Klasse besteht aus denen, die auf Grund einer derartigen internationalen Arbeitsteilung in einem Hochlohnland nicht gebraucht werden – einfach weil Menschen mit vergleichbaren Fähigkeiten anderswo für einen Bruchteil des in Westeuropa üblichen Lohns arbeiten. Aber auch der technische Fortschritt spielt hier eine Rolle.

Diese Entwicklung wurde übrigens von Keith Cowling vorausgesehen, der gemeinsam mit Roger Sudgen im Buch „Beyond Capitalism: Towards a new world order“ die äußerst problematischen Konsequenzen eines Monopolkapitalismus, in dem die 500 größten Unternehmen 70% des Welthandels kontrollieren, beschreibt. Cowling klagt den neoliberalen Monopolkapitalismus an, nicht nur wegen der sich verschärfenden Ungleichheit an, sondern auch weil er das Wirtschaftswachstum abwürgt. Eine interessante These, zumal wenn man bedenkt, dass monopolisitsche Strukturen nur dann Interesse an Innovationen haben, wenn dadurch der Profit steigt, die dominante Marktstellung aber nicht beeinträchtigt wird.

Cowling und Sudgen machen auch einen konkreten Vorschlag, wie man dem Monopolkapitalismus begegnen kann – der Aufbau regionaler mittelständischer Netzwerke, deren berühmtester Vertreter wohl das Silicon Valley ist. Aber man kann auch Baden-Württemberg, Teile Irlands und die Emilia Romagna als solche mittelständischen Boomregionen bezeichnen.

Nun wurde das Buch aber 1994 verfasst und mittlerweile hat sich einiges getan – namentlich im E-Business-Bereich, welcher die Beziehungen zwischen den Unternehmen stark verändert hat. So ist es großen Konzernen mittlerweile möglich, die austauschbare Zulieferer gegeneinander im Rahmen von Vergabeauktionen, derart erfolgreich gegeneinander auszuspielen, dass sie selbst den meisten Gewinn realisieren und die Mittelständler nicht selten an den Rand des Ruins bringen. Hinzu kommt, dass aufgrund monopolisierter Handelsstrukturen der Mittelstand nicht unbedingt ein Produktions- sondern ein Absatzproblem hat. Wenn man, weil man zu klein ist, oder weil man der Handelsmarke der Supermarktketten Konkurrenz macht, nicht in selbigen gelistet wird, kann man noch so gute Produkte herstellen, man bekommt die Ware buchstäblich nicht an den Mann.

Es gilt daher nicht nur regionale und mittelständische Produktionsstrukturen zu fördern, sondern man muss etwas auf der Absatzseite tun, damit regionale Produkte auch gekauft werden. In Regionen mit starkem Zusammenhalt geschieht das schon heute, einfach weil Bayern, Schotten oder Basken schon aus Traditionspflege heraus, gern zu regional typischen Produkten greifen. In diesen Regionen gibt es in der Regel auch starke Administrationen, welche hart an der regionalen Wirtschaftsentwicklung arbeiten. Sie erkennen, wie unsicher es ist, langfristig auf multinationale Konzerne zu bauen, die während ihrer Wanderung zum jeweils günstigsten Standort, keine Rücksicht auf regionale Befindlichkeiten nehmen.

Nun können lokale Administrationen zwar vieles planen und beeinflussen, nicht aber die Kaufentscheidungen der Menschen. Denn letztendlich sind es die Kunden, die entscheiden, welchen Marktteilnehmern ihr Geld zufließt. Deshalb haben verschiedene Seiten alternative Gelder vorgeschlagen, welche die wirtschaftliche Entwicklung auf dem jeweiligen Gebiet von der üblichen Marktlogik abkoppeln sollen. So gab es immer Initiativen zur Einführung von Regionalgeldern. Auch Tauschringe stellen letzendlich eine Möglichkeit dar, sich vor Ort selbst zu helfen und auch seine persönlichen Fähigkeiten jenseits des offiziellen Arbeitsmarktes an den Mann zu bringen.

Nun decken aber Tauschringe nur wenige Produktgruppen ab und Regionalgelder wären sicherlich eine gute Sache, nur sind sie bisher relativ selten umgesetzt worden, was natürlich auch daran liegt, dass sie zum Ziel haben, die Handlungsspielräume der dominanten Großunternehmen – seien es nun die Banken oder die Handelsketten – einzuschränken.

Deshalb gilt es, dass Augenmerk auf den Konsum zu richten und ein kritischer Konsument zu werden. In einigen Gegenden ist diese Grundeinstellung schon relativ weit vorangeschritten. Als Beispiel sei hier Südtirol genannt, wo man sich in der regionalen Verbraucherzentrale gut über die Herkunft von Produkten und Dienstleistungen informieren kann. Südtirol stellt auch ein gelungenes Beispiel für eine starke, oft genossenschaftlich organisierte lokale Wirtschaft dar. Es liegt auf der Hand, dass eine kleingliedrig organisierte Wirtschaft viel besser in der Lage ist, Menschen zu integrieren und somit dass Problem der Zwei-Klassen-Gesellschaft entschärft. Eher nachhaltig operierende Genossenschaften sind nun mal weniger kapitalintensiv und menschenfreundlicher als industriell organisierte landwirtschaftliche Großbetriebe. Einen guten Überblick über Genossenschaften, Regionalentwicklung und Bürgergesellschaft gibt übrigens die Seite www.genoperspektiv.net.

Und genau hieran sollte sich Europa orientieren. Langfristig gilt es dezentrale und nachhaltige Produktions- und Vertriebsstrukturen aufzubauen, welche die Zentrum-Peripherie-Dynamik abschwächen und möglichst viele Menschen sozial integrieren. In solchen Strukturen kann man dann auch eigene Wege in Bezug auf Arbeitszeitregelungen und Lebensmodelle gehen.

Diese Strukturen müssen auch nicht zentral geplant werden, sondern können durch Initiativen vor Ort, als Graswurzelbewegungen entstehen. Anstatt in Apathie und Sinnleere zu versinken, könnten Gemeinden zielgerichtet an der Erhöhung des Regionalanteils im Konsum arbeiten – wohl wissend, dass dies auch für die eigene Steuerbasis von Vorteil ist. Eine Fülle von informativen Webseiten, Vereinen und Genossenschaften könnten aus dem Boden schiessen und versuchen das regionale Leben jenseits riesiger Großstrukturen in die Hand zu nehmen. Und schliesslich haben solche Strukturen in Deutschland ja auch Tradition, wie ein Blick auf die vielfältige Vereinslandschaft, die es vor einhundert Jahren gab, beweist. Wir müssen nur mit neuen Ideen zu unseren Wurzeln zurückkehren.

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