Der traurige Aufstieg Amerikas zur Hauptquartierswirtschaft

Eine Wirtschaftspolitik, welche sozialen Ausgleich und möglichst große Verwirklichungschancen für viele Menschen zum Ziel hat, muss internationale Zusammenhänge berücksichtigen. Denn mittlerweile sind die Zwänge, vor welche uns die Globalisierung stellt, auch für Europa so groß, dass wir sie nicht mehr ignorieren können.

Diese Zwänge entstehen, weil sich seit Mitte der 70er Jahre ein sehr ungleiches Muster herausgebildet hat, welches man als Hauptquartierswirtschaft bezeichnen kann. Seit dem Machtantritt Nixons bewegen sich die USA immer weiter weg von einer mittelständischen und demokratischen Gesellschaft, haben also einen Pfad eingeschlagen, der das Kapital in den Händen weniger Vermögender zu Lasten der Arbeitnehmer auf der ganzen Welt begünstigt.

Diese Hauptquartierswirtschaft zeichnet sich durch flexible Produktion und politische Kontrolle aus. Die Produktion wird dabei so organisiert, dass im Hauptquartier selbst nur die hochwertigen bzw. wichtigen Wertschöpfungsprozesse (Kernkompetenzen) verbleiben, der Rest aber ausgelagert wird (Outsourcing). Das führte historisch betrachtet zu mehreren Verlagerungswellen. Zuerst ging man von Massachusetts nach Texas, dann von Texas nach Mexico und heute befindet sich die Produktion vielleicht in Asien.

Auf der politischen Seite wird die entstandene wirtschaftliche Ungleichheit von immer problematischeren und äußerst konservativen innen- und außenpolitischen Maßnahmen begleitet. Innenpolitisch haben die Gewerkschaften an Bedeutung verloren und die Reallöhne der Arbeiter und Angestellten sind in den letzten 30 Jahren im Gegensatz zu den Gewinnen kaum gestiegen. Ausserdem stürzen viele Menschen, die keinen der hochwertigen Jobs ergattern können, in extreme soziale Unsicherheit und Armut ab. Gleichzeitig wurden demokratische Einrichtungen immer mehr geschwächt, was zu Politikverdrossenheit, allgemeiner Wahlbeeinflussung durch Spin Doctoring und sinkenden Wahlbeteiligungen geführt hat. Die Gesellschaft teilt sich in jene, die sich etwas vom Kuchen abschneiden können und jene die herausfallen.

Außenpolitisch geht es in einem solchen System vor allem um Macht- und Ressourcensicherung. Es müssen sowohl der Zugriff auf billige Arbeitskräfte und Rohstoffe, als auch die internationale Mobilität des Kapitals gesichert werden. Das hat in der Vergangenheit zu äußerst problematischen Politiken sowohl in Lateinamerika, als auch in der arabischen Welt geführt. In Lateinamerika wurden etwa amerikatreue Diktaturen installiert – etwa in Chile und Argentinien und auch die vielen Inflationen und Instabilitäten der 80er Jahre wurden oft durch flüchtiges Kapital verursacht. Eduardo Galeano hat die Schattenseiten dieser Abhängigkeit in „Die offenen Adern Lateinamerikas“ meisterhaft beschrieben. Deshalb wenden sich heute in Lateinamerika immer mehr Länder mehr oder weniger offen von den USA und den Politiken, die sie via IWF und Weltbank vorschlagen ab.

Auch in der arabischen Welt hat die USA viel Leid angerichtet und im Grunde genommen zur Aufrechterhaltung veralteter politischer Strukturen geführt. Dies wird z.B. vom Kabarettisten Volker Pispers sehr schlüssig dargestellt. Zuerst stützte man den Schah als „Bollwerk gegen den Kommunismus“ und um sich den Zugriff auf das iranische Öl zu sichern. Als dieser aufgrund seiner menschenverachtenden Politiken letztendlich von iranischen Fundamentalisten unter Führung von Ayatollah Khomeini gestürzt wurde, rüstete man Saddam Hussein auf und stiftete ihn zum Krieg gegen den Iran an. Auch die saudischen Prinzen konnten sich mit Hilfe Amerikas an der Macht halten, was zur Finanzierung fundamentalistischer Strömungen des Islam führte und zunehmend die ganze Region destabilisiert.

Wir haben es also mit einem Muster zu tun, welches nicht nur zu Kriegen um Rohstoffe führt, sondern zunehmend die soziale Entwicklung der Menschheit umkehrt. Menschenrechte und Demokratie weichen Strukturen, die man ohne zu übertreiben als neofeudalistisch beschreiben kann.

Viele amerikanische Wissenschaftler sind sich dieser traurigen Entwicklung bewusst und versuchen eine Umkehrung des Musters zu bewirken. Ökonomen und Soziologen wie Joseph Stiglitz, Paul Krugman, John Kenneth Galbraith und Jeremy Rifkin beschreiben seit Jahren ihre negativen Aspekte. Bezeichnend sind z.B. Krugmans „The great unraveling“ und Rifkins „Der Europäische Traum. Die Vision einer leisen Supermacht“.

Dies ist jedoch kein einfaches Unterfangen, denn wie Lester Thurow in „Die Zukunft der Weltwirtschaft beschreibt„, werden sich die Eliten Amerikas – und leider auch in zunehmenden Maße die Eliten Europas – alles daran setzen, um ihre Machtposition zu sichern. Was wir trotzdem tun können, wird Inhalt eines der nächsten Artikel sein.

22.jpg

Advertisements
Explore posts in the same categories: Betrachtungen

2 Kommentare - “Der traurige Aufstieg Amerikas zur Hauptquartierswirtschaft”

  1. Stefan Sasse Says:

    Prinzipiell Zustimmung zu deiner Analyse, aber der Weg zur Kapitalakkumulation wurde nicht erst ab den 1970er Jahren beschrieben; bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte die Wallstreet die absolute Dominanz über politische Programme errungen und akkumulierte das Kapital in wenigen Händen. Was die Demontage der Mittelschicht angeht allerdings ist deine Zeiteinschätzung korrekt.
    Besides ein absoluts Lob für deinen Blog, man kommt kaum umhin ständig auf ihn zu verlinken 😉


  2. Hallo Stefan!

    Was die Dominanz der Wallstreet angeht, gebe ich dir recht. Schon 1921 sprach Vilfredo Pareto, dessen späte Werke übrigens absolut zu empfehlen sind, von der Transformation der Demokratie hin zu einer Plutokratie, also einer Oligarchie weniger Reicher.
    Diese Dominanz war ja dann auch die Voraussetzung für die Konstruktion der Hauptquartierswirtschaft. Danke für das Lob.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: