Spin doctoring, Manipulation und Handlungsfähigkeit

In letzter Zeit wird oft von Spin Doctoring, also der gezielten Beeinflussung der Wahlergebnisse durch psychologische Tricks gesprochen. Doch was steckt dahinter? Das Spin Doctoring wurde in den USA erfunden und ist die Kunst der gezielten Beschönigung von Tatsachen. Doch warum kann man Tatsachen überhaupt beschönigen?

Hierzu lohnt es sich weiter auszuholen. Das menschliche Gehirn stammt von Säugetierhirnen ab, unterscheidet sich aber von diesen durch eine übermäßig große Großhirnrinde (Neokortex). Diese ermöglicht uns eine erstaunlich große Flexibilität und zwei ganz fundamentale Dinge – die Fähigkeit zur Sprache, also zum Denken und Kommunizieren in abstrakten Begriffen und zur Bewusstheit, also der Möglichkeit seine eigenen Handlungen reflektieren zu können.

Wir teilen aber mit den anderen Säugetieren das sogenannte limbische System, haben also Emotionen unterschiedlicher Komplexität (eine einfache Emotion ist z.B Angst und eine komplexere das Schamgefühl), welche unser Verhalten stark prägen. Emotionen und Gefühle sind entscheidend für unser Verhalten, sie helfen uns verschiedene Situationen sehr schnell zu meistern, ohne dass wir lange nachdenken müssen (Joseph LeDoux gibt einen guten, wenn auch recht technischen Einstieg in diese Themen. Wichtig ist auch Antonio Damasios Theorie der somatischen Marker).

Bei der Angst, welche Fluchtreaktionen auslöst liegt es auf der Hand, aber auch Gruppenemotionen, wie z. B. die Fähigkeit Betrugsversuche besser durchschauen zu können, waren in unserer teilweise recht kruden Vergangenheit sicherlich von Vorteil, als Schnelligkeit vor Genauigkeit kam. Das Nachdenken und das sich anschließende Orientieren des Handelns an einer bewußten Ethik sind Errungenschaften, die sich nur nach und nach einstellten und auch heute nicht immer vorausgesetzt werden können.

Denn mit diesem ‚immer‘ steht und fällt, was ich die zentrale Errungenschaft der Aufklärung nennen möchte, dass Orientieren von Entscheidungen anhand langfristiger Überlegung. Und auf die Schwächung dieser Entscheidungsfähigkeit zielt das Spin Doctoring ab, wobei mehrere Wege offen stehen.

  • Der erste Weg ist offensichtlich und besteht in der Geheimhaltung von Informationen. Wer nicht genug über einen Sachverhalt weiß, kann auch keine vernünftigen Entscheidungen treffen.
  • Eine zweite Möglichkeit besteht in der gezielten Überinformation oder auch der verfälschten Darstellung von Informationen, sodass derjenige welcher eine Entscheidung treffen soll, die Qual der Wahl hat oder die Richtigkeit der Informationen bezweifeln muss.
  • Der dritte Weg ist am subtilsten und wird oft mit Möglichkeit 2 verknüpft. Hier werden Informationen bewusst emotional dargestellt und gleichzeitig werden Sympathieträger benutzt, welche ihr positives Image auf die Informationen übertragen.

Das ganze funktioniert, wie Robert Zajonc herausgefunden hat, weil unsere Preferenzen keine Inferenzen benötigen, oder einfacher ausgedrückt, weil man etwas mögen kann, ohne es hinterfragt zu haben und weil es uns nur schwer gelingt, etwas dass wir mochten, nach einer entsprechenden Information nicht mehr zu mögen. Ein alltägliches Dilemma, an dem man den Konflikt zwischen Emotionen und Kognition gut beobachten kann, ist z. B. die Reaktion auf einen Seitensprung des Partners, bzw. Liebesdramen im allgemeinen.

Damit diese Art der Manipulation funktioniert, muss die jeweilige Person oder Gruppe aber auch manipulierbar sein, was uns zu den politischen Implikationen von Spin Doctoring führt. In einer Demokratie, die Presse- und Meinungsfreiheit auf ihre Fahnen geschrieben hat, sind Mittel wie Folter und Drohung unzulässig. Man muss sich also etwas einfallen lassen. Wie stellt man aber konkret die Manipulierbarkeit z. B. in einer Demokratie sicher, um Macht und Ungleichheit zu zementieren?

Die Antwort ist einfach: Wenn ein genügend großer Teil der Wähler manipulierbar ist, kann man durch simple Propaganda soger Dinge durchsetzen, welche, bei Lichte betrachtet, unvorteilhaft für die Betreffenden ist. In Europa kamen faschistische Diktatoren ganz legal an die Macht, weil sich viele Menschen, die nach dem Abdanken der Monarchen auf einmal wählen durften, täuschen ließen, also auf überzogene Versprechen hereinfielen.

Heute ist der allgemeine Bildungsstand der Bevölkerung zwar wesentlich höher, aber mittlerweile sind auch die Methoden zur Beeinflussung viel genauer geworden. Warum soll man z.B. klare Positionen vertreten, wenn klar ist, dass vielleicht bis zu 80% der Menschen eher mit dem Bauch, bzw. nur in Bezug auf ihr tägliches Umfeld entscheiden? Dies haben auch die Politiker begriffen. Es ist nun mal nicht zielführend, genaue Positionen zu vertreten, weil dadurch der Presse viel mehr Angriffsfläche bieten würden.

Problematisch an dieser Entwicklung sind jedoch ihre kulturellen Konsequenzen. Reklame und Manipulation haben unsere Denkweise so erfolgreich verändert, dass unsere gesamte Kultur des Wissens, des Entscheidens auf Basis von Ethik und langfristig orientierter Überlegeung – kurz die Errungenschaften der Aufklärung – dadurch untergraben werden.

Wir werden aber zunehmend handlungsunfähig, wenn immer mehr Menschen in einer künstlich erzeugten Traumwelt leben, bzw. unfähig sind, anhand klarer Fakten vernünftige Entscheidungen zu treffen, und sich statt dessen durch kleingeistige Verleumdungen in ihrem Urteil beeinflussen lassen. In den USA ist das allgemeine Lebensgefühl schon recht kleingeistig und heuchlerisch geworden. Fragt sich, wie lange sich Europa noch halten wird.

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