Vermachtung, Pfadabhängigkeit und Verwirklichungschancen

An den meisten deutschen Hochschulen, welche einen Studiengang in Volkswirtschaftslehre haben, wird den Studenten nur das dominante Paradigma – die neoklassische Theorie vermittelt.

Praktisch sieht das dann so aus, dass üblicherweise Einführungskurse in Mikro- und Makroökonomie gelesen werden, welche mit recht viel Statistik und Ökonometrie gewürzt sind und in seltenen Fällen ringt man sich dazu durch, etwas Theoriegeschichte und Institutionenökonomik beizumischen. Damit die Harmonie nicht gestört wird, ist die Theoriegeschichte meist so aufgebaut, dass das neoklassische Paradigma als die letzte Errungenschaft erscheint und die Institutionenökonomik (welche im Grunde Jahre des Studiums in ganz anderen Feldern wie Soziologie und Anthropologie voraussetzt, um wirklich verstanden zu werden) wird zu einem gut begründeten Lobgseang auf den Marktmechanismus.

Doch der Schein trügt. Die Volkswirtschaftslehre ist zutiefst reformbedürftig und in der Krise. Das sieht man an mehreren Anzeichen.

  1. Das Menschenbild ist zu simpel und liefert, wie schon im Post Ökonomie und Ethik betont, keinen Ansatzpunkt, um die Unterschiede zwischen den Menschen zu behandeln.
  2. Das Layout der Neoklassik ist mechanistisch und ähnelt, im übrigen darin der Physik vor Einstein. Komplexere, nichtlineare Zusammenhänge werden deshalb nur schwerlich fassbar.
  3. Die Versuche dieses Paradigma zu verteidigen, haben zum Ausschluß jeglichen abweichenden Gedankengutes geführt. Es werden also nicht nur entgegengesetzte Positionen, wie etwa der Marxismus, sondern auch korrigierende Ansätze, wie die auf Keynes zurückgehende Globalsteuerung mit Hilfe geigneter Fiskal- oder Geldpolitik zunehmend ins Abseits gedrängt.
  4. Mehrere Nobelpreisträger der Ökonomie, wie etwa John Hicks, Maurice Allais und auch Amartya Sen haben sich später zum Teil recht deutlich von ihren anfänglichen Positionen losgesagt, bzw. selbige relativiert und kritische Gedanken entwickelt.
  5. Mittlerweile haben die Gedanken von Ökonomen kaum noch Einfluss auf die politischen Geschehnisse, was vor allem in den USA zu egoistischem Karrierismus führt, wie David Colander schön beschreibt. Denn immerhin bietet so eine Professur ja einige Annehmlichkeiten…

Nun ist es aber nicht so, dass es keine kreativen, intelligenten und weitsichtigen Ökonomen gäbe, nur ist ihre Arbeit eben weitgehend unbekannt, denn auf sie stößt man erst, wenn man sich richtig gut auskennt.

Deshalb möchte ich drei Ökonomen vorstellen, welche übrigens aus recht unterschiedlichen Ecken kommend, versucht haben, die neueren Entwicklungen nachzuzeichnen und zu verstehen, aus welchen Gründen wir vor unseren heutigen Problemen stehen. Natürlich können die jeweiligen Ansätze nur skizzenhaft wiedergegeben werden.

Zunächst wäre da Douglass North, der sich, aus der Wirtschaftsgeschichte stammend, intensiv mit Institutionen und den ihnen imminenten Transaktionskosten auseinandegesetzt hat. In seiner Nobel lecture verabschiedet er sich vom neoklassischen Modell und macht die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Kultur von einer komplexen Mischung von formalen Regeln, informellen Normen und effektiven Methoden der Durchsetzbarkeit letzterer abhängig. Im Grunde greift er damit Max Weber’s Ansatz von der protestantischen Ethik und dem Geist des Kapitalismus auf und verallgemeinert diese. Erst wenn eine Kultur bestimmte, teilweise recht materialistische Werte entwickelt und diese gegenüber den einzelnen Mitgliedern effektiv durchsetzt, findet wirtschaftliche Entwicklung statt. Diese ist historisch betrachtet allerdings eher ein Einzelfall, denn

„Institutions are not necessarily or even usually created to be socially efficient; rather they, or at least the formal rules, are created to serve the interests of those with the bargaining power to create new rules. In a world of zero transaction costs, bargaining strength does not affect the efficiency of outcomes; but in a world of positive transaction costs it does.“

Nur wenn also die Eliten eines Landes wirtschaftliche Entwicklung wollen, weil das mit ihren Machtinteressen übereinstimmt, wird diese auch stattfinden. Die Geschichte Lateinamerikas spricht Bände.

Brian W. Arthur ist der findige Mathematiker unter den kritischen Ökonomen. In Spieltheorie und Statistik verhaftet, zeigt er wie komplex unsere heutige Wirtschaft sein kann, weshalb es schwierig wird, gute Entscheidungen zu treffen. Im besonderen ist es die technologische Entwicklung, welche nach bestimmten Regeln verläuft und unser Leben verändert. So kann es z.B. in einer Wirtschaft, die sich durch ‚increasing returns‘, also steigende Skalenerträge auszeichnet, zu Pfadabhängigkeiten kommen, was bedeutet, dass auch Wege eingeschlagen werden können, die nicht der Allgemeinheit dienen, sondern spezifischen Interessen. Somit lassen sich zum Beispiel die Debatten zu open-source-Projekten gut verstehen.

John Kenneth Galbraith, der im Grunde ähnliche Analysen wie North und Arthur erstellte, war nicht nur ein begnadeter Ökonom, sondern auch ein bedeutender Wirtschaftspolitiker, da er nach J. F. Kennedy so ziemlich alle Kandidaten der demokratischen Partei der USA wirtschaftspolitisch beraten hat. Seine Ideen zur Überflussgesellschaft und der Technostruktur haben die öffentliche Dibatte nachhaltig beeinflusst. Seit Galbraith ist klar, dass große oligopolistische Marktstrukturen wirtschaftlich effizienter sind – ein Fakt der mit dem Aufkommen der Eisenbahn und der großen Ölgesellschaften immer deutlicher wurde – und dass das Ideal von Konkurrenzmärkten nicht nur kaum realisierbar ist, sondern auch nicht unbedingt wünschenswert.

Aus den Ansätzen dieser drei Ökonomen lassen sich mehrere bedeutende Schlussfolgerungen ziehen, welche gleichzeitig Ergebnisse eines neuen ökonomischen Gedankengebäudes sein sollten. In einer Welt mit steigenden Skalenerträgen sind die Verwirklichungschancen ungleich verteilt. Das bedeutet, dass die heutigen Produktionstechnologien systematisch Teile der Bevölkerung ausschließen und nicht alle Menschen sich ihr Brot durch Arbeit verdienen können, ohne in eine kaum zu tolerierende Armut abzurutschen.

Eine soziale Grundversorgung, die – sei es in Form von Bürgergeld oder sonstigen Unterstützungen – nicht nur soziale Unruhen verhindert, sondern auch Verwirklichungschancen garantiert, ist somit nicht nur wünschenswert, sondern auch notwendig, wenn man nicht in sehr ungleiche und fast feudalistische Strukturen zurückfallen will.

Es ist allerdings fraglich, ob sich ein allgemein anerkanntes ökonomisches Gedankegebäude dieser Art entwickeln wird, denn immerhin stützt die alte Neoklassik wichtige Interessen – ein Fakt den übrigens schon der Vater von Leon Walras schätzte.

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