Effizienz und Effektivität

Es gibt ein kleines Büchlein von Franz Josef Radermacher, welches den schönen Namen „Globalisierung gestalten“ trägt. Radermacher ist insofern interessant, als das er schon seit einigen Jahren die Initiative „GlobalMarshallPlan“ vorantreibt und in Zeiten des Niedergangs des Mittelstandes und des zunehmenden Druckes auf den kleinen Mann, politische Maßnahmen vorschlägt, um Errungenschaften wie Demokratie und die soziale Marktwirtschaft zu bewahren und Ziele wie Nachhaltigkeit und globalen Wohlstand voranzubringen.

Im Buch plädiert er für nachhaltigere Rahmenbedingungen und geht unter anderem auch auf die in der Wirtschaftswissenschaft häufig anzutreffende Unterscheidung zwischen Effizienz und Effektivität ein. Er verknüpft diese Begriffe, die in den meisten Vorlesungen nur trocken definiert werden, mit einem interessanten Gedanken. So mag der Marktmechanismus heute zwar effizient sein, in dem Sinne dass bestimmte Aufgaben mit geringstmöglichem Aufwand erfüllt werden, aber eben nicht effektiv, weil nicht alle Aufgaben erfüllt werden, welche eine Wirtschaft normalerweise erreichen sollte.

Es besteht also die Möglichkeit, dass der Wettbewerb Ergebnisse produziert, welche bestimmte Ziele erfüllen und andere eben nicht. Wir scheinen dem roten Tuch des Reichtums und der persönlichen Bedeutung hinterherzurennen, aber kaum mehr Zeit für die Familie, die Freunde, uns selbst oder ein Hobby zu haben. Die Überbewertung des Materiellen wird auch vom recht jungen Forschungsgebiet „Happiness & Economics“ bestätigt. Ein Ergebnis ist besonders bezeichnend. Auf der einen Seite sind zwar „die Beziehungen zu anderen Menschen (Familie, Partner, Kinder und Freunde) gefolgt von dem Gefühl, etwas Nützliches zu tun und je nach den Umständen Gesundheit und Freiheit… der wichtigste Glücksfaktor“, auf der anderen Seite „schlagen … Geld und Prestige … in unserem Wertesystem immer Familie und Freunde, auch wenn Letztere nachhaltigere Glücksfaktoren sind. Mit anderen Worten: Wir treffen systematisch Fehlentscheidungen.“

Diese Unfähigkeit der meisten nicht nur ‚effizient‘ loszurackern, sondern auch ‚effektiv‘ die wirklich wichtigen Dinge anzustreben, hat dramatische Folgen. Anstatt z.B. an langfristig haltenden Beziehungen und Freundschaften zu arbeiten, lässt man sich in ein Hamsterrad einspannen und wundert sich dann, warum, wenn das alle so machen, die Beziehungen immer flacher werden, Partner, sobald sie Schwierigkeiten machen, ausgetauscht werden und man materiell zwar unendlich viel reicher ist als früher, aber zunehmend an Beziehungsunsicherheit leidet.

Das erklärt auch, warum gesellschaftlich wichtige Ziele, wie eine stabile Geburtenrate, öko-effizientes Wirtschaften oder eine zufrieden stellende Integration von alt und jung nicht erreicht werden. Anstatt mühevolle Beziehungsarbeit, was auch an sich selbst arbeiten bedeutet, zu leisten, fallen viele auf ihr persönliches Prestige zurück und beziehen ihre Identität durch die Sachen, die sie anhäufen.

Mal abgesehen davon, dass eine solche Kultur arbeitswütiger Individualisten gewissen Kreisen nützt, die mit Hilfe von Werbung auch ständig suggerieren, dass man sich Glück erkaufen kann, sind wir es selbst, mit unserem Unwillen erwachsen zu werden, die diesen Kräften in die Hände arbeiten.

Was heißt das aber für unser Argument der Effizienz, also der Erreichung langfristigen Glücks? Es gilt, und das ist zugegebenermaßen alles andere als einfach, bei sich selbst anzufangen und den im Grunde genommen leeren Versprechungen der Reklame nicht mehr zu glauben. Konsum macht nicht glücklich. Wer stark ist, schafft es auch, trotz aller Begabung, nicht auf das Hamsterrad aufzuspringen und an anderen Dingen zu arbeiten. Wenn wir uns auf uns selbst besinnen, die Angst besiegen und einfach das tun, von dem wir merken, dass es richtig ist, werden langsam aber sicher auch auf der gesellschaftlichen Ebene die richtigen Entscheidungen getroffen werden.

Dann werden wir anfangen, uns zu organisieren und z.B. auf lokaler Ebene zu engagieren. Es wird wieder glaubwürdige Politiker geben, welche die vorhandenen Strukturen nutzen werden, um gute Dinge zu realisieren. Wir müssen nur aufhören, uns selbst zu betrügen.

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One Comment - “Effizienz und Effektivität”

  1. Stefan Sasse Says:

    Hi,
    diese Beobachtungen decken sich mit den meinen. Zum Thema „Happiness economists“ empfehle ich das Buch „Das Dagobert-Dilemma“:
    http://www.roterdorn.de/inhalt.php?xz=rezi&id=6303


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