Sozialliberalismus als Rekonstruktion von Gemeinschaft

Liberale Theoretiker machen einen scharfen Unterschied zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft (David Hume, Ferdinand Tönnies). In der Gemeinschaft, also der Familie und der näheren Umgebung sind Werte wie Brüderlichkeit und Solidarität wünschenswert, in der Gesellschaft hingegen führt die Verordnung von Solidarität oft zum Absterben von Gemeinschaft. Deshalb seien staatliche Eingriffe und Umverteilungsmaßnahmen oft kontraproduktiv, weil sie die Eigeninitiative unterbinden.

In der Tat wurde im Kommunismus soviel Gemeinschaft gepredigt, dass die Einzelnen oft ihren Status als Arzt oder Bürgerlicher betont haben, indem sie ins Theater gingen, entsprechende Literatur lasen und sich einfach dadurch, wie sie sich gaben, vom einfachen Volk abhoben. Zuviel Gleichheit von Seiten der Gesellschaft verkehrte sich in ihr Gegenteil und die Gemeinschaft hatte oft etwas Künstliches an sich. Das hat dann nach der Wende auch zu einer Art Nachwendeindividualismus geführt – mit dem Ergebnis, dass Leute die sich vorher gut kannten, auf einmal mit anderen, nur weil sie vielleicht arbeitslos oder sonstwie schlechter gestellt waren, nichts mehr zu tun haben wollten.

Es gibt aber auch eine andere Möglichkeit, die Eigeninitiative zu unterbinden, namentlich, wenn die Bürger so stark für die materielle Leistungserstellung herangezogen werden, dass für die gemeinschaftlichen Aufgaben immer weniger Zeit bleibt. Und dies scheint immer mehr zum Problem zu werden. Der ökonomische Druck, der nun einmal aufgrund von hoher Arbeitslosigkeit existiert, führt nicht nur zu stagnierenden bzw. sinkenden Reallöhnen, sondern eben auch zu einem Mangel an Gemeinschaft, der oft schon in der Familie anfängt. Denn wie viel Zeit wird den Kindern und Alten wirklich gewidmet?

Bei echtem gesellschaftlichen Engagement mit Integrationswirkung (zeitaufwendig) sieht es dann noch schlechter aus. Und so kommt es eben zur „negativen Individualisierung“ (siehe http://axonas.twoday.net/stories/1779390/ ), also der innerlichen Abkehr und Ausgrenzung von immer mehr Menschen. Um es anders auszudrücken: Es ist einfach keine Zeit für Brüderlichkeit. Die Gesellschaft teilt sich in die stressgeplagten, zunehmend kinderlosen Arbeitenden und die ausgegrenzten Arbeitslosen.

Mein Argument gegen den heutigen, immer materialistischer geprägten, real existierenden, Kapitalismus ist nur in zweiter Linie eines, in dem es um Umverteilung geht. In erster Linie sehe ich Gemeinschaften und Familien zerbröckeln, weil der kollektiv gehegte Materialismus dem einzelnen in der Regel kaum eine Wahl lässt und ihm Verhaltensweisen und Entscheidungen, nun sagen wir mal, doch recht nahe legt. Es liegt also kein Zwang vor, aber das Entscheidungsfeld des Einzelnen zeichnet sich durch gesellschaftlich bedingte Opportunitätskosten aus, welche das Gegen-den-Strom-Schwimmen schwer machen.

Mir ist auch nicht klar, und damit will ich mich von der Staat-Markt-Plattitüde schon jetzt abgrenzen, ob man an dieser Dynamik überhaupt etwas ändern kann. Immerhin geht es nicht nur um einfache Verteilungsproblematiken, sondern um eine dynamische, dem System immanente Veränderung der Lebenswelten, welche unser Verhalten prägt und die durch ein paar Regelungen nicht so einfach umkehrbar sind.

Deshalb würde ich dennoch vorstellbare Gegenmittel nicht unbedingt als Umverteilungsmaßnahmen beschreiben, sondern vielmehr als eine Mischung aus Struktur- und Sozialpolitik. Das heißt konkret – entgegen der heutigen Tendenz hinzu wirtschaftlicher Verwertbarkeit – z.B. wieder mehr Wert auf humanistische Fächer zu legen und vielleicht sogar eine Art soziales Jahr als Pflichtjahr einzuführen oder zumindest nahe zu legen.

Was die Strukturpolitik angeht, sollten wir vielleicht einige Wirtschaftsbereiche wie den Handel, die Landwirtschaft oder das Handwerk vor zu hoher Konzentration schützen, also mitnichten liberalisieren, um soziale Netze und allgemeines Kulturgut und eben auch Arbeitsplätze zu schützen. Was nützt uns zum Beispiel ein hocheffizienter Einzelhandel, wenn wir hinterher die so entstandenen Arbeitslosen nicht nur bezahlen, sondern mit Sozialarbeitern, etc. auch noch sozial integrieren müssen. Mal abgesehen davon, dass mittlerweile in vielen Dörfern keine Läden mehr existieren, was wiederum die Kosten für Altenbetreuung nach oben treibt.

Der Begriff ‚sozialliberal’ gewinnt in diesem Zusammenhang also eine neue und eigentlich eher spirituelle als denn materielle Qualität. Es gilt Maßnahmen durchzusetzen, welche den Menschen, die Zeit, aber auch die soziale Kompetenz für das Schaffen von Gemeinschaften zurückzugeben, damit nicht Frustration und Verflachung zu einer raueren und gewaltbereiteren Gesellschaft führen, die immer näher zu rücken scheint.

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One Comment - “Sozialliberalismus als Rekonstruktion von Gemeinschaft”


  1. […] Das soziale Gefüge ist in Unordnung. Das kann man unschwer an Artikeln wie diesem oder auch einem meiner älteren Beiträge […]


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