Der feine Unterschied – Wie 200 Jahre alte Ideen unser Leben bestimmen

Die heutige Ökonomie entstand, wie wir wissen, mit Adam Smiths Buch An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations (1776). Smith argumentierte damals für freiere Märkte, damit am eigenen Wohlstand interessierte Individuen im Wettbewerb untereinander mit Hilfe von Erfindungsgabe und Arbeitsteilung den Wohlstand der Nationen mehren.

Smith schrieb damals für das aufstrebende Bürgertum, in einer Zeit, als das öffentliche Leben noch sehr stark von traditionellen Vorstellungen von Seiten des Adels und der Kirche geprägt war. In seiner Weitsicht sah er den Egoismus des Einzelnen jedoch nicht als Allheilmittel, sondern sprach ganz gezielt von öffentlichen Aufgaben und warnte vor Monopolen.

Bald darauf erschien Jeremy Benthams An Introduction to the Principles of Morals and Legislation (1780). Bentham konnte jedoch mit seinem Versuch die menschliche Motivation auf die Quantifizierung eines abstrakten Nutzens zu reduzieren, dem weit gereisten schottischen Gelehrten nicht das Wasser reichen. Dieser hatte nämlich mit seiner „Theory of Moral Sentiments schon (1759) eine viel umfassendere Beschreibung des kultivierten Menschen geliefert. Aber Benthams zwei Grundideen, dass der Mensch Egoist und Hedonist sei, hatten Erfolg und der Grundstein für die marginale Nutzentheorie war gelegt. (Der Aufstieg des Bürgertums führte leider auch zu einer Verflachung der Debatte – die eifrigen Praktiker hatten wohl keine Zeit sich auf die Höhe geistig Gebildeter Privatgelehrter zu begeben und der Konflikt mit den Sozialisten war auch nicht hilfreich.)

Die Überhöhung von Smiths liberalen Ideen besorgte dann der Begründer des Laissez-faire – Jean Baptiste Say. Dem Liberalen Smith war noch klar, dass zwar die Gier der Kapitalisten mit Hilfe des Konkurrenzmechanismus den allgemeinen Wohlstand heben würde, dieses aber nur auf dem Wege des Aufstieg und Falls verschiedener Sektoren (Strukturwandel) geschehen und vielleicht auch zu makroökonomischen Verwerfungen führen würde. Der Liberist Say hingegen behauptete, dass das Angebot immer in der Lage sei, sich seine Nachfrage zu schaffen (Say’sches Theorem) und das nicht nur das allokative (Produktionseffizienz), sondern auch das distributive Ergebnis (Verteilungsgerechtigkeit) des Marktmechanismus voll gerechtfertigt sei.

Say’s recht dogmatische Behauptungen waren pure Spekulation, wurden aber im sich verhärtenden Konflikt zwischen Kapital und Proletariat während der Restaurationszeit in die offizielle Ideologie des Bürgertums übernommen. Aber schon in dieser Zeit erhoben sich auch im bürgerlichen Lager Stimmen, die mit dem Liberismus Says nicht einverstanden waren. Interessant sind zum Beispiel die Schriften von Melchiorre Gioja, der in Nuovo prospetto delle scienze economiche (1815) für Staatseingriffe plädierte, um heranwachsende Industrien zu schützen, um Wachstum zu stimulieren und um Beschäftigung zu sichern.

Leider haben spätere sozialistische und kommunistische Theorien das bürgerliche Lager in eine Ecke gedrängt und der scheinbar kleine und doch riesengroße Unterschied zwischen Smith und Say geriet in Vergessenheit (was auch dazu führte, das Vertreter der Smith’schen Variante schnell als Linke beschimpft wurden). Smith plädierte dafür, den Motor Kapitalismus für das menschlichen Wohlergehen zu benutzen, warnte aber zugleich vor einer Welt, in der das Streben nach materiellem Wohlstand als letzter Sinn gesehen wird und plädierte deshalb für das Primat der Politik über die Wirtschaft.

Says ökonomische Theorie, hingegen, trägt religiöse Züge: Der Markt ist letzter Zweck, alles ist ihm unterzuordnen, denn er kennt weder Instabilitäten, noch Verteilungsungerechtigkeiten.

Wie die Geschichte gezeigt hat, ist der Marktmechanismus weder perfekt, noch grundfalsch, weshalb ja auch alle Industriestaaten Kartellämter und Zentralbanken haben, sowie industrie- und sozialpolitische Maßnahmen ergreifen. Allerdings sind diese Institutionen nur nach und nach entstanden, denn wie Smith ahnte, Marx begriff und Schumpeter mit der Idee von der schöpferischen Zerstörung auf den Punkt brachte, bedeutet der Kapitalismus ständige Veränderung, welche die gegebenen Institutionen immer wieder auf die Probe und in Frage stellt.

Es ist erstaunlich wie alt doch manche Debatten sind und wie wenig die ökonomische Theorie vorangekommen zu sein scheint. Allerdings ist dies ja auf Grund des kalten Krieges und der Spaltung in zwei Lager auch nicht verwunderlich. Heute stellen uns die Folgen dieser dogmatischen Zuspitzung, jedoch vor große Probleme, denn die zunehmende Ökonomisierung, der wir nur mit groben theoretischen Werkzeugen begegnen können, zerstört kulturelle und ökologische Vielfalt, Lebensräume sowie spirituelle und künstlerische Entfaltungsmöglichkeiten.

Nach Ende des kalten Krieges und im Zeitalter der Globalisierung sollten wir jedoch von Adam Smith lernen, und begreifen, was es heißt ein humanistischer, an Demokratie und Menschenwürde festhaltender Liberaler zu sein. Der Markt ist nützlich, aber nicht alles, Probleme werden immer wieder auftreten, aber wir können mit Hilfe besserer Institutionen uns den großartigen Motor weiterhin zunutze mache, ohne jedoch sein Sklave zu werden. Deshalb sind Regelungen, welche den Marktmechanismus zähmen und zivilisieren (wie zum Beispiel das Kartellrecht, Arbeitszeitregelungen und Ladenschlussgesetze, Familienunterstützungen, oder Werbebeschränkungen), kein störender Eingriff in den Marktmechanismus, sondern eine kulturelle Errungenschaft.

Angesichts der weltweiten Zunahme von Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und der Macht multinationaler Unternehmen ist es deshalb sicherlich sinnvoll, über weitere, auch internationale Regelungen nachzudenken, damit der Marktmechanismus der kulturellen Entwicklung des Menschen dient und seine Evolution nicht zu neuen weltweiten Konflikten führt.

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