Jenseits von Gier und Neid

Posted 30. Januar 2007 by
Categories: Betrachtungen

Der Oeffinger Freidenker hat einen interessanten Kommentar zur Reaktion der Automobilindustrie auf schärfere CO2-Standards abgegeben. Mal abgesehen davon, dass auch ich nicht nachvollziehen kann, was schärfere Umweltstandards mit Standortverlagerungen zu tun haben, besorgt mich zunehmend die Art und Weise des Umgangs miteinander.

Hier wird auf ein Vorgehen, was nicht nur vielen Leuten am Herzen liegt, sondern auch angesichts eines nun auch in den USA langsam ansteigenden Umweltbewusstseins salonfähig wird, mit einer recht brachialen und im Grunde erpresserischen Drohung reagiert. Warum?

In Deutschland scheint sich eine recht materialistische Mentalität der Segregation schon mehr durchgesetzt zu haben, als uns das vielleicht bewußt ist. Wir bewerten die Menschen nach ihrer materiellen Leistungsfähigkeit, was sich auch in im europäischen Vergleich überdurchschnittlich großen Automobilen niederschlägt. Natürlich fahren reiche Menschen auch in anderen Ländern große Autos, aber oft ist zum Beispiel das oberste Lebensziel ein Haus oder eine Eigentumswohnung und nicht ein teures Auto. Vielleicht hat man anderswo auch nicht das Bedürfnis sich durch einen großen Wagen hervorzutun.

Unsere materialistische Kultur führt also zu Ab- und Ausgrenzung und je nach Einkommen zu einer blinden Gier und einem kurzsichtigen Neid. Wie kommt das? Um heutzutage finanziell erfolgreich zu sein, muss man in der Regel hart arbeiten und bestimmte Positionen erreicht man oft nur, wenn man andere, im Grunde wichtige Dinge, wie die Familie, Freunde oder öffentliches Engagement schleifen läßt. Man läuft im Hamsterrad. Na und wenn man schon laufen muss, versucht man in der Regel so viel wie möglich zu erhaschen. Somit kommt es zu einer zynischen Form von Gier, die manchmal schwer nachvollziehbare Verhaltensweisen nach sich zieht.

Nehmen wir beispielsweise den Fall Hartz. Da bringt es einer zum Personalmanager von VW und hat auch noch die Möglichkeit, politisch wirksam zu werden, nur um am Ende in Schande zu versinken, weil er Prostituierte aus der Betriebskasse bezahlt hat. Warum hat er die bei seinem beträchtlichen Gehalt nicht einfach aus eigener Tasche bezahlt und überhaupt, wenn man schon jemanden schmieren muss, gibt es doch elegantere Mittel und Wege, oder? Offenbar hat sich zu kleingeistiger Gier auch noch eine eher dem Adel typische Überheblichkeit gesellt.

Auf der Seite der Verlierer der Gesellschaft gibt es ein anderes Phänomen - Neid und Statusbewußtsein. Die Geringverdiener gönnen den Arbeitslosen ihre Bezüge nicht und wählen oft rechter im Spektrum als es für ihre soziale Position logisch wäre. Ich habe auch von einem Fall gehört, in dem ein Arbeitsloser es an der Versorgung von Frau und Kind hat mangeln lassen, nur um sich auch einen Mercedes leisten zu können. Da sage noch einer, dass Werbung nicht in der Lage sei, den gesunden Menschenverstand zu manipulieren…

Es ist traurig das sagen zu müssen, aber ich habe das Gefühl, dass wir Deutsche uns ganz schön vom materialistischen Rattenrennen haben fangen lassen. Die Gesellschaft wird immer individualistischer und auch immer rauher. Und das hat sicher auch mit den vielen Kirchenaustritten und der allgemein angestiegenen Flexibilität und Mobilität zu tun. Es ist mehr als an der Zeit, eine menschenfreundlichere Lebensweise zu etablieren - jenseits von Gier und Neid.

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Was Europa zu einer ausgeglicherenen Welt beitragen kann - Teil 2: Internationale Bemühungen

Posted 28. Januar 2007 by
Categories: Wirtschaftspolitik

Nachdem im ersten Teil strukturelle Reformen in Europa besprochen wurden, soll es nun darum gehen, welchen Beitrag Europa nach außen hin leisten kann. Schon heute sind die europäischen Bemühungen beträchtlich, da die Europäische Union mehr als die Hälfte der weltweiten Entwicklingshilfe bereitstellt.

So ist z.B. der Umfang der deutschen Entwicklungshilfe laut einer Untersuchung der OECD von 7,5 Mrd. US-Dollar im Jahr 2004 auf 9,9 Mrd. US-Dollar im Jahr 2005 gestiegen. Diese Erhöhung findet im Rahmen eines Stufenplans der Europäischen Union statt, der vorsieht, dass Deutschland die Entwicklungshilfe von den jetzigen 0,33% des Bruttosozialproduktes auf 0,51% im Jahr 2010, sowie 0,7% im Jahr 2015 steigern soll.

Es stellt sich jedoch die Frage, ob, und wenn ja wie, Entwicklungshilfe in der Lage ist, die recht ungleichen Muster, die auf der Welt entstanden sind, aufzuheben. Eines ist schon jetzt klar: Wenn langfristig, keine halbwegs gleichmäßige Entwicklung erreicht wird, verkommt jede auch noch so großzügige Entwicklungshilfe zur Farce, zur einer Beruhigung unseres kollektiven Gewissens.

In einem anderen Post habe ich die Tendenz der USA zur Hauptquartierswirtschaft beschrieben. Die Kernkompetenzen der Konzerne bleiben im Land, also die Teile der Wertschöpfung, welche sich durch eine hohe Arbeitsproduktivität und eine hohe Forschungsintensität auszeichnen, und weniger wichtige und arbeitsintensive Teile werden ausgelagert (Outsourcing). Eine direkte Folge davon ist, dass in wichtigen Zentren sehr hohe Einkommen erzielt werden, in der Peripherie meist aber eine eher schlechte Stimmung herrscht. Im Gegensatz zu simplen Handelstheorien, die von der falschen Annahme der atomistischen Konkurrenz ausgehend, postulieren, dass alle vom Handel profitieren, teilt sich die Welt also in Gewinner und Verlierer, was sich oft in Verschwendung auf der Nord- und in Armut auf der Südhalbkugel niederschlägt.

Deshalb wäre es ideal, wenn die hochproduktiven Sektoren und Firmen relativ gleichmässig auf der Welt verteilen, um eine gleichmäßigere Verteilung des Wohlstands zu erreichen. Allerdings bedeutet das auch, neue Konkurrenz akzeptieren und sich mit den Konsequenzen derselben auseinandersetzen zu müssen (Vor genau dieses Problem stellt uns nämlich der Aufstieg Chinas).

Bisher hat nämlich die erste Welt recht deutlich versucht, das Monopol in hochproduktiven Sektoren zu halten, auch wenn uns das vielleicht so nicht bewusst war. So hat zum Beispiel die offizielle Ideologie von Weltbank und IMF dazu geführt, dass in vielen Ländern nicht die nötigen Maßnahmen ergriffen wurden, um den Übergang von einer wenig produktiven Landwirtschaft hin zu einer modernen Industrie- und Dienstleistungswirtschaft zu ermöglichen. Statt dessen, hat man, die bisherige Struktur aufrecht erhaltend, viele Entwicklungsländer in eine ruinöse Konkurrenz untereinander getrieben, was bei uns zu angenehm niedrigen Kaffee- oder Bananenpreisen geführt hat.

Denn ohne eine breit angelegte Massenbildung und eine relativ gleichmäßige Verteilung der Verwirklichungschancen, ist ein solcher Übergang nicht möglich. Und hier kommen wir dem näher, was europäische Entwicklungshilfe leisten sollte - sie sollte helfen, gewisse kulturelle Standards durchzusetzen, von denen wir wissen, dass sie sich langfristig positiv auf die Entwicklung eines Landes durchsetzen.

Dabei gibt es zwei verschiedene Kategorien von Ländern. Für die erste Kategorie, die allerärmsten, gilt es entsprechende Grundlagen zu schaffen, damit sie überhaupt am Wirtschaftsleben teilnehmen können. Diese Grundlagen sind vor allem die Beendigung von Kriegen, Bildung, halbwegs gleichmäßig verteilte Ressourcen und vernünftige Handelskonditionen, und dienen der ‘Aktivierung’ eines Landes. Geeignete Maßnahmen sind z.B. ein dem historischen Marshall-Plan nachempfundener Global Marshall Plan, wie er von der Global Marshall Plan Initiative vorgeschlagen wird, sowie die absichtliche Förderung fairer Handelsbeziehungen (Fair Trade), damit die Erzeuger schneller als sonst akkumulieren können.

Staaten gegenüber, welche schon relativ weit auf dem Entwicklungspfad vorangeschritten sind, aber noch vom Erfolg auf europäischen Märkten abhängen, sollte man erprobte Standards in so unterschiedlichen Gebieten wie Gerichtsbarkeit, Governancepraxis oder Menschenrechten so gut wie möglich nahebringen. Dabei sind Ähnlichkeiten mit dem EU-Erweiterungsprozess durchaus wünschenswert. Nun mag eine solche Forderung überheblich klingen, allerdings kann man ja wie beim Beitrittsverfahren die jeweiligen Länder vor die Wahl stellen, die Standards zu akzeptieren und im Gegenzug eine großzügige Förderung zu erfahren, oder es eben bleiben zu lassen.

Die Idee, Standards gegen beispielsweise den Zutritt zu Absatzmärkten einzutauschen, ist von Gabor Steingart im Buch Weltkrieg um Wohlstand auf recht populistische Weise bekannt gemacht worden. Das ändert aber nichts daran, dass eine solche Vorgehensweise grundsätzlich interessant erscheint, zumal wenn man bedenkt, was alles auf dem Spiel steht.

Wir stehen vor der Wahl. Entweder verbreiten wir die europäischen Erfahrungen mit Marktwirtschaft, Imperialismus und sozialem Konflikt zu unserem eigenen Vorteil in der Welt oder wir sehen - gefangen in Apathie und Relativismus - tatenlos zu, wie sich überall auf der Welt problematische Muster durchsetzen, deren Auswirkungen wir jetzt schon spüren.

Es gibt also eine neue Art von Systemkonflikt zwischen neoliberalem und sozial ausgeglichenem Kapitalismus, der durchaus zu Europas Vorteil entschieden werden kann. Denn immerhin ist das Bruttinlandsprodukt der EU mit 13, 5 Billionen Dollar größer als das der USA (12,5 Billionen Dollar) und sowohl Japan (4,6 Billionen Dollar), China (2,2 Billionen) und Kanada (1,1 Billionen Dollar) vertreten letztendlich eher eine Politik des sozialen Ausgleichs, welche der europäischen Linie nahesteht. Wir müssen uns nur aufraffen und zu unserer Vision stehen. Dann bewahrheitet sich vielleicht Jeremy Rifkins Idee vom europäischen Traum.

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Was Europa zu einer ausgeglicherenen Welt beitragen kann - Teil 1: Strukturelle Reformen

Posted 24. Januar 2007 by
Categories: Wirtschaftspolitik

Damit Europa der Dominanz der amerikanischen Hauptquartierswirtschaft etwas entgegensetzen kann, muss es zuerst einmal daran arbeiten, nicht selbst zur Hauptquartierswirtschaft zu werden. Denn in weiten Teilen Europas bildet sich dieses Muster zunehmend heraus - namentlich in Großbritannien und Deutschland, wo internationale Konzerne die Szene in vielen Wirtschaftsbereichen dominieren.

Dies sieht man z.B. im Verhältnis von West- zu Osteuropa, was die Handelsformen anbetrifft, denn es hat sich ein Muster herausgebildet, welches wir relativ gut kennen: Der hochwertige Teil der Wertschöpfung, also Planung, Design und komplizierte Produktteile findet im Westen statt, die eher manuelle Produktion im Osten. Und da die Märkte von sehr großen Unternehmen dominiert werden, schließt Osteuropa eben nicht zur Produktivität Westeuropas auf, denn die Lücke ist ja durch eben diese Arbeitsteilung bedingt.

Das Problem liegt also in der aktuellen Wirtschaftstruktur, die Länder und Regionen in Zentrum und Peripherie einteilt. In den Zentren befinden sich hochwertige Arbeitsplätze, es existiert ein großen Angebot an Kunst, Kultur und Produkten aller Art - kurz: die Lebensqualität ist hoch. Die Peripherie hingegen ist unattraktiv - es fehlen Jobs und die Menschen, die weggehen können, weil sie gut genug ausgebildet sind, tun dies in der Regel.

Es gibt also nicht nur einen Trend zur immer deutlicheren Aufteilung in Zentrum und Peripherie, sondern auch einen Trend hin zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft. Die erste Klasse besteht aus Menschen, die Arbeit haben, also aus der Hauptquartierswirtschaft Nutzen ziehen. Die zweite Klasse besteht aus denen, die auf Grund einer derartigen internationalen Arbeitsteilung in einem Hochlohnland nicht gebraucht werden - einfach weil Menschen mit vergleichbaren Fähigkeiten anderswo für einen Bruchteil des in Westeuropa üblichen Lohns arbeiten. Aber auch der technische Fortschritt spielt hier eine Rolle.

Diese Entwicklung wurde übrigens von Keith Cowling vorausgesehen, der gemeinsam mit Roger Sudgen im Buch “Beyond Capitalism: Towards a new world order” die äußerst problematischen Konsequenzen eines Monopolkapitalismus, in dem die 500 größten Unternehmen 70% des Welthandels kontrollieren, beschreibt. Cowling klagt den neoliberalen Monopolkapitalismus an, nicht nur wegen der sich verschärfenden Ungleichheit an, sondern auch weil er das Wirtschaftswachstum abwürgt. Eine interessante These, zumal wenn man bedenkt, dass monopolisitsche Strukturen nur dann Interesse an Innovationen haben, wenn dadurch der Profit steigt, die dominante Marktstellung aber nicht beeinträchtigt wird.

Cowling und Sudgen machen auch einen konkreten Vorschlag, wie man dem Monopolkapitalismus begegnen kann - der Aufbau regionaler mittelständischer Netzwerke, deren berühmtester Vertreter wohl das Silicon Valley ist. Aber man kann auch Baden-Württemberg, Teile Irlands und die Emilia Romagna als solche mittelständischen Boomregionen bezeichnen.

Nun wurde das Buch aber 1994 verfasst und mittlerweile hat sich einiges getan - namentlich im E-Business-Bereich, welcher die Beziehungen zwischen den Unternehmen stark verändert hat. So ist es großen Konzernen mittlerweile möglich, die austauschbare Zulieferer gegeneinander im Rahmen von Vergabeauktionen, derart erfolgreich gegeneinander auszuspielen, dass sie selbst den meisten Gewinn realisieren und die Mittelständler nicht selten an den Rand des Ruins bringen. Hinzu kommt, dass aufgrund monopolisierter Handelsstrukturen der Mittelstand nicht unbedingt ein Produktions- sondern ein Absatzproblem hat. Wenn man, weil man zu klein ist, oder weil man der Handelsmarke der Supermarktketten Konkurrenz macht, nicht in selbigen gelistet wird, kann man noch so gute Produkte herstellen, man bekommt die Ware buchstäblich nicht an den Mann.

Es gilt daher nicht nur regionale und mittelständische Produktionsstrukturen zu fördern, sondern man muss etwas auf der Absatzseite tun, damit regionale Produkte auch gekauft werden. In Regionen mit starkem Zusammenhalt geschieht das schon heute, einfach weil Bayern, Schotten oder Basken schon aus Traditionspflege heraus, gern zu regional typischen Produkten greifen. In diesen Regionen gibt es in der Regel auch starke Administrationen, welche hart an der regionalen Wirtschaftsentwicklung arbeiten. Sie erkennen, wie unsicher es ist, langfristig auf multinationale Konzerne zu bauen, die während ihrer Wanderung zum jeweils günstigsten Standort, keine Rücksicht auf regionale Befindlichkeiten nehmen.

Nun können lokale Administrationen zwar vieles planen und beeinflussen, nicht aber die Kaufentscheidungen der Menschen. Denn letztendlich sind es die Kunden, die entscheiden, welchen Marktteilnehmern ihr Geld zufließt. Deshalb haben verschiedene Seiten alternative Gelder vorgeschlagen, welche die wirtschaftliche Entwicklung auf dem jeweiligen Gebiet von der üblichen Marktlogik abkoppeln sollen. So gab es immer Initiativen zur Einführung von Regionalgeldern. Auch Tauschringe stellen letzendlich eine Möglichkeit dar, sich vor Ort selbst zu helfen und auch seine persönlichen Fähigkeiten jenseits des offiziellen Arbeitsmarktes an den Mann zu bringen.

Nun decken aber Tauschringe nur wenige Produktgruppen ab und Regionalgelder wären sicherlich eine gute Sache, nur sind sie bisher relativ selten umgesetzt worden, was natürlich auch daran liegt, dass sie zum Ziel haben, die Handlungsspielräume der dominanten Großunternehmen - seien es nun die Banken oder die Handelsketten - einzuschränken.

Deshalb gilt es, dass Augenmerk auf den Konsum zu richten und ein kritischer Konsument zu werden. In einigen Gegenden ist diese Grundeinstellung schon relativ weit vorangeschritten. Als Beispiel sei hier Südtirol genannt, wo man sich in der regionalen Verbraucherzentrale gut über die Herkunft von Produkten und Dienstleistungen informieren kann. Südtirol stellt auch ein gelungenes Beispiel für eine starke, oft genossenschaftlich organisierte lokale Wirtschaft dar. Es liegt auf der Hand, dass eine kleingliedrig organisierte Wirtschaft viel besser in der Lage ist, Menschen zu integrieren und somit dass Problem der Zwei-Klassen-Gesellschaft entschärft. Eher nachhaltig operierende Genossenschaften sind nun mal weniger kapitalintensiv und menschenfreundlicher als industriell organisierte landwirtschaftliche Großbetriebe. Einen guten Überblick über Genossenschaften, Regionalentwicklung und Bürgergesellschaft gibt übrigens die Seite www.genoperspektiv.net.

Und genau hieran sollte sich Europa orientieren. Langfristig gilt es dezentrale und nachhaltige Produktions- und Vertriebsstrukturen aufzubauen, welche die Zentrum-Peripherie-Dynamik abschwächen und möglichst viele Menschen sozial integrieren. In solchen Strukturen kann man dann auch eigene Wege in Bezug auf Arbeitszeitregelungen und Lebensmodelle gehen.

Diese Strukturen müssen auch nicht zentral geplant werden, sondern können durch Initiativen vor Ort, als Graswurzelbewegungen entstehen. Anstatt in Apathie und Sinnleere zu versinken, könnten Gemeinden zielgerichtet an der Erhöhung des Regionalanteils im Konsum arbeiten - wohl wissend, dass dies auch für die eigene Steuerbasis von Vorteil ist. Eine Fülle von informativen Webseiten, Vereinen und Genossenschaften könnten aus dem Boden schiessen und versuchen das regionale Leben jenseits riesiger Großstrukturen in die Hand zu nehmen. Und schliesslich haben solche Strukturen in Deutschland ja auch Tradition, wie ein Blick auf die vielfältige Vereinslandschaft, die es vor einhundert Jahren gab, beweist. Wir müssen nur mit neuen Ideen zu unseren Wurzeln zurückkehren.

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Der traurige Aufstieg Amerikas zur Hauptquartierswirtschaft

Posted 22. Januar 2007 by
Categories: Betrachtungen

Eine Wirtschaftspolitik, welche sozialen Ausgleich und möglichst große Verwirklichungschancen für viele Menschen zum Ziel hat, muss internationale Zusammenhänge berücksichtigen. Denn mittlerweile sind die Zwänge, vor welche uns die Globalisierung stellt, auch für Europa so groß, dass wir sie nicht mehr ignorieren können.

Diese Zwänge entstehen, weil sich seit Mitte der 70er Jahre ein sehr ungleiches Muster herausgebildet hat, welches man als Hauptquartierswirtschaft bezeichnen kann. Seit dem Machtantritt Nixons bewegen sich die USA immer weiter weg von einer mittelständischen und demokratischen Gesellschaft, haben also einen Pfad eingeschlagen, der das Kapital in den Händen weniger Vermögender zu Lasten der Arbeitnehmer auf der ganzen Welt begünstigt.

Diese Hauptquartierswirtschaft zeichnet sich durch flexible Produktion und politische Kontrolle aus. Die Produktion wird dabei so organisiert, dass im Hauptquartier selbst nur die hochwertigen bzw. wichtigen Wertschöpfungsprozesse (Kernkompetenzen) verbleiben, der Rest aber ausgelagert wird (Outsourcing). Das führte historisch betrachtet zu mehreren Verlagerungswellen. Zuerst ging man von Massachusetts nach Texas, dann von Texas nach Mexico und heute befindet sich die Produktion vielleicht in Asien.

Auf der politischen Seite wird die entstandene wirtschaftliche Ungleichheit von immer problematischeren und äußerst konservativen innen- und außenpolitischen Maßnahmen begleitet. Innenpolitisch haben die Gewerkschaften an Bedeutung verloren und die Reallöhne der Arbeiter und Angestellten sind in den letzten 30 Jahren im Gegensatz zu den Gewinnen kaum gestiegen. Ausserdem stürzen viele Menschen, die keinen der hochwertigen Jobs ergattern können, in extreme soziale Unsicherheit und Armut ab. Gleichzeitig wurden demokratische Einrichtungen immer mehr geschwächt, was zu Politikverdrossenheit, allgemeiner Wahlbeeinflussung durch Spin Doctoring und sinkenden Wahlbeteiligungen geführt hat. Die Gesellschaft teilt sich in jene, die sich etwas vom Kuchen abschneiden können und jene die herausfallen.

Außenpolitisch geht es in einem solchen System vor allem um Macht- und Ressourcensicherung. Es müssen sowohl der Zugriff auf billige Arbeitskräfte und Rohstoffe, als auch die internationale Mobilität des Kapitals gesichert werden. Das hat in der Vergangenheit zu äußerst problematischen Politiken sowohl in Lateinamerika, als auch in der arabischen Welt geführt. In Lateinamerika wurden etwa amerikatreue Diktaturen installiert - etwa in Chile und Argentinien und auch die vielen Inflationen und Instabilitäten der 80er Jahre wurden oft durch flüchtiges Kapital verursacht. Eduardo Galeano hat die Schattenseiten dieser Abhängigkeit in “Die offenen Adern Lateinamerikas” meisterhaft beschrieben. Deshalb wenden sich heute in Lateinamerika immer mehr Länder mehr oder weniger offen von den USA und den Politiken, die sie via IWF und Weltbank vorschlagen ab.

Auch in der arabischen Welt hat die USA viel Leid angerichtet und im Grunde genommen zur Aufrechterhaltung veralteter politischer Strukturen geführt. Dies wird z.B. vom Kabarettisten Volker Pispers sehr schlüssig dargestellt. Zuerst stützte man den Schah als “Bollwerk gegen den Kommunismus” und um sich den Zugriff auf das iranische Öl zu sichern. Als dieser aufgrund seiner menschenverachtenden Politiken letztendlich von iranischen Fundamentalisten unter Führung von Ayatollah Khomeini gestürzt wurde, rüstete man Saddam Hussein auf und stiftete ihn zum Krieg gegen den Iran an. Auch die saudischen Prinzen konnten sich mit Hilfe Amerikas an der Macht halten, was zur Finanzierung fundamentalistischer Strömungen des Islam führte und zunehmend die ganze Region destabilisiert.

Wir haben es also mit einem Muster zu tun, welches nicht nur zu Kriegen um Rohstoffe führt, sondern zunehmend die soziale Entwicklung der Menschheit umkehrt. Menschenrechte und Demokratie weichen Strukturen, die man ohne zu übertreiben als neofeudalistisch beschreiben kann.

Viele amerikanische Wissenschaftler sind sich dieser traurigen Entwicklung bewusst und versuchen eine Umkehrung des Musters zu bewirken. Ökonomen und Soziologen wie Joseph Stiglitz, Paul Krugman, John Kenneth Galbraith und Jeremy Rifkin beschreiben seit Jahren ihre negativen Aspekte. Bezeichnend sind z.B. Krugmans “The great unraveling” und Rifkins “Der Europäische Traum. Die Vision einer leisen Supermacht”.

Dies ist jedoch kein einfaches Unterfangen, denn wie Lester Thurow in “Die Zukunft der Weltwirtschaft beschreibt“, werden sich die Eliten Amerikas - und leider auch in zunehmenden Maße die Eliten Europas - alles daran setzen, um ihre Machtposition zu sichern. Was wir trotzdem tun können, wird Inhalt eines der nächsten Artikel sein.

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Spin doctoring, Manipulation und Handlungsfähigkeit

Posted 21. Januar 2007 by
Categories: Betrachtungen

In letzter Zeit wird oft von Spin Doctoring, also der gezielten Beeinflussung der Wahlergebnisse durch psychologische Tricks gesprochen. Doch was steckt dahinter? Das Spin Doctoring wurde in den USA erfunden und ist die Kunst der gezielten Beschönigung von Tatsachen. Doch warum kann man Tatsachen überhaupt beschönigen?

Hierzu lohnt es sich weiter auszuholen. Das menschliche Gehirn stammt von Säugetierhirnen ab, unterscheidet sich aber von diesen durch eine übermäßig große Großhirnrinde (Neokortex). Diese ermöglicht uns eine erstaunlich große Flexibilität und zwei ganz fundamentale Dinge - die Fähigkeit zur Sprache, also zum Denken und Kommunizieren in abstrakten Begriffen und zur Bewusstheit, also der Möglichkeit seine eigenen Handlungen reflektieren zu können.

Wir teilen aber mit den anderen Säugetieren das sogenannte limbische System, haben also Emotionen unterschiedlicher Komplexität (eine einfache Emotion ist z.B Angst und eine komplexere das Schamgefühl), welche unser Verhalten stark prägen. Emotionen und Gefühle sind entscheidend für unser Verhalten, sie helfen uns verschiedene Situationen sehr schnell zu meistern, ohne dass wir lange nachdenken müssen (Joseph LeDoux gibt einen guten, wenn auch recht technischen Einstieg in diese Themen. Wichtig ist auch Antonio Damasios Theorie der somatischen Marker).

Bei der Angst, welche Fluchtreaktionen auslöst liegt es auf der Hand, aber auch Gruppenemotionen, wie z. B. die Fähigkeit Betrugsversuche besser durchschauen zu können, waren in unserer teilweise recht kruden Vergangenheit sicherlich von Vorteil, als Schnelligkeit vor Genauigkeit kam. Das Nachdenken und das sich anschließende Orientieren des Handelns an einer bewußten Ethik sind Errungenschaften, die sich nur nach und nach einstellten und auch heute nicht immer vorausgesetzt werden können.

Denn mit diesem ‘immer’ steht und fällt, was ich die zentrale Errungenschaft der Aufklärung nennen möchte, dass Orientieren von Entscheidungen anhand langfristiger Überlegung. Und auf die Schwächung dieser Entscheidungsfähigkeit zielt das Spin Doctoring ab, wobei mehrere Wege offen stehen.

  • Der erste Weg ist offensichtlich und besteht in der Geheimhaltung von Informationen. Wer nicht genug über einen Sachverhalt weiß, kann auch keine vernünftigen Entscheidungen treffen.
  • Eine zweite Möglichkeit besteht in der gezielten Überinformation oder auch der verfälschten Darstellung von Informationen, sodass derjenige welcher eine Entscheidung treffen soll, die Qual der Wahl hat oder die Richtigkeit der Informationen bezweifeln muss.
  • Der dritte Weg ist am subtilsten und wird oft mit Möglichkeit 2 verknüpft. Hier werden Informationen bewusst emotional dargestellt und gleichzeitig werden Sympathieträger benutzt, welche ihr positives Image auf die Informationen übertragen.

Das ganze funktioniert, wie Robert Zajonc herausgefunden hat, weil unsere Preferenzen keine Inferenzen benötigen, oder einfacher ausgedrückt, weil man etwas mögen kann, ohne es hinterfragt zu haben und weil es uns nur schwer gelingt, etwas dass wir mochten, nach einer entsprechenden Information nicht mehr zu mögen. Ein alltägliches Dilemma, an dem man den Konflikt zwischen Emotionen und Kognition gut beobachten kann, ist z. B. die Reaktion auf einen Seitensprung des Partners, bzw. Liebesdramen im allgemeinen.

Damit diese Art der Manipulation funktioniert, muss die jeweilige Person oder Gruppe aber auch manipulierbar sein, was uns zu den politischen Implikationen von Spin Doctoring führt. In einer Demokratie, die Presse- und Meinungsfreiheit auf ihre Fahnen geschrieben hat, sind Mittel wie Folter und Drohung unzulässig. Man muss sich also etwas einfallen lassen. Wie stellt man aber konkret die Manipulierbarkeit z. B. in einer Demokratie sicher, um Macht und Ungleichheit zu zementieren?

Die Antwort ist einfach: Wenn ein genügend großer Teil der Wähler manipulierbar ist, kann man durch simple Propaganda soger Dinge durchsetzen, welche, bei Lichte betrachtet, unvorteilhaft für die Betreffenden ist. In Europa kamen faschistische Diktatoren ganz legal an die Macht, weil sich viele Menschen, die nach dem Abdanken der Monarchen auf einmal wählen durften, täuschen ließen, also auf überzogene Versprechen hereinfielen.

Heute ist der allgemeine Bildungsstand der Bevölkerung zwar wesentlich höher, aber mittlerweile sind auch die Methoden zur Beeinflussung viel genauer geworden. Warum soll man z.B. klare Positionen vertreten, wenn klar ist, dass vielleicht bis zu 80% der Menschen eher mit dem Bauch, bzw. nur in Bezug auf ihr tägliches Umfeld entscheiden? Dies haben auch die Politiker begriffen. Es ist nun mal nicht zielführend, genaue Positionen zu vertreten, weil dadurch der Presse viel mehr Angriffsfläche bieten würden.

Problematisch an dieser Entwicklung sind jedoch ihre kulturellen Konsequenzen. Reklame und Manipulation haben unsere Denkweise so erfolgreich verändert, dass unsere gesamte Kultur des Wissens, des Entscheidens auf Basis von Ethik und langfristig orientierter Überlegeung - kurz die Errungenschaften der Aufklärung - dadurch untergraben werden.

Wir werden aber zunehmend handlungsunfähig, wenn immer mehr Menschen in einer künstlich erzeugten Traumwelt leben, bzw. unfähig sind, anhand klarer Fakten vernünftige Entscheidungen zu treffen, und sich statt dessen durch kleingeistige Verleumdungen in ihrem Urteil beeinflussen lassen. In den USA ist das allgemeine Lebensgefühl schon recht kleingeistig und heuchlerisch geworden. Fragt sich, wie lange sich Europa noch halten wird.

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Vermachtung, Pfadabhängigkeit und Verwirklichungschancen

Posted 20. Januar 2007 by
Categories: Ökonomische Theorie

An den meisten deutschen Hochschulen, welche einen Studiengang in Volkswirtschaftslehre haben, wird den Studenten nur das dominante Paradigma - die neoklassische Theorie vermittelt.

Praktisch sieht das dann so aus, dass üblicherweise Einführungskurse in Mikro- und Makroökonomie gelesen werden, welche mit recht viel Statistik und Ökonometrie gewürzt sind und in seltenen Fällen ringt man sich dazu durch, etwas Theoriegeschichte und Institutionenökonomik beizumischen. Damit die Harmonie nicht gestört wird, ist die Theoriegeschichte meist so aufgebaut, dass das neoklassische Paradigma als die letzte Errungenschaft erscheint und die Institutionenökonomik (welche im Grunde Jahre des Studiums in ganz anderen Feldern wie Soziologie und Anthropologie voraussetzt, um wirklich verstanden zu werden) wird zu einem gut begründeten Lobgseang auf den Marktmechanismus.

Doch der Schein trügt. Die Volkswirtschaftslehre ist zutiefst reformbedürftig und in der Krise. Das sieht man an mehreren Anzeichen.

  1. Das Menschenbild ist zu simpel und liefert, wie schon im Post Ökonomie und Ethik betont, keinen Ansatzpunkt, um die Unterschiede zwischen den Menschen zu behandeln.
  2. Das Layout der Neoklassik ist mechanistisch und ähnelt, im übrigen darin der Physik vor Einstein. Komplexere, nichtlineare Zusammenhänge werden deshalb nur schwerlich fassbar.
  3. Die Versuche dieses Paradigma zu verteidigen, haben zum Ausschluß jeglichen abweichenden Gedankengutes geführt. Es werden also nicht nur entgegengesetzte Positionen, wie etwa der Marxismus, sondern auch korrigierende Ansätze, wie die auf Keynes zurückgehende Globalsteuerung mit Hilfe geigneter Fiskal- oder Geldpolitik zunehmend ins Abseits gedrängt.
  4. Mehrere Nobelpreisträger der Ökonomie, wie etwa John Hicks, Maurice Allais und auch Amartya Sen haben sich später zum Teil recht deutlich von ihren anfänglichen Positionen losgesagt, bzw. selbige relativiert und kritische Gedanken entwickelt.
  5. Mittlerweile haben die Gedanken von Ökonomen kaum noch Einfluss auf die politischen Geschehnisse, was vor allem in den USA zu egoistischem Karrierismus führt, wie David Colander schön beschreibt. Denn immerhin bietet so eine Professur ja einige Annehmlichkeiten…

Nun ist es aber nicht so, dass es keine kreativen, intelligenten und weitsichtigen Ökonomen gäbe, nur ist ihre Arbeit eben weitgehend unbekannt, denn auf sie stößt man erst, wenn man sich richtig gut auskennt.

Deshalb möchte ich drei Ökonomen vorstellen, welche übrigens aus recht unterschiedlichen Ecken kommend, versucht haben, die neueren Entwicklungen nachzuzeichnen und zu verstehen, aus welchen Gründen wir vor unseren heutigen Problemen stehen. Natürlich können die jeweiligen Ansätze nur skizzenhaft wiedergegeben werden.

Zunächst wäre da Douglass North, der sich, aus der Wirtschaftsgeschichte stammend, intensiv mit Institutionen und den ihnen imminenten Transaktionskosten auseinandegesetzt hat. In seiner Nobel lecture verabschiedet er sich vom neoklassischen Modell und macht die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Kultur von einer komplexen Mischung von formalen Regeln, informellen Normen und effektiven Methoden der Durchsetzbarkeit letzterer abhängig. Im Grunde greift er damit Max Weber’s Ansatz von der protestantischen Ethik und dem Geist des Kapitalismus auf und verallgemeinert diese. Erst wenn eine Kultur bestimmte, teilweise recht materialistische Werte entwickelt und diese gegenüber den einzelnen Mitgliedern effektiv durchsetzt, findet wirtschaftliche Entwicklung statt. Diese ist historisch betrachtet allerdings eher ein Einzelfall, denn

“Institutions are not necessarily or even usually created to be socially efficient; rather they, or at least the formal rules, are created to serve the interests of those with the bargaining power to create new rules. In a world of zero transaction costs, bargaining strength does not affect the efficiency of outcomes; but in a world of positive transaction costs it does.”

Nur wenn also die Eliten eines Landes wirtschaftliche Entwicklung wollen, weil das mit ihren Machtinteressen übereinstimmt, wird diese auch stattfinden. Die Geschichte Lateinamerikas spricht Bände.

Brian W. Arthur ist der findige Mathematiker unter den kritischen Ökonomen. In Spieltheorie und Statistik verhaftet, zeigt er wie komplex unsere heutige Wirtschaft sein kann, weshalb es schwierig wird, gute Entscheidungen zu treffen. Im besonderen ist es die technologische Entwicklung, welche nach bestimmten Regeln verläuft und unser Leben verändert. So kann es z.B. in einer Wirtschaft, die sich durch ‘increasing returns’, also steigende Skalenerträge auszeichnet, zu Pfadabhängigkeiten kommen, was bedeutet, dass auch Wege eingeschlagen werden können, die nicht der Allgemeinheit dienen, sondern spezifischen Interessen. Somit lassen sich zum Beispiel die Debatten zu open-source-Projekten gut verstehen.

John Kenneth Galbraith, der im Grunde ähnliche Analysen wie North und Arthur erstellte, war nicht nur ein begnadeter Ökonom, sondern auch ein bedeutender Wirtschaftspolitiker, da er nach J. F. Kennedy so ziemlich alle Kandidaten der demokratischen Partei der USA wirtschaftspolitisch beraten hat. Seine Ideen zur Überflussgesellschaft und der Technostruktur haben die öffentliche Dibatte nachhaltig beeinflusst. Seit Galbraith ist klar, dass große oligopolistische Marktstrukturen wirtschaftlich effizienter sind - ein Fakt der mit dem Aufkommen der Eisenbahn und der großen Ölgesellschaften immer deutlicher wurde - und dass das Ideal von Konkurrenzmärkten nicht nur kaum realisierbar ist, sondern auch nicht unbedingt wünschenswert.

Aus den Ansätzen dieser drei Ökonomen lassen sich mehrere bedeutende Schlussfolgerungen ziehen, welche gleichzeitig Ergebnisse eines neuen ökonomischen Gedankengebäudes sein sollten. In einer Welt mit steigenden Skalenerträgen sind die Verwirklichungschancen ungleich verteilt. Das bedeutet, dass die heutigen Produktionstechnologien systematisch Teile der Bevölkerung ausschließen und nicht alle Menschen sich ihr Brot durch Arbeit verdienen können, ohne in eine kaum zu tolerierende Armut abzurutschen.

Eine soziale Grundversorgung, die - sei es in Form von Bürgergeld oder sonstigen Unterstützungen - nicht nur soziale Unruhen verhindert, sondern auch Verwirklichungschancen garantiert, ist somit nicht nur wünschenswert, sondern auch notwendig, wenn man nicht in sehr ungleiche und fast feudalistische Strukturen zurückfallen will.

Es ist allerdings fraglich, ob sich ein allgemein anerkanntes ökonomisches Gedankegebäude dieser Art entwickeln wird, denn immerhin stützt die alte Neoklassik wichtige Interessen - ein Fakt den übrigens schon der Vater von Leon Walras schätzte.

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Effizienz und Effektivität

Posted 18. Januar 2007 by
Categories: Betrachtungen

Es gibt ein kleines Büchlein von Franz Josef Radermacher, welches den schönen Namen “Globalisierung gestalten” trägt. Radermacher ist insofern interessant, als das er schon seit einigen Jahren die Initiative “GlobalMarshallPlan” vorantreibt und in Zeiten des Niedergangs des Mittelstandes und des zunehmenden Druckes auf den kleinen Mann, politische Maßnahmen vorschlägt, um Errungenschaften wie Demokratie und die soziale Marktwirtschaft zu bewahren und Ziele wie Nachhaltigkeit und globalen Wohlstand voranzubringen.

Im Buch plädiert er für nachhaltigere Rahmenbedingungen und geht unter anderem auch auf die in der Wirtschaftswissenschaft häufig anzutreffende Unterscheidung zwischen Effizienz und Effektivität ein. Er verknüpft diese Begriffe, die in den meisten Vorlesungen nur trocken definiert werden, mit einem interessanten Gedanken. So mag der Marktmechanismus heute zwar effizient sein, in dem Sinne dass bestimmte Aufgaben mit geringstmöglichem Aufwand erfüllt werden, aber eben nicht effektiv, weil nicht alle Aufgaben erfüllt werden, welche eine Wirtschaft normalerweise erreichen sollte.

Es besteht also die Möglichkeit, dass der Wettbewerb Ergebnisse produziert, welche bestimmte Ziele erfüllen und andere eben nicht. Wir scheinen dem roten Tuch des Reichtums und der persönlichen Bedeutung hinterherzurennen, aber kaum mehr Zeit für die Familie, die Freunde, uns selbst oder ein Hobby zu haben. Die Überbewertung des Materiellen wird auch vom recht jungen Forschungsgebiet “Happiness & Economics” bestätigt. Ein Ergebnis ist besonders bezeichnend. Auf der einen Seite sind zwar “die Beziehungen zu anderen Menschen (Familie, Partner, Kinder und Freunde) gefolgt von dem Gefühl, etwas Nützliches zu tun und je nach den Umständen Gesundheit und Freiheit… der wichtigste Glücksfaktor”, auf der anderen Seite “schlagen … Geld und Prestige … in unserem Wertesystem immer Familie und Freunde, auch wenn Letztere nachhaltigere Glücksfaktoren sind. Mit anderen Worten: Wir treffen systematisch Fehlentscheidungen.”

Diese Unfähigkeit der meisten nicht nur ‘effizient’ loszurackern, sondern auch ‘effektiv’ die wirklich wichtigen Dinge anzustreben, hat dramatische Folgen. Anstatt z.B. an langfristig haltenden Beziehungen und Freundschaften zu arbeiten, lässt man sich in ein Hamsterrad einspannen und wundert sich dann, warum, wenn das alle so machen, die Beziehungen immer flacher werden, Partner, sobald sie Schwierigkeiten machen, ausgetauscht werden und man materiell zwar unendlich viel reicher ist als früher, aber zunehmend an Beziehungsunsicherheit leidet.

Das erklärt auch, warum gesellschaftlich wichtige Ziele, wie eine stabile Geburtenrate, öko-effizientes Wirtschaften oder eine zufrieden stellende Integration von alt und jung nicht erreicht werden. Anstatt mühevolle Beziehungsarbeit, was auch an sich selbst arbeiten bedeutet, zu leisten, fallen viele auf ihr persönliches Prestige zurück und beziehen ihre Identität durch die Sachen, die sie anhäufen.

Mal abgesehen davon, dass eine solche Kultur arbeitswütiger Individualisten gewissen Kreisen nützt, die mit Hilfe von Werbung auch ständig suggerieren, dass man sich Glück erkaufen kann, sind wir es selbst, mit unserem Unwillen erwachsen zu werden, die diesen Kräften in die Hände arbeiten.

Was heißt das aber für unser Argument der Effizienz, also der Erreichung langfristigen Glücks? Es gilt, und das ist zugegebenermaßen alles andere als einfach, bei sich selbst anzufangen und den im Grunde genommen leeren Versprechungen der Reklame nicht mehr zu glauben. Konsum macht nicht glücklich. Wer stark ist, schafft es auch, trotz aller Begabung, nicht auf das Hamsterrad aufzuspringen und an anderen Dingen zu arbeiten. Wenn wir uns auf uns selbst besinnen, die Angst besiegen und einfach das tun, von dem wir merken, dass es richtig ist, werden langsam aber sicher auch auf der gesellschaftlichen Ebene die richtigen Entscheidungen getroffen werden.

Dann werden wir anfangen, uns zu organisieren und z.B. auf lokaler Ebene zu engagieren. Es wird wieder glaubwürdige Politiker geben, welche die vorhandenen Strukturen nutzen werden, um gute Dinge zu realisieren. Wir müssen nur aufhören, uns selbst zu betrügen.

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Sozialliberalismus als Rekonstruktion von Gemeinschaft

Posted 14. Januar 2007 by
Categories: Wirtschaftspolitik

Liberale Theoretiker machen einen scharfen Unterschied zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft (David Hume, Ferdinand Tönnies). In der Gemeinschaft, also der Familie und der näheren Umgebung sind Werte wie Brüderlichkeit und Solidarität wünschenswert, in der Gesellschaft hingegen führt die Verordnung von Solidarität oft zum Absterben von Gemeinschaft. Deshalb seien staatliche Eingriffe und Umverteilungsmaßnahmen oft kontraproduktiv, weil sie die Eigeninitiative unterbinden.

In der Tat wurde im Kommunismus soviel Gemeinschaft gepredigt, dass die Einzelnen oft ihren Status als Arzt oder Bürgerlicher betont haben, indem sie ins Theater gingen, entsprechende Literatur lasen und sich einfach dadurch, wie sie sich gaben, vom einfachen Volk abhoben. Zuviel Gleichheit von Seiten der Gesellschaft verkehrte sich in ihr Gegenteil und die Gemeinschaft hatte oft etwas Künstliches an sich. Das hat dann nach der Wende auch zu einer Art Nachwendeindividualismus geführt - mit dem Ergebnis, dass Leute die sich vorher gut kannten, auf einmal mit anderen, nur weil sie vielleicht arbeitslos oder sonstwie schlechter gestellt waren, nichts mehr zu tun haben wollten.

Es gibt aber auch eine andere Möglichkeit, die Eigeninitiative zu unterbinden, namentlich, wenn die Bürger so stark für die materielle Leistungserstellung herangezogen werden, dass für die gemeinschaftlichen Aufgaben immer weniger Zeit bleibt. Und dies scheint immer mehr zum Problem zu werden. Der ökonomische Druck, der nun einmal aufgrund von hoher Arbeitslosigkeit existiert, führt nicht nur zu stagnierenden bzw. sinkenden Reallöhnen, sondern eben auch zu einem Mangel an Gemeinschaft, der oft schon in der Familie anfängt. Denn wie viel Zeit wird den Kindern und Alten wirklich gewidmet?

Bei echtem gesellschaftlichen Engagement mit Integrationswirkung (zeitaufwendig) sieht es dann noch schlechter aus. Und so kommt es eben zur „negativen Individualisierung“ (siehe http://axonas.twoday.net/stories/1779390/ ), also der innerlichen Abkehr und Ausgrenzung von immer mehr Menschen. Um es anders auszudrücken: Es ist einfach keine Zeit für Brüderlichkeit. Die Gesellschaft teilt sich in die stressgeplagten, zunehmend kinderlosen Arbeitenden und die ausgegrenzten Arbeitslosen.

Mein Argument gegen den heutigen, immer materialistischer geprägten, real existierenden, Kapitalismus ist nur in zweiter Linie eines, in dem es um Umverteilung geht. In erster Linie sehe ich Gemeinschaften und Familien zerbröckeln, weil der kollektiv gehegte Materialismus dem einzelnen in der Regel kaum eine Wahl lässt und ihm Verhaltensweisen und Entscheidungen, nun sagen wir mal, doch recht nahe legt. Es liegt also kein Zwang vor, aber das Entscheidungsfeld des Einzelnen zeichnet sich durch gesellschaftlich bedingte Opportunitätskosten aus, welche das Gegen-den-Strom-Schwimmen schwer machen.

Mir ist auch nicht klar, und damit will ich mich von der Staat-Markt-Plattitüde schon jetzt abgrenzen, ob man an dieser Dynamik überhaupt etwas ändern kann. Immerhin geht es nicht nur um einfache Verteilungsproblematiken, sondern um eine dynamische, dem System immanente Veränderung der Lebenswelten, welche unser Verhalten prägt und die durch ein paar Regelungen nicht so einfach umkehrbar sind.

Deshalb würde ich dennoch vorstellbare Gegenmittel nicht unbedingt als Umverteilungsmaßnahmen beschreiben, sondern vielmehr als eine Mischung aus Struktur- und Sozialpolitik. Das heißt konkret - entgegen der heutigen Tendenz hinzu wirtschaftlicher Verwertbarkeit – z.B. wieder mehr Wert auf humanistische Fächer zu legen und vielleicht sogar eine Art soziales Jahr als Pflichtjahr einzuführen oder zumindest nahe zu legen.

Was die Strukturpolitik angeht, sollten wir vielleicht einige Wirtschaftsbereiche wie den Handel, die Landwirtschaft oder das Handwerk vor zu hoher Konzentration schützen, also mitnichten liberalisieren, um soziale Netze und allgemeines Kulturgut und eben auch Arbeitsplätze zu schützen. Was nützt uns zum Beispiel ein hocheffizienter Einzelhandel, wenn wir hinterher die so entstandenen Arbeitslosen nicht nur bezahlen, sondern mit Sozialarbeitern, etc. auch noch sozial integrieren müssen. Mal abgesehen davon, dass mittlerweile in vielen Dörfern keine Läden mehr existieren, was wiederum die Kosten für Altenbetreuung nach oben treibt.

Der Begriff ‚sozialliberal’ gewinnt in diesem Zusammenhang also eine neue und eigentlich eher spirituelle als denn materielle Qualität. Es gilt Maßnahmen durchzusetzen, welche den Menschen, die Zeit, aber auch die soziale Kompetenz für das Schaffen von Gemeinschaften zurückzugeben, damit nicht Frustration und Verflachung zu einer raueren und gewaltbereiteren Gesellschaft führen, die immer näher zu rücken scheint.

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Der feine Unterschied - Wie 200 Jahre alte Ideen unser Leben bestimmen

Posted 10. Januar 2007 by
Categories: Ökonomische Theorie

Die heutige Ökonomie entstand, wie wir wissen, mit Adam Smiths Buch An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations (1776). Smith argumentierte damals für freiere Märkte, damit am eigenen Wohlstand interessierte Individuen im Wettbewerb untereinander mit Hilfe von Erfindungsgabe und Arbeitsteilung den Wohlstand der Nationen mehren.

Smith schrieb damals für das aufstrebende Bürgertum, in einer Zeit, als das öffentliche Leben noch sehr stark von traditionellen Vorstellungen von Seiten des Adels und der Kirche geprägt war. In seiner Weitsicht sah er den Egoismus des Einzelnen jedoch nicht als Allheilmittel, sondern sprach ganz gezielt von öffentlichen Aufgaben und warnte vor Monopolen.

Bald darauf erschien Jeremy Benthams An Introduction to the Principles of Morals and Legislation (1780). Bentham konnte jedoch mit seinem Versuch die menschliche Motivation auf die Quantifizierung eines abstrakten Nutzens zu reduzieren, dem weit gereisten schottischen Gelehrten nicht das Wasser reichen. Dieser hatte nämlich mit seiner „Theory of Moral Sentiments schon (1759) eine viel umfassendere Beschreibung des kultivierten Menschen geliefert. Aber Benthams zwei Grundideen, dass der Mensch Egoist und Hedonist sei, hatten Erfolg und der Grundstein für die marginale Nutzentheorie war gelegt. (Der Aufstieg des Bürgertums führte leider auch zu einer Verflachung der Debatte – die eifrigen Praktiker hatten wohl keine Zeit sich auf die Höhe geistig Gebildeter Privatgelehrter zu begeben und der Konflikt mit den Sozialisten war auch nicht hilfreich.)

Die Überhöhung von Smiths liberalen Ideen besorgte dann der Begründer des Laissez-faire – Jean Baptiste Say. Dem Liberalen Smith war noch klar, dass zwar die Gier der Kapitalisten mit Hilfe des Konkurrenzmechanismus den allgemeinen Wohlstand heben würde, dieses aber nur auf dem Wege des Aufstieg und Falls verschiedener Sektoren (Strukturwandel) geschehen und vielleicht auch zu makroökonomischen Verwerfungen führen würde. Der Liberist Say hingegen behauptete, dass das Angebot immer in der Lage sei, sich seine Nachfrage zu schaffen (Say’sches Theorem) und das nicht nur das allokative (Produktionseffizienz), sondern auch das distributive Ergebnis (Verteilungsgerechtigkeit) des Marktmechanismus voll gerechtfertigt sei.

Say’s recht dogmatische Behauptungen waren pure Spekulation, wurden aber im sich verhärtenden Konflikt zwischen Kapital und Proletariat während der Restaurationszeit in die offizielle Ideologie des Bürgertums übernommen. Aber schon in dieser Zeit erhoben sich auch im bürgerlichen Lager Stimmen, die mit dem Liberismus Says nicht einverstanden waren. Interessant sind zum Beispiel die Schriften von Melchiorre Gioja, der in Nuovo prospetto delle scienze economiche (1815) für Staatseingriffe plädierte, um heranwachsende Industrien zu schützen, um Wachstum zu stimulieren und um Beschäftigung zu sichern.

Leider haben spätere sozialistische und kommunistische Theorien das bürgerliche Lager in eine Ecke gedrängt und der scheinbar kleine und doch riesengroße Unterschied zwischen Smith und Say geriet in Vergessenheit (was auch dazu führte, das Vertreter der Smith’schen Variante schnell als Linke beschimpft wurden). Smith plädierte dafür, den Motor Kapitalismus für das menschlichen Wohlergehen zu benutzen, warnte aber zugleich vor einer Welt, in der das Streben nach materiellem Wohlstand als letzter Sinn gesehen wird und plädierte deshalb für das Primat der Politik über die Wirtschaft.

Says ökonomische Theorie, hingegen, trägt religiöse Züge: Der Markt ist letzter Zweck, alles ist ihm unterzuordnen, denn er kennt weder Instabilitäten, noch Verteilungsungerechtigkeiten.

Wie die Geschichte gezeigt hat, ist der Marktmechanismus weder perfekt, noch grundfalsch, weshalb ja auch alle Industriestaaten Kartellämter und Zentralbanken haben, sowie industrie- und sozialpolitische Maßnahmen ergreifen. Allerdings sind diese Institutionen nur nach und nach entstanden, denn wie Smith ahnte, Marx begriff und Schumpeter mit der Idee von der schöpferischen Zerstörung auf den Punkt brachte, bedeutet der Kapitalismus ständige Veränderung, welche die gegebenen Institutionen immer wieder auf die Probe und in Frage stellt.

Es ist erstaunlich wie alt doch manche Debatten sind und wie wenig die ökonomische Theorie vorangekommen zu sein scheint. Allerdings ist dies ja auf Grund des kalten Krieges und der Spaltung in zwei Lager auch nicht verwunderlich. Heute stellen uns die Folgen dieser dogmatischen Zuspitzung, jedoch vor große Probleme, denn die zunehmende Ökonomisierung, der wir nur mit groben theoretischen Werkzeugen begegnen können, zerstört kulturelle und ökologische Vielfalt, Lebensräume sowie spirituelle und künstlerische Entfaltungsmöglichkeiten.

Nach Ende des kalten Krieges und im Zeitalter der Globalisierung sollten wir jedoch von Adam Smith lernen, und begreifen, was es heißt ein humanistischer, an Demokratie und Menschenwürde festhaltender Liberaler zu sein. Der Markt ist nützlich, aber nicht alles, Probleme werden immer wieder auftreten, aber wir können mit Hilfe besserer Institutionen uns den großartigen Motor weiterhin zunutze mache, ohne jedoch sein Sklave zu werden. Deshalb sind Regelungen, welche den Marktmechanismus zähmen und zivilisieren (wie zum Beispiel das Kartellrecht, Arbeitszeitregelungen und Ladenschlussgesetze, Familienunterstützungen, oder Werbebeschränkungen), kein störender Eingriff in den Marktmechanismus, sondern eine kulturelle Errungenschaft.

Angesichts der weltweiten Zunahme von Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und der Macht multinationaler Unternehmen ist es deshalb sicherlich sinnvoll, über weitere, auch internationale Regelungen nachzudenken, damit der Marktmechanismus der kulturellen Entwicklung des Menschen dient und seine Evolution nicht zu neuen weltweiten Konflikten führt.

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Lautere und unlautere Wege aus der Arbeitslosigkeit

Posted 10. Januar 2007 by
Categories: Wirtschaftspolitik

In den NachDenkSeiten wird in einem Artikel über ein Spiegel-Interview mit Bundespräsident Horst Köhler die Geschichte der Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik Deutschland gut zusammengefasst:

“Im letzten Jahr der Kanzlerschaft Helmut Schmidts 1981 lag die Arbeitslosigkeit bei 5,5%, sie stieg ab 1982 - nach der Regierungsübernahme von Helmut Kohl - auf 7,5% mit einem ersten Höhepunkt im Jahre 1985 mit 9,3%.
Mit dem Einigungsboom Anfang der 90er Jahre sank die Quote wieder auf 6,2%.
1990 wurde Köhler zum Staatssekretär im Finanzministerium berufen. Er war also selbst in verantwortlicher Position als der Einigungsboom abgewürgt und die Wirtschaft von 1993 bis heute ein miserables Wachstum von 1,2% hat.
Bei Köhlers Wechsel als Sparkassendirektor war die Arbeitslosenquote mit 8% wieder deutlich höher bis sie dann im letzten Jahr Kohls 1997 auf 10,8 Prozent anwuchs
Nur nach den Hartz-Reformen der Schröder-Regierung ist sie nochmals auf 11% angestiegen. (Zur Zeitreihe der Arbeitslosenstatistik siehe Statistisches Bundesamt)
Der Aufbau und die Verfestigung der Arbeitslosigkeit fand also statt, obwohl seit 1982 die neoliberalen wirtschaftspolitischen Konzepte aus dem legendären Lambsdorff-Papier Stück für Stück umgesetzt wurden.
Seit gut 24 Jahren wird also die gleiche angebotsorientierte Wirtschaftspolitik getrieben, seit einem Vierteljahrhundert gibt es einen Sozialabbau nach dem anderen und dennoch hat sich die Arbeitslosigkeit „aufgebaut und verfestigt“.
Nach jeder erdenklichen Logik müsste man eigentlich schließen: Das schwerste „politische Versäumnis“ ist, dass geleugnet wird, dass die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik in Reinform gescheitert ist.
Nicht so unser Bundespräsident: Er behauptet in dem Interview, wir stünden bei der „grundlegende Erneuerung Deutschland“ „erst am Anfang“.”

Nun sind weder die makroökonomische Entwicklung - also das Ansteigen der Arbeitslosigkeit - noch die Reaktion der Politiker, Phänomene, die man nur in Deutschland antrifft. Auch anderswo in Europa, vor allem aber in den USA sind sie gang und gäbe.

Was ist passiert? Die Antwort ist einfach, aber ungeheuer komplex zugleich: Der moderne Kapitalismus braucht zur Güterproduktion immer weniger Menschen. Da aber von einer privaten Wirtschaft nur die versorgt werden, die in den Prozess eingebunden sind, fallen logischerweise immer mehr Menschen aus diesem Versorgungstyp hinaus und werden zur Last eines zur gleichen Zeit immer effizienter werdenden Produktionsapparates.

Man könnte auch sagen, dass sich der Traum von der Vollbeschäftigungsgesellschaft nur in den 50er und 60er Jahren erfüllt hat und dass sich seit Beginn der 80er Jahre auch in den westlichen Gesellschaften ein Muster entwickelt, was aus Lateinamerika hinreichend bekannt ist - unsichere Jobs und Gelegenheitsarbeiten für immer mehr Menschen. Der Soziologe Ulrich Beck hat dafür in seinem Buch “Schöne neue Arbeitswelt” den Begriff von der Brasilianisierung des Westens geprägt.

Diese Entwicklung hat zu einer deutlichen Machtverschiebung von Arbeit hinzu Kapital geführt. Somit wird es den in den 70er und 80er Jahren entstandenen Großkonzernen möglich Druck auf Gewerkschaften und Regierungen auszuüben, und im Zweifelsfall den Standort in Niedriglohnländer zu verlagern.

Im Grunde genommen ist das Ausbleiben von Arbeit ein positives Ergebnis des nunmehr über zweihundert Jahre andauernden kapitalistischen Entwicklungsprozesses. Ökonomen wie John Stuart Mill und John Maynard Keynes sahen rosige Zeiten voraus, wenn produktionstechnische Probleme erst einmal gelöst wären.

Er stellt aber den Menschen vor eine große Herausforderung - über sich selbst und sein kleines Ego hinauszuwachsen, womit wir zum Thema kommen. Für großherzige und gleichzeitig weitsichtige Naturen wie Beck scheint das weniger ein Problem zu sein. Sie haben begriffen, dass der Satz “Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen”, katastrophale Folgen hat in einer Zeit, in der der Arbeitende einfach nicht so billig produzieren kann, wie durchorganisierte Großkonzerne und demzufolge auch keine Käufer findet. Sie fordern denn auch ein Bürgergeld, um die Grundversorgung sicherzustellen und das Leben wieder planbarer und lebenswerter zu machen.

Alternativ gibt es auch Vorschläge, die Wirtschaftsstruktur so zu verändern, dass lokale Wirtschaftsstrukturen gestärkt werden, um Entwicklung auch in der Peripherie möglich zu machen. Somit würde ineffizienter, aber sozialer und wegen der neu geschaffenen checks and balances sicherlich auch ökologischer produziert werden. Ein nachhaltiges und langsameres Wirtschaften würde vielerorts auch neuen Lebenssinn stiften.

Allerdings haben Reformer aller Art die Rechnung ohne den Wirt gemacht, namentlich die weltweit agierenden Großkonzerne, die weder für die sozialen Folgen ihrer Handlungen aufkommen, noch Macht abgeben wollen. Und für die Erhaltung dieser Macht tun sie einiges.

Dabei reicht die Palette von der großzügigen Vorbereitung von Gesetzesvorlagen, unlauteren Marktbereinigungsstrategien, der Vorspiegelung eines nicht-existenten Ökoimages (Fall Shell) über die gezielte Manipulation der Medien, der Inhalte einschlägiger Kurse an den Universitäten (nur keine Wirtschaftskritik…) und des Kurses von öffentlichen Forschungsinstituten bis hin zur direkten Bestechung, oder wenn das nicht hilft, der öffentlichen Verleumdung oder gar Beseitigung des Betreffenden.

Das Traurige ist, dass auf diese Weise unsere freiheitliche Kultur beschädigt wird und wir de facto eine Art gesellschaftlichen Rückschritt hin zu einer neuen Art von Feudalismus mit den entsprechenden Klassenunterschieden hinnehmen müssen. Dabei ist die nationale Politik handlungsunfähig und die existierende politische Kaste zu allem veranlagt und bereit, nur nicht dazu, fundamentale Probleme zu lösen. Was zählt ist das Sichern von Pfründen und gekonnte Herumlavieren um die eigentlichen Probleme.

Was entsteht ist also eine kleingeistige Kultur, welche es vorzieht, die vorhandenen Probleme zu verdrängen, anstatt sie anzugehen. Nebenbei altert die Gesellschaft, die Jugend wird mit den üblichen Mitteln dummgestellt oder verliert sich in Drogen und die allgemeine Kreativität und Lebensfreude nimmt ab.

Fragt sich nur, ob wir mit derart eingestellten Eliten im internationalen Wettbewerb langfristig wettbewerbsfähig sein werden.

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